Danebengegangen

Von Henning Köhler, Januar 2019

Leserbrief zu: Andreas Becker, Falscher Name, unscharfe Ziele, Heft 12/2018.

Sehr geehrter Herr Becker,

Ihr Versuch, auf den Punkt zu bringen, was »linke« und »rechte« Grundpositionen unterscheidet, ist danebengegangen. Ich hoffe nur, Sie vermitteln das so nicht Ihren Schülern. Damit würden Sie der irreführenden Gleichsetzung authentischer linker Sozialethik mit pseudo-linken totalitären Bestrebungen Vorschub leisten.

Richtig ist Ihr einleitender Satz. Tatsächlich setzen sich Linke traditionell für einen Umbau der Gesellschaft zu mehr sozialer Gerechtigkeit ein, das gilt (theoretisch) für alle linken Strömungen. Dann aber packen Sie ein Bündel Klischees aus, die zwar für gewisse verflachte, pervertierte Formen linken Denkens gelten, nicht jedoch für den Kern des historischen Projekts der Linken. Dieses zutiefst humane, demokratische, freiheitliche Projekt in den Grundzügen kennen und verstehen zu lernen, wäre meines Erachtens gerade für Jugendliche sehr wichtig.

Sie behaupten, Linke zögen die gesellschaftliche Fürsorge der individuellen Verantwortung vor. So einfach ist das aber nicht. Wer die Geschichte der Linken kennt und aktuelle linke Debatten verfolgt, muss zu einer anderen Einschätzung gelangen. Der Themenkomplex Freiheit / Selbstverantwortung / Verantwortung für andere / Verantwortungsethik als Herzstück des Gesellschaftsvertrags wird nirgends so leidenschaftlich und so kontrovers diskutiert wie in linken Kreisen, teils auf einem beachtlichen philosophischen Niveau. Die Erkenntnis, dass Selbstverantwortung und soziale Verantwortung, Freiheit und Solidarität keine Gegensätze darstellen, sondern einander bedingen, wuchs historisch in der Linken. (Wie übrigens auch die Leidenschaft für Freiheit als solche.) Das Lamento, gesellschaftliche Fürsorge gehe auf Kosten der individuellen Freiheit und lähme die Selbstverantwortung, gehört zum rechtskonservativ-neoliberalen Standard-Repertoire, darüber belehrt uns jede TV-Talkshow. Unter »individueller Freiheit« verstehen diese Leute den Ego-Trip, der unsere Welt ins Verderben zu stürzen droht, und wenn sie »Selbstverantwortung« sagen, verbirgt sich dahinter meist das Urteil, Verlierer seien selber schuld.

Wie kommen Sie darauf, in einem rechten Staat gäbe es »idealerweise« keine Kultusbehörde, sondern nur noch freie, selbstverwaltete Schulen und Kirchen? (Und womöglich auch eine freie Presse, freie Gerichte und freie Lehre an den Universitäten?) Das ist abenteuerlich. Schauen Sie mal nach Österreich, Ungarn, Polen, was rechtslastige Regierungen dort gerade anrichten. Man komme durch Übertreibung einer konservativen Politik nicht zum Nationalsozialismus? Na ja, aber Vorsicht ist schon geboten. Fließende Übergänge zum Faschismus sind unübersehbar. Die Vordenker der nationalkonservativen Neuen Rechten Europas wissen jedenfalls, wo ihre geistigen Ursprünge liegen. Nicht aus Versehen ziehen sie gegen das »links-grün-versiffte« Gutmenschentum zu Felde und hassen den ganzen Freiheits- und Gerechtigkeits-Sermon linker Provenienz wie die Pest.

Historisch stand das rechte Lager für Elitenherrschaft, feudale bzw. quasi-feudale Strukturen, Zementierung sozialer Ungleichheit, Drangsalierung von Minderheiten und Unterdrückung der geistigen (wie auch künstlerischen) Freiheit. Dagegen erhob sich die Linke.  Alles, was wir heute an individuellen Freiheiten, demokratischen Mitwirkungsmöglichkeiten und solidargemeinschaftlichen Errungenschaften genießen, haben Linke erkämpft. Sie standen damit in der Tradition gegenkirchlicher Strömungen des Christentums, aufständischer Bauern und bürgerlicher Revolutionäre. (Auch Letztere saßen schon links im Parlament.)

