Korrekte Kindesmisshandlung anno 2012

Von Henning Köhler, April 2012

Ein zehnjähriges Mädchen – nennen wir es Klara – entwickelt ohne fassbaren Grund plötzlich Schulangst. Der auf Anraten des Klassenlehrers eingeschaltete Therapeut hat zunächst Erfolg. Doch Klaras Angst kehrt zurück. Die Schulleitung beginnt jetzt zu drohen. Der Therapeut verschreibt ein Medikament. Es hilft auf Anhieb.

Doch nach etwa drei Monaten sprengt die Angst sozusagen den pharmazeutischen Deckel weg. Klara geht wieder wochenlang nicht zur Schule. Das Schulamt wird informiert. Daraufhin empfiehlt der Therapeut eine stationäre Behandlung. Klara weigert sich, droht mit Selbstmord. Soll sie gewaltsam eingeliefert werden?

Der Therapeut sagt zu den Eltern: Wenn Sie das nicht schaffen, müssen wir die Polizei einschalten. Klaras Mutter bricht zusammen. Dem Vater schwillt der Kamm. Das gehe ihm entschieden zu weit. Doch er wird sachkundig darüber belehrt, gegen Schulangst in fortgeschrittenem Stadium helfe nur noch unnachgiebige Härte.

Als einige Tage später zwei Polizisten auftauchen, schließt sich Klara in ihrem Zimmer ein. Die Beamten drohen, gewaltsam einzudringen.

Da springt das Mädchen – im Nachthemd, barfuss – aus dem Fenster, rennt blindlings die Straße entlang, schreit um Hilfe. Die Polizisten wollen ihr nachsetzen. Jetzt fällt beim Vater endlich der Groschen. Er stoppt die Aktion, schreit: Schluss jetzt! Aus! Vorbei! Schlagartig wird ihm klar, wer hier eigentlich die Irren sind. Der Therapeut warnt beim nächsten Termin vor juristischen Konsequenzen. Klaras Eltern bleiben standhaft und konsultieren den Mann nie wieder.

Die Würde des Kindes ist unantastbar – solange es nicht in der Schule fehlt. Wo leben wir eigentlich? In einer Diktatur?

Ich wage eine provokante These: Schulangst lässt sich in vielen Fällen als gesunde seelische Schutzreaktion gegen die kränkenden Auswirkungen des ganz normalen Widersinns heutiger Beschulung deuten.

Wie kommen wir dazu, Kindern von vornherein abzusprechen, dass sie für ihr unerwünschtes Verhalten gute Gründe haben könnten? Im Übrigen genießt Schule eine absurde gesellschaftliche Überbewertung. Die Skandalisierung von Schulangst ist der eigentliche Skandal, ihre zumeist voreilige und unnötige Pathologisierung wirft ein Licht auf die Pathologie unserer Normalität.

Klara wurde seelisch gefoltert – zur Strafe dafür, dass sie den Schulbesuch als seelische Folter empfand. Wer sich an solchen Vorgängen beteiligt, müsste, wenn es mit rechten Dingen zuginge, vor Gericht gestellt werden. Es geht aber nicht mit rechten Dingen zu. Was Klara widerfuhr, gilt heute als korrekt. Jedes Gericht würde den Therapeuten freisprechen.

Klara ist kein Einzelfall. Ich höre immer häufiger von solchen Vorgängen. Der Terror nimmt zu.

Kommentare

Kerstin , 11.04.12 16:04

Danke, für diese klaren Worte

Joschka , 26.04.12 19:04

Ich habe diesen Artikel im Warteraum einer Ärztin gelesen und mich hat der Artikel berührt. Danke für das öffnen der Augen.

Angela , Hamburg, 16.09.12 01:09

Es spricht mir aus dem Herzen. Klara könnte mein Sohn sein. Es ist das, was ich derzeit durchmache. Und ich empfinde es als Irrsinn, soziale Ängste als dermaßen krankhaft darzustellen. Es ist ein Aberwitz. Würden wir z.B. in Dänemark leben, hätten wir das Problem, das wir haben, überhaupt nicht. Denn dort gibt es die Unterrichtspflicht und nicht die Schulpflicht. Der ganze Druck kommt nur von außen. Und der Druck, den wir derzeit erfahren, ist enorm!!! Mein Sohn soll auch zwangseingewiesen werden und ich frage mich "wieso"? Wir sehen dazu keinerlei Veranlassung. Soziale Ängste (Bloßstellung, ausgelacht werden, etwas Falsches zu sagen, es den Lehrern nicht recht machen können usw.) finde ich nicht so krankhaft, als dass man deshalb in die Psychatrie zwangseingewiesen werden soll!!
Das ganze Schulsystem gehörte ohnehin überholt, so wie die neuesten Hirnforschungen es auch immer wieder fordern. Schade, dass alles so lange dauert und schade, dass die Privatschulen so überlaufen sind bzw. es nicht mehr gibt, so dass man auch einen Platz bekommt!
Viele Grüße von einer betroffenen Mutter

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