Warum Spielturnen?

Von Angelika Enss, Juni 2013

Der wichtigste Grundsatz für die Arbeit des Pädagogen in unserer Zeit ist, alles, was er den Kindern an Bewegung anbietet, in ein lebendiges Bild zu kleiden und in einen Rhythmus einzufügen. Vom Kreis ausgehende und wieder in einen Kreis hineinführende Bewegungsaufgaben stärken das »Wir-Gefühl«, das Kinder brauchen, um Lebenssicherheit und Mut zu entwickeln.

Foto: © Sven Jungtow

Die meisten deutschen Waldorfschulen haben in den vergangenen zwanzig Jahren für die Erst- und Zweitklässler eine Spielstunde eingerichtet, oft Spielturnen genannt. Diese Stunde gilt als Vorläufer der Turnstunden, die dann ab der dritten Klasse regelmäßig einmal pro Woche gegeben werden. Oft wird diese Stunde vom Klassenlehrer übernommen, manchmal gehört sie zum Fachbereich Turnen/Sport und wird von den entsprechenden Fachlehrern erteilt. Inhalte dieser Spielstunden sind Sing- und Kreisspiele und Spaziergänge durch Landschaften verschiedener Art: die Kinder laufen, hüpfen, schleichen oder klettern an der Sprossenwand. Körpergeographische Übungen und verschiedene Geschicklichkeitsaufgaben können eingebaut werden. Die Inhalte der Spiele knüpfen an den Erzählstoff der jeweiligen Klasse an, der auf die Altersstufe abgestimmt ist. So werden in der ersten Klasse Märchenbilder als Spielgrundlage gewählt, die an das momentane Lebensgefühl anknüpfen. Das können der »Auszug« aus der Familie, die Gründung einer neuen Gemeinschaft, Abenteuer mit gutem Ausgang – meist einer Hochzeit –, Bewährung in der Fremde und Heimkehr sein. Dazu kommen die Rhythmen und Verse zu Naturwesen wie Pflanzen, Tieren, Steinen, Zwergen, aber auch der Sonne und den Gestirnen. Für die zweite Klasse wählen wir die Fabeln und Heiligenlegenden als Grundlage für Zwiegespräche, die einzeln oder in Gruppen gesungen und gesprochen werden wie »Der Wolf und die Täubchen«. Tierbewegungen und -gestalten und Tierspaziergänge stehen nun im Vordergrund. Weiter gibt es erste Fangspiele wie »Der Plumpsack geht um« oder »Das wilde Tier«. Klatschspiele und Partnertänzchen werden gelernt und einzelne Kinder bekommen spielführende Aufgaben.

Spielend Weltvertrauen finden

Viele Kinder sind um das siebte Lebensjahr herum unsicher in ihrem Körper, zeigen wenig Selbstvertrauen oder sind noch recht ungeschickt. Wenige können Stelzen laufen oder Seil springen, viele haben Schwierigkeiten, Haltung zu bewahren und sich in der Aufrechte über einige Minuten zu halten. Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass ein Kind, wenn es in die erste Klasse kommt, hüpfen oder einige Sekunden auf einem Bein stehen kann. Häufiger als früher fehlt den Kindern Muskelspannung oder die Fähigkeit, ein Seil, das sich bewegt, so zu beobachten, dass sie rechtzeitig einspringen können.

Diese körperlichen Voraussetzungen sind überaus wichtig, damit die Kinder in der Schule aufmerksam zuhören oder angemessen mitarbeiten können. Nur bei entsprechender körperlicher Verfassung sind Kinder überhaupt in der Lage, die Aufgaben, die nun an sie gestellt werden, zu lösen.

Das pädagogische Ziel für diese Bewegungsstunden liegt darin, dass sich die Kinder in ihrem eigenen Körper zunehmend wohler fühlen und über das wachsende Vertrauen zu ihrem Körper zu einem gesunden Weltvertrauen finden. Die Kinder sollen sich gehalten und aufgehoben fühlen und Sicherheit und Beständigkeit erleben – nur dadurch können Selbstwertgefühl und Lebensmut entwickelt und gestärkt werden.

Die Spiele dienen außerdem der Gemeinschaftsbildung und stärken die Sozialkompetenz. Spielanführer sein oder fairer Mitspieler, Rücksicht nehmen auf die anderen und die eigene Aktivität so ausleben, dass die anderen nicht beeinträchtigt werden, das ist für ein Kind dieses Alters gar nicht so leicht. Das gemeinsame Singen und Sprechen hilft dabei besonders. Nicht zuletzt verbessern die Kinder ihre Geschicklichkeit und können ihre eigene Bewegung besser steuern.

