Verantwortungslos

Von Christoph Lange, Dezember 2015

Daniele Ganser arbeitet mit pauschalen Unterstellungen und logischen Fehlschlüssen wie: »9/11 hat also das Feindbild ›böser Muslim‹ erschaffen« oder: »Deutschland und Dänemark sind alles christliche Länder«.

Letzteres kann so nur aus einem sehr verengten Blickwinkel behauptet werden, und dass die Entstehung von Feindbildern nicht einfach monokausal erklärt werden kann, sollte in jedem guten Oberstufenunterricht – und nicht nur da – eine Grundannahme sein. Aufgrund eines Gesprächs mit einem Kollegen der eigenen Uni wird von Ganser umstandslos behauptet, das ehemalige Gebäude 7 des WTC sei »mit großer Wahrscheinlichkeit gesprengt worden«. Dem widerspricht ein fast 90-seitiger wissenschaftlicher Untersuchungsbericht des National Institute of Standards and Technology (NIST), der mit Hilfe von unzähligen namentlich genannten Spezialisten und den Originalplänen und Videoaufzeichnungen verfasst worden ist und im Internet abgerufen werden kann (http://www.nist.gov/customcf/get_pdf.cfm?pub_id=861610).

Dieser schließt eine Sprengung mit guten Gründen aus. Die Existenz dieses Dokuments wird von Ganser unterschlagen. Krudesten Spekulationen (»Wenn das zutrifft, haben wir ein Wahrheitsproblem«) wird so Vorschub geleistet.

Das Interview verbreitet unzumutbare Allgemeinplätze wie: »Wir Christen müssen uns mit gewalttätigen Christen in unseren Reihen kritisch auseinandersetzen« oder »dass in Europa geheime Militäraktionen der NATO durchgeführt werden« und man in der Ukraine »den NATO-Machtraum erweitern und Militärbasen aufbauen« wolle. Hier fehlen entscheidende Momente der Relativierung und Abwägung: Jeder Waldorfschüler der Oberstufe wird (hoffentlich!) einem Satz, der mit »wir Christen« beginnt, widersprechen. Kritische Auseinandersetzung, klar, aber wer sind »wir«? Sind »wir« umstandslos »Christen«? Was heißt das, Christ sein? Sachlicher Rahmen »geheimer Militäraktionen« sind natürlich die Geheimdienste, die zwar in letzter Zeit mit Recht ins Gerede gekommen sind, über die aber jeder souveräne Staat verfügt und die alle genau so, nämlich »geheim« arbeiten. Sonst wären sie keine Geheimdienste.

Und zum letzten Punkt fällt doch zunächst ins Auge, dass in der (man muss mittlerweile sagen ehemaligen) Ukraine ja derzeit nicht die NATO, sondern Russland »Militärbasen« errichtet. Begriffe wie »Staatsterror« und historisierende Vergleiche zwischen sogenannten Verschwörungstheoretikern und frühneuzeitlichen sogenannten »Ketzern« halte ich für höchst begründungsbedürftig und mit Blick auf die Zielgruppe Schule und Schüler für gefährlich. Sachlich deutet die Pauschalität und die mangelnde Begründung der Behauptungen von Ganser, die eine Alleinschuld der USA und der NATO an den gegenwärtigen Krisen in der Welt nahelegen, tatsächlich darauf hin, dass wir es hier mit einem echten »Verschwörungstheoretiker« zu tun haben. Wenn wir solchen Theorien eine Plattform bieten, müssen wir uns nicht wundern, wenn genau solche Verschwörungstheoretiker wie zum Beispiel die sogenannten »Reichsbürger« sich im Waldorf-Milieu einnisten und Bewegungen entstehen, die hochkomplexe Zusammenhänge mit einseitigen, unbegründeten Schuldzuweisungen erklären wollen. Allein der Hinweis von Ganser auf die Nähe unserer »Massenmedien« zur »Propaganda« ist schon Wasser auf die Mühlen des Pegida-Geredes von der »Lügenpresse«.

Ich versuche meinen Schülern gerade in Bezug auf Youtube, das zur Informationsbeschaffung begründbar, weil nicht evaluiert und hochkommerziell, völlig ungeeignet ist, medienkritischen Umgang nahezubringen, und da empfiehlt Ganser zur Entlarvung von »Gewalt und viel Lüge« ausgerechnet »Youtube-Vorträge«.

Ich finde es höchst unseriös, kontraproduktiv und pädagogisch unverantwortlich, dieses Interview in der »Erziehungskunst« zu bringen!

