Kardinalfehler der Pädagogik

Von Henning Köhler, März 2012

Wer über Pädagogik redet, trägt seine ganze Lebensgeschichte mitsamt den aus ihr resultierenden Voreingenommenheiten in ein Thema hinein, das ihn letztlich überfordert. Was wir heute mit Blick auf eine künftig zu erringende pädagogische Kunst veranstalten, ist noch äußerst dürftig, wobei es bessere und schlechtere Varianten des Dürftigen gibt und die besseren nicht zuletzt daran zu erkennen sind, dass ihre Vertreter wissen, wie weit sie noch entfernt sind von dem, was im Begriff des Pädagogischen wie eine ferne Verheißung anklingt.

Pädagogik ist ein Zukunftsversprechen. Es gibt sie noch gar nicht. Das zeigt schon der seit Jahrhunderten teilweise erbittert geführte Meinungsstreit. Er wird noch lange toben. Selbst innerhalb der verschiedenen pädagogischen Lager (unseres eingeschlossen) sind die Differenzen erheblich. Das gilt auch für rein naturwissenschaftlich argumentierende Fachleute, von denen man ja annehmen sollte, ihre Forschungsergebnisse lieferten ihnen eine große Schnittmenge gemeinsamer Überzeugungen.

Konditionieren statt Nachahmen

Der Bestsellerautor Michael Winterhoff definiert Erziehung als »Training der psychischen Reifeentwicklung«. Das Prinzip Nachahmung und Vorbild, dem in der waldorfpäda­gogischen Tradition eine zentrale Rolle zukommt, tut er als nebensächlich ab. Begründung: Um Erwachsene überhaupt als nachahmenswerte Vorbilder wahrnehmen zu können, müsse das Kind schon einen gewissen Reifegrad erreicht haben. Dazu sei systematisches Training nötig. Dieses bestehe vornehmlich in der konsequenten bewertenden Kommentierung des kindlichen Verhaltens (Spiegelung). Hinreichende Distanz sei dafür unerlässlich. So erst entstehe beim Kind ein Gefühl für richtig und falsch, welches dann später die Vorbildauswahl bestimme. Winterhoff lehnt alle pädagogischen Haltungen ab, die mit dem Anspruch, das Kind auf diese Weise zu konditionieren, unvereinbar sind. Er nennt drei Haupthindernisse: Partnerschaftlichkeit, Projektion und Symbiose. Im Partnerschaftsmodus hebe der Erwachsene das natürliche Machtgefälle zwischen sich und dem Kind auf. Im Projektionsmodus bemühe er sich unangemessen um die Zuneigung des Kindes und beziehe sein Selbstwertgefühl aus der Bestätigung, ein guter Erzieher zu sein. Im symbiotischen Modus denke und handle er ständig für das Kind, statt sich ihm als abgegrenztes Gegenüber zu präsentieren. Die meisten heutigen Eltern und Pädagogen begingen alle drei Fehler gleichzeitig.

Diese Beispiele zeigen, wie von bestimmten Grundannahmen, die sämtlich anfechtbar sind, auf pädagogische Kardinalfehler geschlossen wird. Winterhoffs Argumentations- gebäude steht und fällt mit seinen Prämissen. Sie lauten: Pädagogik ist Training der seelischen Entwicklung aus gebührender Distanz. Nachahmung und Vorbild sind nachrangig. Moralempfinden entsteht bei Kindern dadurch, dass man ihr Verhalten ständig bewertet. Kinder sind als »Unterstellte« zu betrachten. Die Entwicklung des Kindes nimmt also Schaden, wenn Eltern, Erzieher oder Lehrer es partnerschaftlich behandeln, von ihm geliebt werden wollen oder größtmögliche Rücksicht auf seine Bedürfnisse nehmen.

Pädagogisches Ethos der Zukunft

Meine Auffassung von Pädagogik führt zu gänzlich anderen Schlüssen. Ich halte »seelisches Training« für eine gefähr­liche Illusion. Denn gesundes Lernen, namentlich im Sozialen, vollzieht sich in allererster Linie über Nachahmung und Orientierung an Vorbildern. Inwiefern Verhaltensbewertungen (wenngleich manchmal unvermeidlich) irgendetwas zur Entwicklung des Moralempfindens beitragen, kann ich ebenfalls nicht erkennen. Von einem natürlichen Machtgefälle zwischen Erwachsenen und Kindern auszugehen, vergiftet meines Erachtens den Beziehungsgrund. Die von Winterhoff negativ bewerteten Grundgesten sind richtig. Sie sind aber nicht negativ, sondern – im Gegenteil – sollen dominieren. Sonst muss man sich als Erziehungsberater Sorgen machen.

Anders läge der Fall, wenn Winterhoff gesagt hätte: Das Allerrichtigste kann sich unter gewissen Umständen in ein Falsches verkehren. Sofort wären wir auf einer interessanten Spur.

1. Nicht Partnerschaftlichkeit richtet Schaden an, sondern das Missverständnis, Partnerschaftlichkeit bedeute, dem Kind die Führhand zu verweigern.

2. Der Wunsch, vom geliebten Kind Gegenliebe zu erfahren, ist völlig unverdächtig, nicht jedoch die Groteske, dass Erwachsene bei Kindern um Liebe betteln.

3. Man muss in der Tat gut unterscheiden zwischen einer primär auf die Bedürfnisse des Kindes abgestimmten pädagogischen Haltung und symbiotischer Verstrickung.

