Es gibt keine gute Prägung

Von Henning Köhler, Mai 2018

Lange herrschte die Auffassung vor, der Mensch werde in den ersten Lebensjahren irreversibel geprägt. Doch »Prägung« ist ein unglücklicher Begriff.

Gewiss, die kindliche Entwicklung wird durch psychosoziale Faktoren beeinflusst. Zweifellos hängt immens viel von der Nachahmung und von positiven Vorbildern ab. Doch »Prägung« klingt so, als ob das Kind alldem passiv ausgeliefert wäre – was nicht stimmt. Es sei denn, man erzwingt es.

Jerome Kagan wies darauf hin, dass schon die kleinen Kinder Erfahrungen unterschiedlich »interpretieren«. Außerdem zeigen sie ein originelles, wählerisches Nachahmungsverhalten. Das aufkeimende Pflänzchen ihres Eigensinns und Eigenwillens muss respektiert und gehütet werden. Sonst erlahmt die Nachahmungsfreude, und was bleibt, ist ein teilnahmsloses, resigniertes Kopieren. Das wäre dann wirklich »Prägung«. Gesunde Nachahmung hingegen ist von Anfang an ein aktiver Eindrucksverarbeitungsvorgang. Hier tritt schon deutlich die Individualität hervor. Wunderbar, wie sich im zwanglosen kindlichen Spiel das nachahmungsbereite, tiefe Interesse an allem Lebendigen und Beseelten mit Gestaltungskraft und mit dem schon aufschimmernden eigenen »Stil« des Antwortens auf die Welt verbindet! Niemals sollten wir versuchen, pädagogisierend da hineinzuregieren. Im nachahmenden Spiel, das mit der Zeit immer improvisationsfreudiger wird, immer mehr vom Vorbild abweicht, erleben sich die Kinder als freie Wesen. Wenn wir sie lassen.

»Spiel und Kunst sind die beste Prophylaxe gegen Sucht und Gewalt«, betont Wolfgang M. Auer. Daran lasse sich ermessen, »wie falsch es ist, das freie Spiel aus dem Kindergarten zu verdrängen; und wie grotesk, wenn man womöglich stattdessen auf Förderprogramme setzt, die Kinder zur Gewaltlosigkeit erziehen sollen«. Arno Gruen deutete Herrschsucht und Gewaltbereitschaft als Folgen eines schon in den Kindheitsjahren beginnenden Dramas der Selbstverfehlung. Er schrieb: »Sich und anderen ständig Beweise der Stärke und Überlegenheit liefern zu müssen, verweist auf misslingende Autonomie.« Wird das Lernen verfrüht vom zwanglosen Spiel abgetrennt, wachsen Menschen mit einem fragilen Selbstwertgefühl heran, die in Fantasien der Macht und der Größe Zuflucht suchen und entsprechend verführbar sind.

Mit Blick auf die Zeitlage muss man sich – wie es Rudolf Steiner schon einmal vor 100 Jahren tat – fragen, wo der Hebel anzusetzen wäre, um das Schlimmste zu verhüten. Denken wir an den (Wieder-)Aufschwung autoritärer, hasserfüllter Ideologien. Und an die neue Kriegsgewogenheit. Sicher, dafür gibt es viele Gründe. Aber ich glaube, die Kindheitsfrage ist der Schlüssel zur sozialen Frage.

Und zur Friedensfrage. »Werben wir deshalb für den zivilisatorischen Imperativ: Rettet das Spiel!« (Gerald Hüther, Christoph Quarch) Und beherzigen wir: »Gute Prägungen« gibt es nicht. Der Fehler liegt darin, die Kinder überhaupt prägen zu wollen.

Literatur: John T. Bruer, Andreas Nohl: Der Mythos der ersten drei Jahre; Jerome Kagan: Die Natur des Kindes; Wolfgang M. Auer: Sinneswelten; Arno Gruen: Der Verlust des Mitgefühls; Arno Gruen: Der Wahnsinn der Normalität; Gerald Hüther, Christoph Quarch: Rettet das Spiel.

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