Leben und leben lassen

Von Lorenzo Ravagli, Dezember 2014

Kurz und bündig war die Maxime, die der 32jährige Rudolf Steiner den freien Geistern ins Stammbuch schrieb. »Leben und leben lassen«, lautete sie. 25 Jahre später erweiterte er die kurze Formel und fügte »Liebe« und »Verständnis« in sie ein.

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Keine Selbstverwirklichung ohne Anerkennung

Der Satz, der in der ersten Auflage der »Philosophie der Freiheit« von 1893 steht, umschließt zwei komplementäre Perspektiven. Die Perspektive des Individuums, das nach Selbstverwirklichung strebt, das seine Ideen ausleben und sich entfalten will, und die Perspektive der Anderen, die es leben lässt und die es leben lassen. Also Freiheit, Selbstverwirklichung auf der einen, Toleranz und Anerkennung auf der anderen Seite. Das Selbst, das sich verwirklicht, lebt in der Anerkennung und durch die Anerkennung der Anderen. Andere anerkennen kann aber nur, wer seinerseits als Selbst anerkannt wird. Selbstverwirklichung ohne Anerkennung der Anderen wäre Rücksichtslosigkeit, ohne Anerkennung durch Andere wäre sie eine Chimäre.

Schon 1893 ist die menschliche Freiheit für Steiner eine eminent soziale Kategorie. Anders ausgedrückt: Mein Handeln vollzieht sich nicht im luftleeren Raum, sondern steht stets in Beziehung zu einer Gemeinschaft, mit der ich interagiere. Die zitierte Maxime fasst Steiners Antwort auf die Frage zusammen, wie ein Zusammenleben von Menschen möglich sei, wenn jeder nur bestrebt wäre, seine Individualität zur Geltung zu bringen.

Stellen wir uns den unwahrscheinlichen Fall eines Kollegiums oder einer Elternschaft vor, die aus lauter notorischen Individualisten bestünden, die alle nur bestrebt wären, sich gegen andere zur Geltung zu bringen. Man könnte eine solche Gemeinschaft kaum als Gemeinschaft bezeichnen, über kurz oder lang würde sie im Chaos versinken. Müssen, um einem solchen Chaos vorzubeugen, nicht klare Regeln aufgestellt werden, denen alle ohne Ausnahme zu folgen haben, denen sich alle unterwerfen? Ja, wendet Steiner ein, wenn man eine Gemeinschaft aus lauter Schablonen und Automaten haben will, eine Gemeinschaft, die alle Individualität auslöscht, dann muss man sie so einrichten. Auch eine solche Gemeinschaft verdiente kaum ihren Namen.

Wie also lässt sich der Widerspruch zwischen Selbstverwirklichung und Anerkennung auflösen? Ganz ohne Anstrengung dürfte das nicht gelingen. Die Angehörigen der betreffenden Gemeinschaft müssen nämlich einen Weg zu der Einsicht finden, dass sie – wie Steiner sich ausdrückt – einer »einigen« Ideenwelt angehören, aus der heraus sie handeln. Das, was Menschen untereinander eint, ist die Ideenwelt, die selbst eine Einheit in Vielfalt darstellt. Diese Einheit darf man theoretisch zwar voraussetzen, denn die Ideenwelt ist der Inbegriff des Denkbaren, des Gedachten und noch nicht Gedachten. Also kann es nicht mehrere, voneinander abgesonderte Ideenwelten geben, zwischen denen es keinerlei Vermittlung gibt. Im realen Leben muss man sich diese Einheit und damit die Einigkeit aber erarbeiten. Vom geistigen Inhalt der anderen Individualität können wir nur wissen, wenn sie diesen äußert. Die Arbeit, die zur gegenseitigen Anerkennung führt, ist das Gespräch.

Mit wenigen Worten bringt Steiner das Grundproblem aller totalitären Gesellschaften auf den Punkt, die versuchen, ihre Angehörigen mit einer Einheitsideologie zu beglücken. Sie löschen die Individualität aus, weil sie nicht zulassen wollen, dass die einzelnen Individuen die Erkenntnis des einheitlichen Ideengrundes, aus dem wir alle leben, auf individuellen Wegen durch die Lebenserfahrung finden. »Der Unterschied zwischen mir und meinem Mitmenschen«, so Steiner, »liegt nicht darin, dass wir in zwei ganz verschiedenen Geisteswelten leben, sondern dass er aus der uns gemeinsamen Ideenwelt andere Intuitionen empfängt als ich. Er will seine Intentionen ausleben, ich die meinigen. Wenn wir beide wirklich aus der Idee schöpfen und keinen äußeren Antrieben folgen, so können wir uns nur in dem gleichen Streben, in denselben Intentionen begegnen.« Das »gleiche Streben« und »dieselben Intentionen« bedeuten nicht, dass wir alle dasselbe wollen, sondern, dass das Reservoir, aus dem wir unsere Intuitionen schöpfen, ein und dasselbe ist.

