Wichtigtuerei

Von Henning Köhler, April 2021

Man hat als Vortragsredner so seine Standardsprüche. Einer, den ich gern auspacke, vor allem in Schulen, lautet: »Beruhigt euch, Leute. Die Schule ist gar nicht so wichtig. Sie macht sich nur wichtig. Zum Schaden der Kinder.« Klar, das sorgt für Irritationen. Bei der Fragenbeantwortung sagt dann garantiert jemand: »Von einer guten Schulbildung hängt doch die Zukunft der Kinder ab!«

Aber ganz so einfach ist das nicht. Was man gemeinhin für eine gute Schulbildung hält, kann sich sehr negativ auf die Zukunft der Kinder auswirken. Nicht wenige Erwachsene sagen, sie hätten doppelt so lange gebraucht, sich von ihrer Schulzeit zu erholen, wie diese dauerte. Manche sind zeitlebens schulgeschädigt, darunter auch solche mit glänzenden Abschlüssen. Der Kinder- und Jugendpsychiater Reinhard Lempp schrieb schon vor 30 Jahren, die Schule habe sich zu einem »führenden pathogenen Faktor in den Kindheits- und Jugendjahren« entwickelt. Seit dem sogenannten PISA-Schock mutiert unser Schulsystem vollends zu einer von ökonomischen Interessen geleiteten Kinderverängstigungsmaschinerie. Ich wies kürzlich hier auf die epidemisch sich ausbreitende Schulangst hin.

Die Institutionalisierung und Normierung des Lernens ist sowieso eine kulturelle Fehlentwicklung. Das sage ich trotz meiner großen Sympathie für Waldorfschulen und andere Alternativschulen, in deren Räumen immerhin noch ein pädagogischer Geist weht, soweit das möglich ist unter den gegebenen Umständen. Es bereitet mir Kummer, welcher Druck auf vielen Kindern und Eltern durch die Schule lastet. Leider gilt das allzu oft auch für Waldorfschüler und Waldorfschülerinnen. Nach 40 Jahren ununterbrochener Tätigkeit als Kindertherapeut und Elternberater kann ich davon ein Lied singen. Offen gestanden: Eine wirklich gute Bildung wäre für mich keine Schulbildung. Oder die Schulen müssten sich wirklich ganz anders aufstellen. Aber das ist in weite, weite Ferne gerückt.

Wie unangemessen wichtig die Schule genommen wird, zeigt sich besonders deutlich jetzt während der Corona-Krise. Mein Gott, was für ein Getöse! Das Abendland geht schon nicht unter, wenn der heilige Schulunterricht mal eine Weile ausfällt oder auf Sparflamme läuft. Die Kinder leiden ohnehin unter den Einschränkungen des gewohnten Lebens und mehr noch unter der allgemeinen Angststimmung, da müssen sie nicht auch noch zu Hause am Bildschirm festgenagelt werden, um nur ja keinen Lernstoff zu versäumen. Gönnt ihnen doch wenigstens die vorübergehende Befreiung vom schulischen Stress! Es gibt schon genug Spannungen in den Familien. Und keine Sorge – die Kinder werden das Versäumte nachholen, manche früher, manche später. Der Zeitdruck ist nicht Corona-bedingt, sondern eine Kollektivneurose.

Ich plädiere dafür, die Homeschoolingpflicht aufzuheben und alle gering verdienenden Eltern finanziell abzusichern, damit sie sich ohne Existenzsorgen ihren Kindern widmen können. Mindestens ein Elternteil ist auf Wunsch beruflich freizustellen. Daraus dürfen keine Nachteile erwachsen. Kostenlose Betreuungsangebote für Kinder aus sozial schwachen Familien müssen garantiert werden, flächendeckend und unbürokratisch. – Das Geld wäre vorhanden. Aber es fließt eben, wie immer, nicht dahin, wo die Not am größten ist.

Kommentare

Bruce Jackson, Nairobi Waldorf School, 11.04.21 07:04

Das muss seine letzte Artikel sein.
Es ist, wie immer, Klartext.
Unterricht am Waldorfschulen soll für alle Kinder möglich sein, aber Geld ist leider selten da, wo es sein soll!

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