Lehrer für die Zukunft

Von Johannes Kiersch, Juli 2019

An der Stuttgarter Mutterschule wurde öfter erzählt, Rudolf Steiner habe sich – nicht ohne einen Anflug von Selbstkritik – zu dem Satz hinreißen lassen: »Wenn ich noch einmal von vorn anfangen könnte, würde ich das Steuer ganz nach dem Künstlerischen herumreißen.«

Wann könnte er das gesagt haben, und warum? Und hat er damit die neue Schulbewegung gemeint, oder womöglich deren Quell, das Lehrerkollegium? Soviel steht fest: Im dritten Jahr nach der Schulgründung musste er sich eingestehen, dass seine vorbereitenden Kurse für das Lehrerkollegium Theorie geblieben waren. Das angestrebte umfassende Einfühlungsvermögen und die Kraft individueller Initiative, die er erwartet hatte, waren nicht hinreichend wirksam geworden. Der Enthusiasmus des Neuanfangs von 1919 hatte merklich nachgelassen. Es wurde zuviel »doziert« im Unterricht und der Kontakt zu den Kindern kam dabei zu kurz. So suchte Steiner nach neuen Wegen und entdeckte – im Lauf seines letzten Arbeitsjahres – als spezielle pädagogische Schulungsmittel Übungen im Plastizieren, im musikalischen Hören und im Sprechen. 

Diese drei »Lehrerkünste«, wie sie heute gern genannt werden, vereinigen sich in der Bewegungskunst der Eurythmie: als bewegte Plastik, sichtbarer Gesang und sichtbare Sprache. Wir dürfen sicher sein: In dem Hochschulgebäude, das neben dem Neubau der ersten Waldorfschule vorgesehen war, hätte Steiner das tätige Einleben in die Ausdrucksformen der drei Künste ins Zentrum der neuen Art von Lehrerbildung gestellt, die ihm vorschwebte und die bis heute darauf wartet, breiter entwickelt und erprobt zu werden. Wer sich auf Übungen in den Künsten ernsthaft einlassen will, braucht dafür Zeit. Und damit verlagern sich die Gewichte. 

Im Aus­bildungsplan der Waldorf-Zukunft wird das notwendige Orientierungswissen, so wichtig es ist, an den Rand rücken. Eine breit ausgebaute begleitende Schulpraxis wird das im Üben Erlebte und Erfahrene weiter vertiefen. An die Stelle abstrakter Trockenschwimm-Kurse wird die theoretische Erhellung gelebter Praxis treten, auf vergleichbarem wissenschaftlichem Niveau.

Hat die Waldorfbewegung hinreichend verstanden, was Steiners später Hinweis für den Ausbau ihrer Lehrerbildungseinrichtungen bedeutet? Werden die angesichts des gegenwärtigen Lehrermangels dringend notwendigen Aufbau- und Ergänzungskurse dafür genügend Freiraum geben? Und was tun wir, um die in den letzten vierzig Jahren aufgebauten grundständigen Einrichtungen so zu stärken, dass sie als Kunsthochschulen sichtbar werden, auch und ganz besonders als Schulungsstätten für den Künstlerberuf des Waldorf-Klassenlehrers? Lassen sie sich so gestalten, dass sie für pädagogisch begabte junge Leute attraktiv werden, die heute in kreativere Berufe abwandern, weil unser Angebot für sie zu langweilig ist und zu wenig individuelle Produktivität herausfordert? Das wichtigste Curriculum des Lehrers ist, wie wir spätestens seit John Hattie wissen, seine Person. Die entfaltet sich nur kümmerlich durch den Erwerb von Wissen. Vor allem anderen braucht sie das übende Tun.

Johannes Kiersch war Waldorflehrer und ab 1973 am Aufbau des Instituts für Waldorfpädagogik in Witten beteiligt und Dozent für Waldorfpädagogik. Publikationen zur Waldorfpädagogik und anthroposophischen Esoterik.

Literatur: J. Kiersch: Freie Lehrerbildung, Stuttgart 1978 (Neuauflage in Vorbereitung). | J. Hattie / K. Ziehrer: Kenne deinen Einfluss! »Visible Learning« für die Unterrichtspraxis, Baltmannsweiler 2018

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