Geschichtsvergessener Mief

Von Carolin Hristev, März 2015

Leserbrief zu »Erziehungskunst« Heft 3, 2015 – Rollenbilder.

Sehr geehrte Damen und Herren,

als mir vor kurzem zufällig die neueste Ausgabe der Erziehungskunst – zum Thema Rollenbilder und Geschlechteridentitäten – in die Hände geriet, fing ich als ehemalige Waldorfschülerin neugierig an, zu lesen.

Jedoch schon die merkwürdige Gegenüberstellung im Editorial ließen mich stutzen. Es verwundert, dass dem Autoren nichts Besseres einfiel, als dem »Machthaber« in der Frau das »schwache Geschlecht« im Mann gegenüber zu stellen. Als geradezu geschichtsvergessen möchte ich es bezeichnen, wenn auch heute immer noch, und immer wieder, das Weibliche, und ausschließlich das Weibliche, negativ konnotiert wird.

Der Artikel »Geschlechterrollenbilder heute« ergeht sich in bedeutungsschwangeren Andeutungen. Was, um alles in der Welt, lernt denn ein kleines Mädchen, das einem seiner Mütter eine Vaterrolle zuschreibt?

Als mir die Leseempfehlung zu »Von Höllenhunden und Himmelswesen« unterkam, in der allen Ernstes ein Buch angepriesen wird, das den Feminismus zum Erzfeind erklärt, war mir klar: Diese Zeitschrift ist nichts für mich als eine Frau, die ungeheuer dankbar dafür ist, wählen gehen zu können und einen Beruf ausüben zu dürfen ohne die schriftliche Erlaubnis ihres Mannes. Selbstverständlich gab es krude Auswüchse des Feminismus. So wie alles seine kruden Auswüchse hat. Doch wer den Feminismus per se verdammt, sollte eventuell in der eigenen Seele suchen, woher diese Wut auf die Bewegung kommt, mit der die europäischen Frauen sich Freiheit und Macht erkämpft haben. Verurteilt Gerhard Amendt auch die Emanzipationsbewegungen Amerikanischer Schwarzer, ihren Kampf um Wahlrecht und gesellschaftliche Mitsprache, nur, weil auch aus ihr »krude Auswüchse« hervorgingen?!

Fazit: Mal mehr, mal weniger subtil schlägt der Leserin aus dem Heft jener konservative Mief entgegen, der umso mehr verstört, desto fortschrittlicher der Anstrich, den er sich gibt.

Mit freundlichen Grüßen,

Carolin Hristev

Kommentare

Lucas Schoppe, 10.06.15 22:06

Hallo, Frau Hristev,

ich hab, ebenfalls zufällig, heute Ihren Brief gelesen – es ist ein paar Monate her, aber vielleicht kommt die Antwort ja noch an.

Ich glaube, dass Ihre Empörung über das Editorial auf einem Missverständnis beruht. „Machthaber“ zu sein wird dort bei Frauen, das „schwache Geschlecht“ zu sein bei Männern als „nicht gelebter Anteil“ in der Seele bezeichnet. Eigentlich sei also Machtorientierung eher männlich, Schwäche weiblich konnotiert.

Das sind ganz herkömmliche Geschlechterbilder, die von feministischen Vorstellungen (etwa der einer „hegemonialen Männlichkeit“ oder einer „Männerherrschaft“) nicht weit entfernt sind.

Mich wundert es, wenn sie schreiben, dass „immer noch, und immer wieder, das Weibliche, und ausschließlich das Weibliche, negativ konnotiert“ werde. Ich erlebe das eher andersherum. Wenn medial Menschen als machthungrig, gewaltnah, sexgierig, sozial inkompetent, aber auch als empathieunwürdig hingestellt werden, dann geht es dabei nach meiner Erfahrung in fast allen Fällen um Männer. So selbstverständlich, dass die Bosheit dieser Darstellungen erst auffällt, wenn ausnahmsweise einmal – und sei es, wie hier, durch ein Missverständnis – die Geschlechterzuschreibungen vertauscht werden.

Gerhard Amendt beschreibt in seinem Buch (haben Sie es gelesen?) solche sehr negativen Männlichkeitsbilder und bucht sie auf das Konto eines „Verdammungsfeminismus“. Das mag zugespitzt und einseitig sein. Tatsächlich sind diese Männlichkeitsklischees ja schon uralt (Christoph Kucklick hat dazu eindrucksvoll geschrieben). Sie sind aber zweifellos auch von Feministinnen aufgegriffen und konserviert worden, und nicht nur in wenigen „Auswüchsen“.

