Liebe wie ein Gewitter. Greenpeace-Gründer David McTaggart

Dezember 2014

Jede Nachrichtensendung liefert Bilder von Kämpfen und Kriegen; nationale Ideologien und religiöse Fundamentalismen breiten sich aus. Gleichzeitig geht der Krieg gegen die Erde weiter. Eine ungebremste Wachstumsideologie befeuert den Kampf um die Ausbeutung knapper werdender Ressourcen. Neben diesen Problemen zeigt sich eine Erosion des Zwischenmenschlichen. Stabile Beziehungen und Solidargemeinschaften drohen zu verschwinden. Diese Krisen werfen Fragen nach der persönlichen Lebensführung auf. Es ist ein Signum moderner Biographien, dass sie zwischen Egoismus, Selbstverwirklichung und Fürsorge für die gesamte Schöpfung pendeln.

Foto: © Charlotte Fischer

Vor einigen Jahren habe ich die Autobiographie einer Persönlichkeit gelesen, die mich immer wieder beschäftigt; nicht, weil sie »vorbildlich« erscheint – das ist in manchen Zügen gerade nicht der Fall –, sondern weil ihr Leben von einer elementaren Dynamik im Ringen mit dem Spannungsfeld unserer Zeit geprägt ist.

David McTaggart wird im Jahre 1932 in Kanada als drittes Kind einer wohlhabenden Familie geboren, seine Schwester Bunty ist zehn, sein Bruder Drew drei Jahre alt. Er erlebt eine wunderbare, idyllische Kindheit: »… ich bin tatsächlich in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass ich vorbehaltlos geliebt wurde«. Besonders die Sommermonate in einem Ferienhäuschen der Familie an einer Bucht, über der die Adler segeln und in den 60 Meter hohen Fichten neben dem Haus landen, erinnert er als Paradies: »Es war eine wilde Gegend, und wir konnten dort wild sein. Ich glaube nicht, dass es für einen Jungen etwas Besseres gibt, und ich trage diesen Ort und das Gefühl der Freiheit ständig in mir.«

Anders ist es mit der Schule: Er kann nicht still sitzen, das Lernen aus Büchern langweilt ihn, Regeln reizen ihn zum Widerstand. So organisiert er im Alter von dreizehn Jahren aus Protest gegen die starre Kleiderordnung einen »nationalen Pennertag«, an dem die Schüler in ihren abgerissensten Klamotten erscheinen, mit sechzehn Jahren wird er gefeuert, weil er den Sportlehrer wegen einer offensichtlichen Fehlentscheidung heftig kritisiert. Er verlegt sich auf den Sport, wird mehrmals kanadischer Meister im Badminton und steigt in das Immobiliengeschäft ein – auch das ein schnelles Spiel mit realen Konsequenzen.

In zwanzig Jahren beruflicher Tätigkeit gewinnt er durch riskante touristische Projekte eine halbe Million Dollar – verliert sie aber, weil 1970 die Finanzmärkte zusammenbrechen. Inzwischen sind drei Ehen gescheitert und er ist Vater von drei Töchtern – eine aus der ersten, zwei aus der zweiten Ehe –, die er alle verlassen hat, bevor sie in die Schule kamen. Das Muster ist stets ähnlich: »Ich begann eine Liebesbeziehung in den besten Absichten. […] Und dann war da wieder diese elende Abenteuerlust. Ich weiß, das klingt hoffnungslos altmodisch und für manche Leute vielleicht auch sexistisch, aber für mich ist eine Frau das größte Kunstwerk der Welt. Während meines ganzen Lebens habe ich versucht, mich gut zu benehmen, aber – besonders als ich jung war – schien überall, wo ich hinsah, das nächste Kunstwerk zu sein, das ich haben wollte. […] Selbstbeschränkung gehört nicht zu meinen Stärken.«

Vom Hedonisten zum Umweltaktivisten

Ein Möchtegern-Kapitalist und hedonistischer Lebemann mit einem aufgeblasenen Ego, der Lieben mit Haben verwechselt und »so unpolitisch ist, wie man nur sein kann« – so eine spätere Selbstcharakteristik von David McTaggart im Alter von vierzig Jahren. Er beschließt, aus seinem bisherigen Leben auszusteigen, nimmt ein Flugzeug und fliegt von Los Angeles nach Tahiti – sein Leben soll schlicht und frei sein und nicht mehr um den allmächtigen Dollar kreisen. Vom letzten Geld, das er hat, kauft er sich eine Hochsee-Yacht: die »Vega«. Damit macht er Ausflüge für Touristen und verdient in einer Woche, was er sonst in einer Stunde verdient hat. Aber er ist zufrieden – zumal er eine schöne neuseeländische Studentin kennenlernt und sich mit ihr befreundet. Eines Abends sitzt er mit deren Vater zusammen und der erzählt von einer kanadischen Gruppe, die ein Boot sucht, um gegen die französischen Atomtests im Südpazifik zu protestieren. Dabei verfolgt die Gruppe die Methode des passiven Widerstands, die sie von den Quäkern entlehnt hat: »Zeugnis ablegen«, indem sie an Orten sozialer oder ökologischer Zerstörung einfach präsent ist und damit ihren Protest bekundet.