Zum Autor: Dr. Christoph Lange ist Oberstufenlehrer an der Freien Waldorfschule Offenburg

Kommentare

Marie , 03.01.16 19:01

Das NIST- Ergebnis widerspricht jeglichen physikalischen Gesetzen und wurde längst als Lüge enttarnt. Über 2500 US Ingenieure, Architekten und Statiker haben mit Namen und Adressen zu einer weiteren Untersuchung aufgerufen und alle diese sind sich einig, dass das NIST-Ergebnis falsch ist. Aber, sehr geehrter Herr Lange, manche Menschen "lassen lieber denken", als sich unvoreingenommen zu informieren. Sehr schade für SchülerInnen, ich denke, dass Herr Ganser da mit seinen Lehrern mehr Glück hatte. Aber, Kopf hoch - kann ja noch werden!

Anne , 04.01.16 22:01

Besten Dank, Herr Lange, für diesen sehr guten und differenzierten Artikel! Es freut mich sehr, wie Sie sich hier für einen fundierten Oberstufenunterricht und kritische Medienkompetenz einsetzen. Und ja, es sollte sehr kritisch hinterfragt werden, wem hier auf welche Weise und mit welchen Konsequenzen eine Plattform geboten wird. Danke!

Michael , 03.03.18 11:03

Herr Lange,

Ich als ehemaliger Waldorfschüler staune, auf welch simplen Weg Sie hier Daniele Ganser Dinge unterstellen, die so schlicht falsch sind. Natürlich weist Herr Ganser zB. auf den NIST-Report hin. Haben Sie diesen denn mal gelesen? Ich befürchte nicht, sonst würden Sie nicht behaupten, dass darin alles geklärt sei. Sowieso finde ich es als Oberstufenlehrer etwas fahrlässig, amerikanische Regierungsdokumente als Belege für Wahrheit zu nutzen oder zu unterstellen, dass jeder YouTube Nutzer kommerzielle Interessen verfolgt, klassische Medien aber hingegen nicht.
Unsere deutschen Medien mussten sich nach dem 2. Weltkrieg eine Lizenz der Siegermächte holen, sind durch Verbindungen wie die Atlantikbrücke in tiefe Interessenskonflikte verstrickt (was die völlig NATO-unkritischen Berichte begründet).
Ich hoffe, Sie ermutigen Ihre Schüler trotzdem, frei nach der Wahrheit zu suchen. Und glauben Sie mir: jeder Mensch hat ein Gefühl für Wahrheit, auch Ihre Schüler werden es einestages haben.
Eine Waldorfschule sollte auch in unserer heutigen Zeit eine Schule bleiben, in der Menschen zu freien Wesen erzogen werden.
Auch, wenn die Meinungsfreiheit immer mehr eingeschränkt wird.

Gerhard , 22.10.18 19:10

Die Kritik Herrn Langes ist richtig und noch viel zu harmlos. Ganser weiß genau, dass und wie er lügt. Nur ein Beispiel ist seine Standardplatitude, das WTC 7 komme im Bericht der 9/11-Kommission nicht vor. Es kommt mehrmals in Fußnoten vor.
Warum dessen Einsturz dort nicht vorkam und nicht erklärt wird, weiß Ganser auch. Dass Kongressabgeordnete die Untersuchung von Gebäudeeinstürzen an Experten des NIST und MIT abgaben, war sowohl gesetzlich so vorgesehen als auch vernünftig. Diese 88 Experten haben mit hunderten weiteren Experten aller möglichen Institute zusammengearbeitet, um in sieben Jahren die historisch gründlichste Untersuchung eines Gebäudeeinsturzes zu erarbeiten. Das sind keine Regierungsmarionetten, die politische Interessen bedienen: Sie hatten einen Ruf bei der gesamten Bauindustrie der USA zu verlieren.

Ganser weist immer nur ganz beiläufig und knapp auf den NIST-Bericht hin, und zwar immer sofort abwertend. Er ist fachlich gar nicht in der Lage, ihn zu entkräften, also beruft er sich auf zwei emeritierte ehemalige ETH-Kollegen, die ebensowenig zu 9/11 geforscht haben wie er. Sie haben nur aufgrund eines einzigen Videos geurteilt, das Ganser ihnen vor 13 Jahren mal gezeigt hat. Das Video war auch noch verkürzt, ohne die Sekunden zu Beginn, die sichtbar auf den längeren Einsturzverlauf im Inneren des Gebäudes hinweisen. Diesen simplen Trick hat sich Ganser von Richard Gage ("Architects and Engineers for 911 Truth") und anderen professionellen Lügenpropagandisten der 9/11-Truth-Szene in den USA abgeschaut.