Die Tragödie der Linken im 20. Jahrhundert bestand darin, dass alles, was linkes Denken essenziell ausmacht, von nominellen Linken schändlich verraten wurde. Der Stalinismus erfüllte in allen oben aufgezählten Punkten die rechte Agenda. Insofern müsste nicht Hitler ganz links im Parlament sitzen, wie Sie, Herr Becker, meinen, sondern Stalin neben Hitler ganz rechts.

Linkes Denken pauschal als freiheitsfeindlich abzuqualifizieren, ist ahistorisch und verrät mangelnde Kenntnis des zu beurteilenden Gegenstandes. Ich könnte Ihnen Dutzende bedeutender linker Theoretiker aufzählen, die glühend für individuelle Freiheitsrechte eintraten und den Rückzug des Staates forderten, darunter übrigens nicht wenige spirituell orientierte Persönlichkeiten.

Viele Linke wollen das Schulwesen aus staatlicher Bevormundung und wirtschaftlichen Abhängigkeiten befreien, allerdings unter der Bedingung, allen Kindern, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft, den Besuch einer freien Schule zu ermöglichen. Letzteres finden rechte Bildungspolitiker nicht so wichtig. Überhaupt bereitet ihnen die Vorstellung eines wahrhaft freien Bildungswesen Unbehagen. Konservative Kulturkritik postmoderner Prägung, basiert auf der Legende vom »libertären Mainstream« (Botho Strauß) und richtet sich gegen emanzipatorische Bestrebungen jedweder Art. Die Rechte präferiert Sicherheit, nicht Freiheit. Rechte, nicht linke Politiker führen wie ein Mantra das Wort vom Gewaltmonopol des Staates im Munde. Ich weiß, es gibt vortreffliche Wertkonservative, die anders denken. Interessant, zu beobachten, dass sie von undogmatischen Linken mehr gewürdigt werden als von Leuten aus dem eigenen Stall.

Im rechts-bildungsbürgerlichen Milieu schätzt man das Prinzip der Bestenauslese. Exzellenzkindergärten, Eliteschulen und Elite-Universitäten sollen »unser Land« nach vorn bringen. Vom äußersten rechten Rand (aber auch von einigen vorgeblich gemäßigten Rechten) kommt indes die Forderung, schon den Schulkindern Patriotismus einzuimpfen.

Dass viele Linke mit ihren egalitär-staatdirigistischen Vorstellungen weit von den ursprünglichen linken Idealen abgedriftet sind, steht außer Frage. Daraus kann man aber nicht folgern, das Ideal des starken Staates sei bei Rechten weniger virulent. Die »illiberale Demokratie«, wie sie den gegenwärtigen Machthabern in Ungarn, Polen, Österreich, Italien, nicht zu vergessen Russland vorschwebt und auch bei uns immer mehr Fürsprecher findet, ist ein frontal gegen die geistige Freiheit gerichtetes Konzept.

Übrigens bezog sich Rudolf Steiner um 1899/1900 ausdrücklich zustimmend auf die Anarchisten Max Stirner, John Henry Mackay und Benjamin Tucker. Mackay und Tucker wiederum waren von  Pierre Joseph Proudhon, Henry David Thoreau und Ralph Waldo Emerson beeinflusst. Steiner unterstützte deren Kampf gegen jedwede Form des vormundschaftlichen Staates (und hat das später, soviel ich weiß, nie revidiert). Eine klassisch linke Haltung. Wenn auch freilich keine marxistische.

Nach Lage der Dinge können wir uns als Waldorfschulbewegung in Bezug auf die soziale Frage keine »Neutralität« mehr erlauben. Gemeinsam mit allen humanistischen, demokratischen und freiheitlichen Kräften dem Rechtsextremismus (und seinen scheinbar moderaten Zuträgern) entgegenzutreten, ist das Gebot der Stunde. Sie haben Recht, Herr Becker: Zum Ausschluss von Kindern darf das nicht führen. Wohl aber sollten Eltern (oder Lehrer), die hasserfülltes Gedankengut in unsere Schulen tragen, sehr deutlich zu spüren bekommen, dass sie auf Granit beißen.

Wenn jemand mich bitten würde, in einem Satz zu umreißen, was »Linkssein« (als Haltung) bedeutet, wäre mein Vorschlag der folgende: Links positioniert sich, wer energisch für die Schwachen, Erniedrigten und Benachteiligten Partei ergreift und den Traum von einer gewaltlosen, herrschaftsfreien Gesellschaft nicht aufgibt.  

Mit freundlichen Grüßen

Henning Köhler

Falscher Name, unscharfe Ziele

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