Lehrergenerationen an der Uhlandshöhe. Eine Skizze

Von Alain Denjean, Juli 2018

Drei Lehrergenerationen hat die Uhlandshöhe in ihrer fast hundertjährigen Geschichte gesehen. Doch die Zugehörigkeit zu einer der drei Generationen war kein Gegenstand der Reflexion der dort tätigen Lehrer.

Blick vom Schulgarten auf die Waldorfschule Uhlandshöhe um 1923/24

Meist wird zwischen erster und zweiter Schule, also der Schule bis zum Verbot 1938 und nach dem Krieg, ab 1945 unterschieden. Doch diese Unterscheidung verschwand spätestens in den 1980er Jahren, als nach und nach auch die Kollegen der »zweiten Schule« nicht mehr im Kollegium waren. Mit der »ersten« und »zweiten« Schule war auch die Bezeichnung »Mutterschule« verbunden, eine Bezeichnung, die von auswärtigen Kollegen lange mit Ehrfurcht ausgesprochen wurde. Durch die Gründungswelle in jener Zeit wurde die Uhlandshöhe eine von vielen Waldorfschulen und im Kollegium fing der eine oder andere sogar an, von der »Großmutterschule« zu sprechen. Heute wissen viele junge oder neue Waldorflehrer bestenfalls, dass diese Schule eine der Stuttgarter Waldorfschulen ist.

Jetzt, im Rückblick von fast hundert Jahren bemerkt man eine Gliederung, die für die im Tagesgeschehen involvierten Lehrer nicht auffallend, sogar vielleicht uninteressant, aber doch sichtbar ist.

Die erste Generation (1919-1952)

In der ersten Generation (1919-1952) taten die Lehrer der Uhlandshöhe, obwohl bald nach 1919 ein paar neue Waldorfschulen entstanden (Hamburg, Basel, Zürich, London) fast alles: unterrichten, die Schule selbst verwalten, aber auch die wachsende Waldorfbewegung pflegen und führen, neue Lehrer ausbilden, Tagungen veranstalten, die Zeitschrift Erziehungskunst redigieren, die Arbeit in der anthroposophischen Gesellschaft vertiefen. Es müssen charismatische Gestalten gewesen sein, deren Einsatz ganz von der Familie mitgetragen wurde. Die meisten ihrer Schüler liebten sie unglaublich, auch wenn sie ihre Schwächen hatten. Sie verrichteten eine kaum fassbare Arbeit – denn sie wussten sich stets von der übersinnlichen Welt unterstützt. Die Krönung dieser Arbeit wurde 1953 sichtbar, als das wieder aufgebaute Haupthaus bezogen werden konnte. Weniger sichtbar wurde die selbstständige Arbeit des Bundes der Freien Waldorfschulen, die sich nach 1953 von der direkten Führung durch die Schule (nach Erich Schwebsch) löste. Stille, keine Bücher schreibenden oder Vorträge haltenden Kollegen, deren Namen nicht besonders bekannt sind, prägten die Schule und die Konferenzen aber ebenso stark: So erlebte ich die alte, längst pensionierte, aber an den internen Konferenzen teilnehmende Musiklehrerin Eugenie Haueisen. Eine kleine, zarte Frau, die während der wenigen Jahre, in welchen ich sie erlebte, nie ein Wort in der Konferenz sagte, aber alles mit einer unglaublich inneren Präsenz und Aktivität begleitete. Ich saß in der Reihe vor ihr, sah sie nicht, aber spürte ihre ausstrahlende Kraft. Und wenn sie einmal nicht da war, war die Konferenz anders.

Die zweite Generation (1953-1986)

In der zweiten Generation (1953-1986) setzten die Schüler der ersten Schule mit ihren teilweise zurückgekommenen Lehrern, aber auch mit neuen die Arbeit fort und festigten die Grundlagen der Waldorfpädagogik. War in der ersten Generation der erste Lehrplan von Caroline von Heydebrand 40 Seiten lang, so erschien 1976 ein neuer, gesammelt und komponiert von E. A. Karl Stockmeyer, und der hatte schon 200 Seiten. Bauen im Sinne von Ausweiten war ein großes Thema. Es entstanden der neue Festsaal, das Hochschulgebäude mit Anbau, eine neue Küche für die Schüler, aber diese Bauten wurden zum Segen für die Erweiterung der Schulbewegung: Die neuen Lehrer wurden auf dem Schulgelände ausgebildet und immer größere Tagungen konnten im neuen Festsaal stattfinden. Im täglichen Unterricht begeisterten manche Lehrer immer wieder ihre Schüler – so zum Beispiel Alfred Schmid seine Oberstufenklassen. Seine Exkursionen in die Alpen fesselten die Jugendlichen, die durch ihn eine intensive Beziehung zu Landschaften entwickelten, Pflanzengemeinschaften entdecken lernten und das Klettern am Seil übten.

Die dritte Generation (1986-2018)

Für die dritte Generation (1986-2018) ist es schwer, einzelne Lehrerpersönlichkeiten hervorzuheben. Man kann feststellen, dass die kollegiale Arbeit das verglimmte Charisma früherer Lehrer ersetzen muss. Ich erinnere mich an viele interne Konferenzen (Schulführungskonferenzen), in welchen 50 Kollegen im Bewusstsein ihrer vollen Verantwortung und der Gewissheit rangen, dass die zahlreichen verstorbenen Kollegen und die Wesen der geistigen Welt, die sie Tag für Tag in ihrer Meditation herbeiriefen, helfend anwesend waren, um über die Nacht zu einem guten Entschluss zu kommen.

Äußerlich teilte sich 1986 das Zentrum der Waldorfpädagogik an der Uhlandshöhe, wo bis 1985 die Herbst­tagungen immer größer geworden waren, in drei Orte der vertieften geistigen Arbeit: Neben Stuttgart traten Hamburg und Prien. Und in Dornach fand zu Ostern 1986 die erste Weltlehrertagung statt. Am Lehrplanbuch der dritten Generation (Richter-Lehrplan), dessen letzte Ausgabe über 600 Seiten umfasst, an dem viele Lehrer der Uhlandshöhe beteiligt waren, sieht man, wie bunt, vielfältig und verschieden man an die Waldorfpädagogik herangehen kann. Doch typisch für das Kollegium der Uhlandshöhe scheint mir bei aller Vielfalt das konstante gemeinsame Suchen und Schaffen an den Quellen der Pädagogik, an den methodischen und anthroposophischen Fragen, an der Menschenkunde.

Bald feiern wir hundert Jahre Waldorfpädagogik. Dann beginnt offiziell etwas, was schon vorhanden ist: die vierte Generation. »Es knospt unter den Blättern – sie nennen es Herbst«, schrieb einmal Hilde Domin. Als schon pensionierter Lehrer der dritten Generation, der viele junge Kollegen betreut, weiß ich, dass es auch im dritten Herbst im Kollegium mächtig knospt.

Zum Autor: Alain Denjean war Französisch- und Religionslehrer in der Waldorfschule Uhlandshöhe (Stuttgart) und Dozent an der Freien Hochschule Stuttgart. Er berät die deutschen Waldorfschulen in Sachen Fremdsprachenunterricht.

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