Impfstoff gegen Misstrauen

Von Henning Kullak-Ublick, Oktober 2020

Ein Virus geht um! Ohne Impfstoff macht es krank, uns und unsere demokratische Kultur. Sein Name: Misstrauen. Die USA führen uns gerade vor, wie ihr selbstgefühlter Kaiser mit seinem Dauerstrom von Hass und Missgunst ziemlich geschickt darüber hinwegtäuscht, wie nackt er in Wirklichkeit dasteht.

Aber auch bei uns spaltet das Virus schon den politischen Diskurs, ganze Kollegien, Freundschaften und Familien.

Wenn ein Kind auf die Welt kommt, ist das der größte vorstellbare Akt des Vertrauens, den man sich überhaupt nur denken kann. Die Liebe einer Mutter zu ihrem zunächst noch ganz im Verborgenen lebenden Kind wird ohne Unterlass von der unendlichen Liebe beantwortet, die dieses kleine Wesen ihr entgegenbringt. Alles, was sie fühlt, spricht und an inneren Bildern erlebt, fühlt, hört und bildet ihr Kind mit, um sein Leben nach der Geburt dann buchstäblich in ihre Hände zu legen.

Die ersten Lebensjahre sind vollkommen von der Liebe zur Welt durchdrungen. Kinder ver­binden sich mit allen Sinnen, mit ihren Gefühlen und als sehr gründliche Forscher:innen mit ihr.
Deshalb sagte Rudolf Steiner: »Es ist um so größeres Heil für das Kind, je mehr es leben kann nicht in seiner Seele, sondern in der Seele der Umgebung, in den Seelen der Umgebung.« Also nicht leben muss in seiner Seele, sondern leben darf in den Seelen der Umgebung – weil sie es wert ist.

Kinder brauchen Menschen um sich, denen sie vertrauen können, die authentisch und lebensklug genug sind, um ihnen Tore zur Welt zu zeigen, hinter denen sie eigene Erfahrungen machen können. Das meinte Steiner mit der »geliebten Autorität«, die er sich für die ersten Schuljahre wünschte. Keine »amtlichen« Autoritäten also, sondern Menschen, mit denen die Kinder das Leben gerne erkunden, ohne immer vorher schon zu wissen, was dabei herauskommen soll. Dazu muss man diesen Menschen allerdings auch als Eltern vertrauen (können).

Aber da wird's manchmal schwierig, denn wir Lehrer:innen machen natürlich auch Fehler. Es geht also um ein sehendes, kein blindes, Vertrauen: Wir müssen so miteinander sprechen, dass wir durch unseren Blick auf die Kinder selbst zu Lernenden werden, immer wieder neu. Vertrauen kann man nur schenken, nicht einfordern. Aber wir können daran arbeiten, es zu verdienen.

Vertrauen und Sich-selbst-etwas-Zutrauen liegen so nah beieinander wie umgekehrt Misstrauen und Ohnmachtsgefühle. Wenn wir unseren Kindern etwas zutrauen, dann tun sie es auch selbst! Das ist der Impfstoff! Für uns Erwachsene: Der Kaiser kann seine Nacktheit nur verbergen, solange er sich hinter einem Wall aus Meinungen verstecken kann. Also Zuhören und hinter der Scheinsicherheit der eigenen Meinung die Erkenntnis suchen.

Dietrich Bonhoeffer, der von den Nazis ermordet wurde, sagte das so: »Es gibt keinen Weg zum Frieden auf dem Weg zur Sicherheit. Denn Friede muss gewagt werden. Er ist das eine, große Wagnis – und lässt sich nie und nimmer sichern. Friede ist das Gegenteil von Sicherung. Sicherheiten fordern heißt Misstrauen haben und dieses Misstrauen gebiert wiederum Krieg.«

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