Eine wesentliche Orientierung gibt mir dahingegen Rudolf Steiners nahe­zu mantrische Aussage, jedes Kind habe ein Anrecht darauf, dass seine Eltern, Erzieher, Lehrer es

In Ehrfurcht empfangen,

in Liebe begleiten,

in Freiheit entlassen.

Damit ist das pädagogische Ethos der Zukunft umrissen. Die ehrfurchtsvoll empfangende, die liebevoll begleitende und die freilassende Geste sind nicht voneinander zu trennen. Aus ihnen zusammen ergibt sich eine pädagogische Haltung, die bis ins Jugendalter hinein den Kindern gegenüber eingenommen werden müsste. Man kann nicht sagen: Im ersten Jahrsiebt Ehrfurcht, im zweiten Liebe, im dritten Freiheit. Jeden Morgen wiederholt sich die Erdenankunft des Kindes. Von Beginn an muss uns seine Freiheit heilig sein. Und Liebe ist das, was sich dazwischen ausfaltet.

Mangelnde Achtung

Ehrfurcht als Grundstimmung dem Kind gegenüber – »Du sollst Ehrfurcht vor seinem Geiste haben«, formulierte Steiner einmal – kann man darin nicht eine höhere Form von »Partnerschaft« sehen? Die ungarische Kleinkindforscherin Emmi Pikler wurde nicht müde zu betonen, schon Säuglinge seien Partner, was übersetzt nichts anderes heißt als Gefährten. So viel jedenfalls scheint klar: Gegenüber »Unterstellten« kommt keine Ehrfurcht auf, und als Gefährten nimmt man sie auch nicht wahr. Ehrfurcht ist die ultimative Form der Hochachtung. Empfinde ich Hochachtung für einen Menschen, verbietet es sich von selbst, auf ihn hinabzublicken. Moderne pädagogische Gesinnung ist radikale Abkehr von der herablassenden Attitüde im Umgang mit Kindern! – Nun ist aber Ehrfurcht nicht gerade die Stärke des modernen Menschen. Selbst zur Hochachtung ringt er sich nur schwer durch. Überfordern wir uns also nicht.

Achtung (ohne Hoch-) würde ja fürs Erste schon genügen … »Das Recht des Kindes auf Achtung« heißt ein wunderbares Buch von Janusz Korczak. So wäre als erster pädagogischer Kardinalfehler zu nennen: Mangelnde Achtung.

Interesselosigkeit

Liebevolle Begleitung … muss man darüber viele Worte verlieren? Liebe kommt nicht ohne Achtung aus – Achtung ist ihre Grundierung – und trägt in sich schon den Impuls des Freilassens. Natürlich blüht Liebe umso freudiger auf, je mehr Gegenliebe ihr zuströmt. Auch hier ist Bescheidenheit angebracht. Wir sind keine Engel. Gleichzeitig sollte aber klar sein, dass unsere Liebe, bei Licht betrachtet, nur die den Kindern ganz selbstverständlich zustehende Antwort auf ihre Liebe ist, welche keines weiteren Beweises bedarf als dessen, dass sie zu uns gekommen sind. Letzteres ist ein Hinweis Steiners, den er vor allem an Eltern richtet. Es ist gar nicht so einfach mit der Liebe. Tausend Dämonen bedrohen sie.

Deshalb hilft es zu wissen: Die Basis ihrer Beständigkeit in schwierigen Zeiten ist das Interesse. Echtes, aktiv Anteil nehmendes Interesse am Kind kann auch dann aufrechterhalten werden, wenn über der Liebe mal ein Schatten liegt. Bleibt das Interesse lebendig, erneuert sich die Liebe aus ihm. Gesteigertes, »höheres« Interesse lässt sich sogar als sehr reife Form der Liebe charakterisieren. Liebevoll-interessevolle Begleitung verbietet liebloses Gerede über das Kind, auch in seiner Abwesenheit. Demütigung, Spott, Ironie, Bloßstellung führen zu Schwächungen bis ins Körperliche hinein. So wäre als zweiter pädagogischer Kardinalfehler zu nennen: Interesselosigkeit.

Ignoranz

Der dritte pädagogische Kardinalfehler ist die Ignoranz gegenüber dem kindlichen Freiheitsstreben. Nicht übertriebene Rücksicht auf die Bedürfnisse der Kinder schadet ihnen – das kann man gar nicht übertreiben – wir sind diesbezüglich noch furchtbar unsensibel. Worauf es ankommt, ist das situative Vermögen, von Fall zu Fall abzuspüren, ob ein Kind Freiräume, Schutz oder Führung braucht. Tag für Tag gibt es Gelegenheiten, sich auf die Beziehungsqualität des »Freilassens« zu besinnen, von der so unendlich viel abhängt. Die wahre Haltung des Freiheit-Gewährens schließt Achtung und Interesse, im besten Fall Ehrfurcht und Liebe ein! Sonst wäre es nur das vielzitierte, teilnahmslose Laissez-faire. Halten wir heilig: das Recht des Kindes, achtungsvoll behandelt zu werden, das Recht des Kindes auf unser Anteil nehmendes Interesse, das Recht des Kindes auf Freiheit. Alles andere, was im Sinne einer wirklich kindgemäßen, lebensnahen Pädagogik zu berücksichtigen ist, ergibt sich daraus. Man prüfe es!

Literatur: Michael Winterhoff: Warum unsere Kinder Tyrannen werden. Oder: die Abschaffung der Kindheit, Gütersloh 2008. Wolfgang Bergmann: Warum Kinder unser Glück sind, Weinheim 2009. Herbert Renz-Polster: Menschen-Kinder, München 2011. Henning Köhler: Dressurpädagogik? Nein danke. www.janusz-korczak-institut.de

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