Kontraste, ideologisch

Von Henning Kullak-Ublick, November 2019

Vor einigen Jahren schrieb ich an dieser Stelle: »Zu den Privilegien von Kritikern gehört, dass sie immer irgendwie recht haben«, gerne auch, indem sie »einfach nur mal eine Frage in den Raum« stellen. Manchmal hilft es ja tatsächlich, sich mit ihnen auseinanderzusetzen.«

In diesem Jubiläumsjahr waren die Waldorfschulen ständig in den Medien, mit einer überwiegend positiven Würdigung ihrer Arbeit. Allein über den Staffellauf wurde hundertfach berichtet, ebenso über die vielen Veranstaltungen der Schulen oder Regionen und überregional über die Geschichte und Praxis der Waldorfschulen. Es gehörte zu meinen Aufgaben, viele Interview- und Presseanfragen zu beantworten, wobei sich drei Fragenkomplexe fast jedes Mal wiederholten: Was unterscheidet die Waldorfschulen von den Regelschulen? Könnte man nicht endlich auf Rudolf Steiners spirituelle Menschenkunde (Esoterik) verzichten? Wie stehen Sie zu den Rassismusvorwürfen gegenüber Steiner? Da diese Fragen nun mal im Raum stehen, muss ein Journalist sie auch stellen dürfen. So weit, so gut.

Am Tag nach unserem Festival im Berliner Tempodrom musste ich mich vor laufender Kamera einem knapp zweistündigen Kreuzverhör – Interview würde die Sache nicht treffen – von zwei Redakteuren des Magazins »Kontraste« stellen, das mit einem an Tatsachen orientierten Journalismus nichts mehr zu tun hatte. Das erkennbar einzige Ziel war, mich einer Lüge zu überführen, um dann die mediale Falle zuschnappen zu lassen. Thematisch war es ein Potpourri von Wörtern, die aus den Schriften und Vorträgen Steiners stammen, herausgegriffene Vokabeln ohne jeden Kontext oder gar Gedanken, dafür immer vorge­tragen als Anklage, wie man einen solchen Schwachsinn nicht nur glauben, sondern völlig un­kritisch als Katalog von pädagogischen Handlungsanweisungen befolgen könne. Der gesendete Beitrag zeigte denn auch ausschließlich irritierte Waldorfaussteiger mit Aussagen von der Art, der Mensch stamme von Kristallen ab.

Schon bald war mir klar, dass diese Fragen in Form und Inhalt aus einem zwar kleinen, im Internet aber regen Zirkel radikaler Agnostiker stammen, für die die anthroposophische Bewegung eine einzige Provokation ist, weil sie die Wirklichkeit unserer geistigen Existenz als Menschen ebenso ernst nimmt wie unser seelisches Leben und unser körperliches Sein. Dass immer mehr Eltern ihre Kinder einer pädagogischen Praxis anvertrauen, die keinen Hehl daraus macht, dass nicht nur unser Kopf, sondern der ganze Mensch am Lernen beteiligt ist – und das in unterschiedlichen Entwicklungsphasen mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten – kann aus ihrer Sicht nur auf einem gigantischen Täuschungsmanöver beruhen.

Andrea Everwien und Markus Pohl vom RBB ist es am Ende ja dann doch gelungen, mich als »Waldorf«-Repräsentant ziemlich dumm dastehen zu lassen, indem sie statt meiner Antwort die vorausgehende Denkpause zeigten. Danach wurde abmoderiert. Kritiker haben eben doch nicht immer recht, manchmal hören sie einfach nur sich selbst in ihrer ideologischen Echokammer.

Kommentare

Andrea Vogelgesang, Düsseldorf, 04.11.19 07:11

Das, was mir am Eindrücklichsten immer wieder bei Kritikern auffällt, ist deren Unwissen. Kaum einer hat tatsächlich mal ein Buch von Rudolf Steiner gelesen. Ganz im Gegenteil werden Vorurteile, die in den Medien veröffentlicht werden, einfach wiedergekäut. Das hat nichts mit eigener Meinungsbildung zu tun, sondern ist zumeist eben die unreflektierte Übernahme starrer Denkmuster, für Journalisten sehr peinlich...

Nicolas M., 09.11.19 19:11

Die Skeptiker-Bewegung um Sebastiani, Rautenberg, Lichte und co. versucht ideologisch Menschen mit einer anthroposophischen Lebenshaltung der Ideologie zu überführen. Es werden verschwörerisch Verschwörungstheorien gewittert, getwittert und auf Foren wie gwup, hpd, der Giordano-Bruno-Stiftung, und auf Blogs veröffentlicht.

Sofern es nicht beleidigend und unter die Gürtellinie geht, sind die Beiträge durchaus erheiternd. Ja, es braucht sie sogar, die kritische Haltung einer jeden Sache gegenüber. Sofern auf Tatsachen beruhend, ist jede Kritik nicht nur angebracht, sondern erwünscht. Insbesondere Waldorfschulen und der Anthroposophie gegenüber.

Bedenklich wird es dann, wenn die Argumentation jeder Sachlichkeit entbehrt. Bei Teilen der Skeptiker-Bewegung trifft dies leider zu. Ab und an wird diesen Menschen dann eine mediale Plattform gegeben. Der RBB hat dies mit einem Beitrag von Markus Pohl zugelassen. Die Süddeutsche veröffentlichte ein Protokoll, in dem Nicholas Williams den Waldorfschulen einen Sektencharakter zuspricht.

Herr Kullak-Ublick bringt die Methodik vieler Skeptiker auf den Punkt: "herausgegriffene Vokabeln ohne jeden Kontext oder gar Gedanken, dafür immer vorge­tragen als Anklage, wie man einen solchen Schwachsinn nicht nur glauben, sondern völlig unkritisch als Katalog von pädagogischen Handlungsanweisungen befolgen könne."

Henning Kullak-Ublick, Hamburg, 13.11.19 16:11

Auf viele der im Netz kolportierten Meinungen zu Steiner und den Waldorfschulen trifft zweifellos zu, dass sie einfach irgendwo aufgeschnappt und wiedergekäut werden. Wir machen es uns aber zu leicht, wenn wir behaupten, "kaum" einer unserer Kritiker habe mal ein Buch von Steiner gelesen. Einige unserer schärfsten Kritiker haben wahrscheinlich mehr Steiner gelesen als manch ein*e Waldorflehrer*in.
Ich stimme Nicolas M. voll zu, dass uns kritische Auseinandersetzungen gut tun! Aber richtig ist auch, dass ein Diskurs nur möglich ist, wenn er sachlich bleibt und auf Beschimpfungen verzichtet (was natürlich in beide Richtungen gilt). Dann lohnt sich auch der Streit!

Andreas Lichte, 14.11.19 11:11

Zitat Andrea Vogelgesang: »Kaum einer [der Kritiker] hat tatsächlich mal ein Buch von Rudolf Steiner gelesen.«

Haben Sie Ihre höheren Erkenntnisse direkt aus der »Akasha-Chronik«? Habe ich gelesen, Sie auch? Mehr dazu hier: »Rudolf Steiners rassistischer Science-Fiction-Trash: Aus der Akasha-Chronik«

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