Entscheidend ist die doppelte Bedingung, die Steiner hier stellt: Die zwei Individuen, die einander begegnen, müssen ihre Intentionen wirklich aus der Ideenwelt schöpfen und keinen äußeren Antrieben folgen. Zerstrittene Kollegien oder Elternschaften müssten sich danach zweierlei fragen: Sind sie sich der »einigen« Ideenwelt bewusst, aus der sie ihre Intentionen schöpfen und haben sie ihre jeweiligen Ideen zu Idealen – zu inneren Antrieben – erhoben? Hat man sich erst einmal dazu aufgeschwungen, einzusehen und anzuerkennen, dass Verständigung nur über Ideen zu erzielen ist, zum Beispiel die Idee der bestmöglichen Förderung des Kindes, kann man sich höchstens noch über die Umsetzung streiten. Diese ist eine Frage der »moralischen Phantasie« und der »moralischen Technik«. Erstere ist die Fähigkeit, aus Ideen konkrete Vorstellungen abzuleiten, letztere beruht auf der Kenntnis der Erscheinungswelt, der wir unsere Ideen einpflanzen wollen – beide setzen eine Verständigung über die leitenden Grund­intuitionen voraus. Lehrer und Eltern sollten es also nicht versäumen, einander gewisse fundamentale Fragen zu stellen, wenn sie sich zum Dienst am Kind zusammenschließen. Die Frage etwa: Was willst Du eigentlich, was erstrebst Du im Hinblick auf Dein Kind oder das Dir anvertraute Kind? Welchem Ideal willst Du dienen? Die entscheidenden Fragen sind immer einfach. Zugleich sind sie am schwersten zu stellen. Aber, was hindert uns, den Versuch zu unternehmen?

Erkenntnis setzt Hingabe voraus

Aufschluss darüber gibt möglicherweise die Präzisierung, die Steiner 1918 an der »Maxime freier Geister« vorgenommen hat.

Nun lautet sie: »Leben in der Liebe zum Handeln und Lebenlassen im Verständnisse des fremden Wollens.« Man sieht, auch hier sind wieder die beiden Perspektiven angesprochen: Selbstverwirklichung und Anerkennung. Aber es wird nun auch ein Hinweis darauf gegeben, wie beide gleichzeitig möglich sind – durch Liebe und Verständnis nämlich.

Liebe ist überhaupt der höchste Antrieb, aus dem heraus ein Mensch auf dem Boden der »Philosophie der Freiheit« handeln kann. Und auch das Verständnis setzt Liebe voraus. Darauf hat Steiner in einer anderen Ergänzung zu seinem Buch hingewiesen. Im Denken, aus dem alles Verständnis entspringt, fließt »die Kraft der Liebe«, durch die es »mit Wärme in die Welterscheinungen unterzutauchen« vermag. Mit anderen Worten: Erkenntnis setzt Hingabe voraus. Das Wesen eines Dinges, eines Menschen kann ich nur erfassen, wenn ich mich vorbehaltlos hingebe. So gesehen, ist das Denken ein Organ der Wahrnehmung. Denken bedeutet nicht kalte Distanzierung, sondern liebevolle Anteilnahme, nicht Entzweiung, sondern Verschmelzung. Anderswo hat Steiner diese Hingabe auch als »Devotion« oder »Ehrfurcht« bezeichnet.

Die Frage ist, entwickeln wir diese Wärme im Denken, durch die wir in die Welterscheinungen, also auch in die anderen Menschen unterzutauchen vermögen? Schließen wir die Menschen, mit denen wir täglich zu tun haben, in unsere Liebe ein? Oder hindern uns »äußere Antriebe« daran, sie zu entwickeln? Solche äußeren Antriebe können zum Beispiel »Instinkte«, »Triebe«, »Emotionen« oder »Gebote« sein.