Aber nun ist dieser Ort Mururoa, ein Atoll mitten im Nirgendwo auf halbem Weg zwischen Australien und Südamerika, etwa 6.000 Kilometer von Neuseeland entfernt, und der Test soll am 1. Juni stattfinden, also in sechs Wochen. Eine solche Reise in sechs Wochen vorzubereiten und durchzuführen, das erscheint einfach nicht möglich. Aber – und das ist typisch für McTaggart – je mehr er von der Unmöglichkeit des Vorhabens überzeugt ist, desto stärker wird der Wunsch, die Reise zu unternehmen.

Zudem ärgert ihn eines: Frankreich hat eine riesige Zone um Mururoa zum Sperrgebiet erklärt und das ist juristisch nicht gedeckt. Die internationalen Gesetze besagen, dass die territorialen Rechte jeder Nation nur zwölf Meilen über die Küste hinausreichen – jenseits der Zwölf-Meilen-Zone ist ein Ort, wo jeder Mensch wirklich frei ist. Und genau diese Freiheit soll eingeschränkt werden!

Das freiheitsliebende Selbst dieser Persönlichkeit verbindet sich mit dem ökologischen Protest – und beides treibt ihn voran, das Unmögliche zu wagen. Es gelingt ihm, eine kleine Crew zusammenzustellen, und diese Crew schafft es tatsächlich, eine Stunde vor Beginn des 1. Juni an der Zwölf-Meilen-Zone vor Mururoa zu sein. In dieser Situation hat er ein starkes Gefühl der Zuversicht: »Vielleicht kann mich irgendjemand da oben am Ende doch leiden. Auf Wache in dieser Nacht, im Licht des Vollmonds kommt es mir tatsächlich so vor. Ich kann fast hören, wie eine Stimme flüstert: ›Geh aufs Ganze […] jetzt!‹«

Es folgen Wochen eines dramatischen Nervenkriegs. Die Strategie der Gruppe ist, möglichst nah an der Zwölf-Meilen-Zone zu bleiben. Das aber ist hochgefährliches Gebiet – im Fall eines Tests würden sie Verbrennungen erleiden und vom Fallout der Bombe mitsamt den Strahlenfolgen getroffen werden. Aber sie hoffen, dass die Franzosen, von denen sie inzwischen bemerkt wurden, wegen der Weltöffentlichkeit menschliche Opfer nicht riskieren werden!

Bald darauf sehen sie einen Ballon über dem Horizont und wissen: darunter hängt die Bombe. Die Franzosen machen sich bereit, sie zu zünden! Die Gruppe setzt einen Funkspruch ab: »Ballon gestern Abend über M. aufgestiegen […] Situation beängstigend – bitte beten«. Doch es geschieht nichts, weder an diesem noch am folgenden Tag. Dann aber werden sie von französischen Kriegsschiffen, Kreuzern und Minenräumern regelrecht gejagt und abgedrängt. Den Test können sie nicht verhindern, die Bombe wird gezündet, als sie zu weit abgetrieben sind. Doch zum ersten Mal erfährt die Weltöffentlichkeit von diesem David McTaggart und der Gruppe »Greenpeace«, die einer Nuklearmacht die Stirn geboten haben. Und diese Nuklearmacht fährt die Krallen aus, als McTaggart mit einer etwas anderen Crew, aber dem gleichen Boot ein Jahr später wieder vor Mururoa ist, um weitere Tests zu verhindern. Dieses Mal wird ihr Boot von einem Kommando geentert. McTaggart und ein Freund werden zusammengeschlagen, und zwar so brutal, dass über Wochen unklar bleibt, ob McTaggart nicht ein Auge verliert. Doch ihre Freundinnen, die mit an Bord waren, haben Fotos gemacht, und diese Fotos gehen rund um die Welt. Frankreich verliert sein Gesicht und erklärt nach massiven internationalen Protesten Anfang November, es werde seine Atomtests in Zukunft unterirdisch durchführen.

Ein erster Sieg von Greenpeace, das in den nächsten Jahren zu einer internationalen, schlagkräftigen Organisation aufgebaut wird – und das maßgeblich von McTaggart, der unermüdlich Kontakte knüpft, Kampagnen plant und durchführt und ein intuitives Gespür dafür hat, wann es gilt, eine Chance zu ergreifen.