Im Märchenwald spielen, statt Tore schießen

Die Erwartungen der Kinder und manchmal der Eltern an die Spielstunden sind oft geprägt von einem Sportverständnis, das sich in keiner Weise an der Altersstufe orientiert, sondern an den Sportarten und Idolen, die gerade aktuell sind, oder am Sportgeschehen der Umgebung. Häufig wird gefragt, warum man nicht Fußball oder Basketball spiele. Um seelisch erfüllt in Bewegung zu kommen, benötigen Kinder in diesem Alter Bilder, in die sie sich innerlich hineinbegeben können. Ein Ball alleine und ein Tor oder ein Korb kann zwar Aufforderungscharakter haben und Aktivität auslösen, wird aber selten dazu führen, dass Kinder diesen Alters in ein Spiel finden, das dem komplexen Regelwerk des Fußball- oder Basketballspiels genügt und über eine längere Zeit zur Zufriedenheit bei den Kindern beiträgt, außer man reduziert das Ballspiel auf das Treffen in ein Tor oder in einen Korb. Für die Kinder gesünder wäre, ein altersangemessenes Bewegungsangebot zu machen, zum Beispiel Stelzenlaufen oder Spielen mit Kleingeräten wie Seilen oder Reifen. Wenn Raum und passendes Material für die Kinder zur Verfügung stehen, entstehen erstaunlich kreative Spielsituationen.

Die Kinder lassen sich auch in den Spielstunden meist leicht in die vom Lehrer angebotenen Bewegungsangebote hineinführen, wenn die Aufgaben in passende Bilder und Rhythmen eingebettet sind. Mit wenigen Worten verwandelt sich die nüchterne Turnhallenumgebung in eine Moor-, Hügel-, Seen- oder Zauberlandschaft, in eine Pferdeweide oder eine Steilwand in den Bergen. Die einführenden Worte des Lehrers regen die Phantasie der Kinder an und führen dazu, dass die Bewegungen an ihre Seelenwelt angebunden erlebt werden. Ein kleines Verschen, mit dem die Vorder- und Hinterhufe der Pferdchen beschlagen werden, leitet das Traben und das Galoppieren der Pferde ein: »Lustig Hufschmied Hämmerlein, Pferdchen will beschlagen sein, will mein Pferdchen traben, muss es Eisen haben« – und los geht es, das fröhliche Traben und Galoppieren in Begleitung eines (pentatonischen) Glockenspiels.

Oder für Zweitklässler: »Wir wollen einmal spazieren gehen in unserm schönen Garten, wenn nur das wilde Tier nicht wär’, wir wollen auf es warten, um eins kommt’s nicht, um zwei kommt’s nicht … bis elf Uhr, da pochts und um zwölf Uhr kommt’s« – und fängt sich drei Kinder, die das wilde Tier dann wieder erlösen, bis ein neues Tier ausgesucht wird.

Das Kind um das siebte Lebensjahr nimmt die Welt mit seinen Sinnen wahr und schwingt mit in allem, was es in seiner Umgebung erlebt. Es will dem Erwachsenen in Hingabe folgen und möchte sich auf dessen Führung verlassen können. Es wird durch die angebotenen Bilder in seinen Gemütskräften angeregt, das Gefühlsleben bekommt eine Orientierung und die Bewegungen werden dadurch als sinnvoll und erfüllt erlebt. Wenn wir Erwachsenen versuchen, uns immer wieder neu in die seelische Situation der Kinder hineinzuversetzen und dann erst überlegen, was wir als Bewegungsangebote zur Verfügung stellen, könnte die Spiellandschaft für die jüngeren Schulkinder deutlich vielfältiger sein, die Bewegungs­fähigkeiten der Kinder schneller wachsen und sich mehr Zufriedenheit auf allen Seiten einstellen.

Zur Autorin: Angelika Enss ist Sportlehrerin und Religionslehrerin im Klassenlehrerbereich an der Freien Waldorfschule am Kräherwald.

Literatur: Rudolf Steiner: Allgemeine Menschenkunde, 10. Vortrag,| Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft, GA 293, Dornach 1992 | Rudolf Kischnick, Wil van Haren: Dreh dich nicht um …, Stuttgart 2008

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