Feminismus bezeichnet in meinen Augen ein diffuses Bündel politischer Positionen, die insgesamt von rechtsaußen bis linkaußen reichen und die m.E. einen Schwerpunkt bei konservativen Geschlechterbildern haben – die Frau wird als schützenswert und schutzbedürftig imaginiert, der Mann als machtfixiert.

Wichtig ist mir hier nur: Kritik an politischen Positionen ist in einer Demokratie doch selbstverständlich möglich und eigentlich auch erwünscht – ich wüsste nicht, warum das beim Feminismus anders sein sollte.

Das Wahlrecht übrigens haben Frauen in Deutschland – ähnlich wie etwa in England – m.W. nicht sehr viel später als viele Männer bekommen (in Preußen galt z.B. bis 1918 das Dreiklassenwahlrecht). Von der angeblichen patriarchalen Dividende (Connell) hatten damals wie heute die meisten Männer nicht sehr viel. Die idiotische (aber m.W. in ihren letzten Jahrzehnten nur noch theoretisch bestehende) Regel, dass Frauen bei der Berufstätigkeit den Ehemann um Erlaubnis zu bitten hatten, wurde 1977 abgeschafft, im Gründungsjahr der „Emma“. Das degradierende Kontoführungsverbot für Frauen war schon 20 Jahre vorher abgeschafft worden. Der heutige Feminismus legte also erst richtig los, als das Wichtigste schon erreicht war. Wenn er sich heute dafür feiert, ist vielleicht eben das geschichtsvergessen.

Geschichtsvergessen ist es auch, die Position von Frauen in Deutschland mit der von Schwarzen in den USA der Sklaverei parallel zu schalten, oder mit der von Afro-Amerikanern im 20. und 21. Jahrhundert. Das ist ebenso unhaltbar wie die Gleichsetzung der Situation von Frauen und Juden, die etwa Schwarzer (z.B. in ihrer Börne-Preisrede) vornimmt. Da vereinnahmen feministische Akteurinnen das große Leid anderer für sich und versuchen, politisches Kapital daraus zu schlagen. Ich muss nicht sehr tief „in der eigenen Seele suchen“, um Gründe zu finden, über so etwas wütend zu sein.

Also: Ich verstehe, dass der Feminismus für Sie eine große Bedeutung hat. Das bedeutet jedoch nicht, dass alle Kritik, auch grundsätzliche Kritik daran haltlos ist und irrationalen persönlichen Motiven entstammt. Es bedeutet auch nicht, dass Sie den Feminismus ganz bestimmt richtig sehen und seine Kritiker ihn selbstverständlich falsch sehen.

Gerhard Amendt z.B. hat einige der „Auswüchse“, die Sie immerhin einräumen, durchaus erlebt. Als er 2010 bei dem Kongress zum Thema „Über den männlichen Umgang mit Gefühlen“ an der Universität Düsseldorf als Redner teilnahm, brauchte er Bodyguards. Es hatte Morddrohungen gegen ihn gegeben.

Carolin Hristev, 19.08.15 20:08

Sehr geehrter Herr Schoppe,

das Editorial habe ich durchaus richtig verstanden, und mich meiner Meinung nach auch so dazu geäußert, dass man das nachvollziehen kann.
Der Kampf von Afroamerikanern um die Bürgerrechte fand in den 60er und 70er Jahren des 20.Jahrhunderts statt, ein Jahrhundert nach der Abschaffung der Sklaverei. Es tut mir leid, wenn Sie glaubten, ich hätte die Situation heutiger Frauen mit der amerikanischer Sklaven verglichen, ein tatsächlich unhaltbarer Vergleich, den ich jedoch nirgends vorgenommen habe. Lesen hilft ;-)
Ihre Trennungslinie zwischen "heutigem Feminismus" und "dem Feminismus, der das Wahlrecht erkämpfte", ist m. E. willkürlich.
Als Letztes, dass ich mich über ein Buch ärgere, das den Feminismus per se verdammt, heißt nicht, dass ich nicht kritikfähig bin.

Mit freundlichen Grüßen,
Carolin Hristev

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