Die Aktionen decken ein weites Spektrum ab: gegen den kommerziellen Walfang und das Abschlachten von Seehunden, gegen die Versenkung von radioaktiven Abfällen im Atlantik und weitere Atombombentests, für Abrüstung und den Schutz der Antarktis. Die teilweise lebensgefährlichen Einsätze konfrontieren David mit den Todeskräften unserer Zivilisation: Er hört die Explosion des Sprengstoffs an der Spitze der Harpune im Inneren des Wals – es »klingt wie ein gedämpfter Donner« –, er beobachtet »eine entsetzliche Stunde lang, wie sich das Meer rot färbt«, er sieht strahlungsgeschädigte Kinder rund um Tschernobyl. Bei einigen sind die Zähne nur noch schwarze Stümpfe, weil sie radioaktiv verseuchte Milch getrunken haben. All diese Erfahrungen verändern ihn ebenso wie die Menschen, denen er begegnet, unter anderem Sir Peter Scott, Sadruddin Aga Khan und Michael Gorbatschow.

Liebe zur zerbrechlichen Welt

Zu dem ungebrochenen Freiheitsdrang tritt ein anderes hinzu: die Liebe zu dieser »zerbrechlichen Welt« – und die meint Schutz, Fürsorge, Verantwortung. Als er 1991 nach elf Jahren den Vorsitz von Greenpeace international abgibt – die Organisation ist inzwischen auf rund zwei Millionen Mitglieder angewachsen – ist er sogar ein wenig sesshaft geworden: Er hat in Umbrien inmitten einer Landschaft, in der »weiches goldenes Licht […] über den Sonnenblumenfeldern und Olivenhainen« liegt, ein verfallenes Anwesen erworben, das er aufbaut und pflegt und das für ihn sein »eigenes kleines Stück vom Paradies« wird.

Endlich fasst er auch den Mut, in seinen familiären Beziehungen nicht einfach davonzulaufen. Er hatte noch einmal geheiratet, Christina, eine Schwedin, und war Vater einer weiteren Tochter, Julia, geworden. Wieder war die Beziehung an seinem unsteten Lebensstil zerbrochen. Aber dieses Mal hält er den Kontakt zu seiner Frau und Julia; sie versuchen, trotz räumlicher Trennung eine Form für ihre Beziehung zu finden, die es ihnen erlaubt, »irgendeine Art von Familie zu sein«. Schwierig wird das, als er sich in Rom mit einer Greenpeace-Aktivistin befreundet; sie wird schwanger und bekommt einen Sohn: George. Endlich, nach langem Verschweigen, erzählt David McTaggart Christina und Julia davon, und – »nach vielen Tränen und Betrugsvorwürfen« – vereinbaren sie, sich zu fünft zu treffen. Die Kinder brechen das Eis und spielen bald miteinander, es wird eine harmonische Begegnung. »Für jeden, der meint, das Familien­leben sei leicht, die Welt zu verändern dagegen schwer, wird das wahrscheinlich seltsam klingen – aber es war das Schwierigste, was ich je getan habe.«

David McTaggart starb am 23. März 2001 am Steuer seines Wagens auf der vertrauten Straße kurz vor seiner Olivenfarm. Vermutlich erlitt er einen Herzinfarkt und verlor das Bewusstsein; sein Wagen geriet auf die Gegenfahrbahn und stieß mit einem anderen Auto zusammen, dessen Fahrer, ein älterer Italiener, starb, während seine Frau schwer verletzt überlebte. Nach McTaggarts Tod füllten sich die E-Mail-Briefkästen rund um die Welt mit Worten der Trauer seiner Freunde und Kollegen. Viele von ihnen hatten ihn mit seiner phänomenalen Energie erlebt »wie ein Gewitter, das die Luft der Umgebung elektrisch auflud, eine sehr beunruhigende geistige Kraft«. Zu seiner Beerdigung kamen Greenpeace-Aktivisten aus aller Welt und auch vier seiner fünf Kinder; nur seine Tochter Tamra konnte wegen einer schweren Krankheit nicht anreisen. Angesichts seines Todes verschmolzen die disparaten Bruchstücke seiner Biographie zu einer Einheit – und das machte ihn zu einem Zeitgenossen. Sein Leben war ein Ringen im Spannungsfeld von Freiheit und Liebe: Liebe zu den Menschen, Liebe zur Erde, Liebe zur Tat.

Zum Autor: Dr. Albert Schmelzer ist Professor am Institut für Waldorfpädagogik, Inklusion und Interkulturalität der Alanus Hochschule in Mannheim.

Literatur: David Mc Taggart: Rainbow Warrior, München 2002

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