Naturtriebe und Pflichtgebote stiften Unfrieden

»Nur der sittlich Unfreie, der dem Naturtrieb oder einem angenommenen Pflichtgebot folgt, stößt den Nebenmenschen zurück, wenn er nicht dem gleichen Instinkt und dem gleichen Gebot folgt«, heißt es in der »Philosophie der Freiheit«. »Naturtriebe« und »Pflichtgebote« säen also Unfrieden, sie führen dazu, dass wir andere Menschen zurückstoßen, dass wir sie nicht als Individualitäten in ihrem eigenen Wollen, in ihrer Würde anerkennen. Denken wir an IS-Terroristen, die Tausende von Frauen missbrauchen und in die Sklaverei verkaufen. Sie rechtfertigen ihr Handeln mit zurechtgebogenen religiösen Geboten. Naturtrieb und Zwangsmoral gehen hier eine fatale Koalition ein, um die Individualität der misshandelten Frauen, der Frau überhaupt, auszulöschen. Weit weniger barbarisch, aber nicht weniger schädlich für das Zusammenleben, ist das Streuen von Gerüchten, von Urteilen über andere Menschen, die nicht auf liebevollem Verständnis fußen, sondern von Antipathie oder verschleiertem Hass genährt sind. Die Bedeutung von Gerüchten für die Dynamik sozialer Beziehungen ist nicht unterschätzen. Gerüchte resultieren meist aus der Wahrnehmungslosigkeit. Fehlende Beobachtungen werden durch Phantasievorstellungen ersetzt. Das erste Gebot im sozialen Miteinander müsste lauten: Schaue Dir die Menschen an, mit denen du es zu tun hast. Wenn Du Fragen an sie hast, dann frag sie – und nicht jemand anderen!

So wie unser Erkennen von Liebe erfüllt sein sollte, ja durch die Liebe erst aufgeschlossen wird – öffnet sie uns doch »die Augen für die Vorzüge des geliebten Wesens« – so sollte, laut Steiners Maxime, auch unser Handeln von Liebe erfüllt und getragen sein. Verstehen wir Steiner nicht falsch! Er stellt damit keineswegs ein neues Gebot auf, sondern beschreibt nur, in welchem Zustand sich ein freier Geist befindet.

Die Saat der Freiheit

Wozu Liebe als Quelle des Handelns führt, kann man an solchen Menschen wie Buddha, Mahatma Gandhi, Franz von Assisi, Mutter Theresa oder Rudolf Steiner sehen. Die Saat der Liebe, die unter ihren Händen aufgeht, bildet den Gradmesser der Wärme, von der ihr Handeln durchdrungen war. Die Fähigkeit zu segnen und zu trösten ist nur eine der Fähigkeiten, die aus dieser Wärme erwächst. Nicht immer sind die Diplomaten, die im Namen des Friedens unterwegs sind, auch die geborenen Friedensstifter. Oft genug kennen wir die Namen der wirklichen Friedensstifter gar nicht, denn ihre Handlungen sind unspektakulär und spielen sich im Verborgenen ab.

Jedesmal, wenn jemand aus Liebe verzeiht, oder nicht auf seinem Recht beharrt, wenn er seinen Stolz opfert, einen Weg des Kompromisses eröffnet, weil er von seinen Maximalforderungen absieht und bereit ist, mit anderen zu teilen, sendet er diese Wärme aus, die das soziale Eis zum Schmelzen bringt. Die unscheinbarsten Handlungen des Alltags können solche Wärmequellen sein.

Das Leben mit Kindern, der Erziehungsalltag zehrt von solchen Momenten spontaner Liebeszuwendung. Zeichen ihrer Anwesenheit sind das Lächeln und die ansteckende Heiterkeit, die sie hervorruft. Düstere Stimmung und verbiesterter Ernst sind liebefeindliche Klimata. Dasselbe gilt übrigens auch für den Umgang Erwachsener miteinander. Wenn wir versuchen, anderen liebevolles Verständnis entgegenzubringen, wenn wir mit unserer ganzen Erkenntniskraft in ihr sich offenbarendes Wesen eintauchen, entfaltet sich dieses wie eine Blütenkrone im Sonnenlicht. Und aus einem gehörnten Wesen wird unter dem Einfluss der verwandelnden Kraft der Liebe ein gekröntes Wesen. Dies gilt für den Erkannten, ebenso wie für den Erkennenden. Hier vollzieht sich im Alltag, im Hier und Jetzt, auf Erden, jene Erkenntnis von Angesicht zu Angesicht, von der schon Paulus gesprochen hat.

Und führen wir das Bild zu Ende: Ist unser Blick auf den Anderen von der Wärme der Liebe und dem Licht der Erkenntnis durchdrungen, schließen sich die Kronen auf unseren Häuptern auf und können sich an dem Licht ausrichten, das uns alle bescheint. Wie heliotrope Wesen folgen wir dann in unseren Bewegungen dem Licht der Sonne, das uns gemeinsam bescheint. Schiller hat diesen Bewusstseinszustand in einem Distichon zusammengefasst: »Suchst du das Höchste, das Größte? Die Pflanze kann es dich lehren. Was sie willenlos ist, sei du es wollend – das ist’s!«

Der Zweizeiler spricht von jenem Handeln, das aus der uns allen gemeinsamen Ideenwelt fließt. Es beruht auf der Anerkennung der Freiheit des jeweils anderen, es vollzieht sich in Würde und schließt uns im Frieden zusammen.

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