Auch für die angeblichen "Fehler" im NIST-Bericht beruft sich Ganser ausschließlich auf inkompetente Zeugen wie den emeritierten Theologen David R. Griffin. Ferner verschweigt er jene unabhängigen wissenschaftlichen Studien, die das Untersuchungsergebnis nachgeprüft und bestätigt haben (Beispiel: https://ascelibrary.org/doi/10.1061/%28ASCE%29ST.1943-541X.0000398).

Gerade George W. Bush hat dem Feindbild "böser Muslim" nach 9/11 deutlich und gezielt widersprochen, das war einer seiner wenigen Pluspunkte. Ansonsten haben seine Lügen für den Irakkrieg auch die Verschwörungsthesen zu 9/11 in den USA natürlich erheblich bestärkt. Jedoch waren diese nach dem Höhepunkt 2006 schon am Abklingen, als Ganser entdeckte, dass er damit gutes Geld verdienen und seine verlorenen Universitätslehraufträge kompensieren konnte. Das hat ihn dauerhaft geprägt.

Es ist ein Trauerspiel und Armutszeugnis, dass ein gelernter Historiker gesicherte Forschungs- und Ermittlungsergebnisse mit ein paar lapidaren flapsigen Kommentaren meint beiseite wischen zu können. Warum glaubt er das? Weil er öffentlich und direkt bei seinen Vorträgen so gut wie nie mit kenntnisreichem Widerspruch konfrontiert worden ist. So konnte er bei seinen leichtgläubigen Hörern Jahrzehnte lang mit diesem eleganten Gebräu von Banalitäten und Lügen durchkommen. Er rechnet mit der physikalischen Ahnungslosigkeit seiner Hörer und verschweigt, dass NIST sehr wohl Beweise GEGEN eine Sprengung ausgeführt hat.

Diese könn(t)en auch Oberschüler nachvollziehen, die die 730 Seiten starke "structural analysis" zu WTC 7 nicht lesen wollen/können: https://www.nist.gov/topics/disaster-failure-studies/faqs-nist-wtc-7-investigation

Abgesehen davon hätte eine Sprengung des WTC 7 gar keinen Sinn für die unterstellte Herbeiführung des Antiterrorkrieges ergeben, das wäre dazu gar nicht zusätzlich nötig gewesen. Einfach mal logisch nachzudenken über Gansers "alternative" Erklärungsansätze kann also auch nicht schaden.

Den Satz »Wir Christen müssen uns mit gewalttätigen Christen in unseren Reihen kritisch auseinandersetzen« kann man jedoch an sich nicht monieren: Das Beten des Bush-Kabinetts im Oval Office vor den Befehlen zum Bombardieren des Irak war ein Musterbeispiel für den barbarischen, verbrecherischen Zynismus solcher getaufter Namenschristen.

Es fehlen dazu weniger Relativierung und Abwägung als Konkretion und Differenzierung: Man kann und muss zum Beispiel einen Angriffskrieg der USA auch ganz OHNE Verschwörungstheorien zu 9/11 kritisieren. Das wäre auf Dauer sogar weit wirksamer, statt Lügen gegen Lügen zu setzen.

Geheimdienste bedürfen gerade wegen ihrer Geheimhaltungsmethoden unbedingt der wirksamen demokratischen Kontrolle und müssten längst mit Konsequenzen rechnen, wenn ihre falschen Informationen Kriege mit hunderttausenden Opfern herbeigeführt haben. Nur leider leistet Ganser dafür nichts, da er dazu gar nicht wirklich FORSCHT. Er überträgt einfach sein durch seine Doktorarbeit erworbenes Misstrauen gegen die USA auf alle möglichen anderen Vorgänge und springt auf absurdeste Erklärungsmuster dazu auf.

Herr Ganser ist (noch) nicht rechtsradikal, lässt aber Abgrenzung nach rechts vermissen und Annäherung erkennen. Deshalb kann man Gansers verschwörungstheoretischen Denkstil durchaus mit den Fiktionen der »Reichsbürger« zu vergleichen. "9/11 war ein inside job" oder eine Tat von Juden ("Zionisten", Mossad etc.) ist fast in der gesamten rechtsradikalen Szene ein üblicher Gemeinplatz. Wer für diese Verschwörungstheorien empfänglich ist, glaubt auch leicht an weitere

Dagegen helfen nur Fakten, Fakten, Fakten und Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung. Lehrer, die komplexe Untersuchungsberichte nicht durchlesen und beurteilen können, können sich heutzutage trotzdem leicht verständliche Zusammenfassungen und klare Punkt-für-Punkt-Widerlegungen der Ganserschen Argumentationsmuster besorgen. Literatur- und Link-Angebote findet man zum Beispiel hier:

https://de.wikipedia.org/wiki/Verschw%C3%B6rungstheorien_zum_11._September_2001

Gerhard Sattler

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