Ausgabe 03/24

Mit Matschhänden medienkompetent

Anne Brockmann

Mehr als 600.000 Kinder und Jugendliche sind mediensüchtig. Schätzungsweise 1,8 Millionen Kinder und Jugendliche haben im Netz Beleidigungen, Bloßstellungen und Ausgrenzung durch Gleichaltrige erfahren. Und jedes siebte Kind wurde schon einmal aufgefordert, sich vor einer Webcam auszuziehen oder die Handykamera anzuschalten. Ebenfalls jedes siebte Kind hat ungewollt schon einmal Nacktbilder zugesendet bekommen. Diese Zahlen gehen aus unterschiedlichen Studien der DAK-Gesundheit, des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, des Bündnisses gegen Cybermobbing e.V. sowie der Landesanstalt für Medien in Nordrhein-Westfalen hervor. Und sie fallen alle jeweils höher aus als in den Jahren davor.

Und nun? Alle digitalen Medien verteufeln und sie aus dem Leben der Kinder und Jugendlichen verbannen? Der pensionierte Waldorflehrer und promovierte Medienpädagoge Edwin Hübner hat da eine klare Haltung: «Das Problem sitzt in der Regel vor dem Computer und nicht darinnen. Entscheidend in der Medienfrage ist, ob es uns gelingt, unsere Kinder so zu erziehen, dass sie mündig mit den Medien umgehen können.»

Anregungen, wie eine solche Erziehung aussehen kann, gibt er in seinem jüngsten Buch mit dem Titel «Chat GPT – Symptom einer technischen Zukunft». Darin unterscheidet er die direkte von der indirekten Medienpädagogik. Und während er den Beginn der direkten Medienpädagogik gern flächendeckend im sechsten Schuljahr verorten würde, sieht er die indirekte Medienpädagogik gewissermaßen schon in der Babywiege. Denn: «Indirekte Medienpädagogik meint all das, was den Kern eines Menschen stärkt. Wie ist es um seine Willenskraft bestellt? Ist er seelisch im Gleichgewicht? Konnte Resilienz entstehen? Welche Ideale hat er? Ist er verbunden mit der Welt? Das sind die Fragen, die diesen Kern ausmachen, der auch einen Gegenpol darstellt zur digitalen Welt.» In ganz jungen Jahren sind es die basalen Sinneserfahrungen, die notwendig und hilfreich sind, um sich später einmal interessiert, verantwortlich und handlungsfähig in die Welt stellen zu können. Mit anderen auf einer Wiese herumtoben, mit undefinierten Gegenständen fantasievoll spielen, mit den Händen im Matsch wühlen – da hat Medienpädagogik für Edwin Hübner längst begonnen. Indirekt.

Der Weg hin zu einem Menschen, der die Medien beherrscht und sich nicht von ihnen beherrschen lässt, vollzieht sich für Hübner in drei Schritten. Es gelte, zuerst die reale Welt kennen- und gebrauchen zu lernen, dann die analoge Technik und zuletzt die digitale Technik. «Das Allerwichtigste für uns Menschen hier auf der Erde ist unser Leib. Wir brauchen ihn zum Gehen, Sprechen und Denken, zum Benutzen unserer Sinne. Und ohne die Sinne gibt es für uns gar keine Welt. Sie bliebe uns verschlossen ohne die Sinne», sagt Hübner. Den Leib zu ergreifen, sich darin wohlzufühlen, ihn zu nutzen und sich in ihm und mit ihm in die Welt zu stellen, das ist nach Hübner der Schritt, in dem wir uns die reale Welt aneignen. Medien dagegen würden uns immer in ein fremdes Universum führen, das getrennt ist von der hiesigen Welt und in dem wir nur stillsitzen. Und Hübner betont, dass Bücher sich da nicht von anderen Medien unterscheiden würden. Deshalb sollten auch sie in der ersten Lebenszeit keine übermäßig große Rolle spielen. Er sagt: «In der frühen Kindheit ist jede Trennung von der realen Welt Gift, aber Gold jede Stunde, in der ein Kind aktiv tätig ist.»

Haben die Kinder in ihrem Leib ein Zuhause gefunden, können sie diesen in Beziehung bringen mit der Welt, «ihn auf die Welt erweitern», wie Hübner sagt, und die Werkzeuge der Welt gebrauchen lernen – ein Fahrrad, einen Schneebesen, eine Flöte, einen Rechen, Stelzen, eine Zange, eine Schere. Die Möglichkeiten für wichtige Körpererfahrungen sind unbegrenzt.
Mit ungefähr zwölf Jahren verändert sich der Körper noch einmal stark. Die Pubertät setzt ein, der Körper wird umgebaut und das Gehirn auch. Impulssteuerung wird immer besser möglich. Damit ist für Hübner die Zeit gekommen, in der Kinder verstehen können, wie das Internet funktioniert und wie sie sich geschickt darin verhalten können. Wie recherchiere ich sinnvoll im Netz? Wo landen meine Daten? Was ist Cybermobbing? Das sind nur wenige der vielen Fragen, die ab der sechsten Klasse besprochen werden sollten. Ab Klasse neun müsste überall Informatikunterricht dazukommen, der nachvollziehbar macht, was im Computer, im Netz usw. unsichtbar und quasi wie von Geisterhand geschieht.

Hübner plädiert außerdem dafür, dass alle Schüler:innen in ihrer Schulzeit einen Kurs in Fotografie belegen und einen Film drehen. «Wenn ich Vorgänge verstehe, weil ich sie selbst vollzogen habe, entmystifiziert das das Medium, also einen Film zum Beispiel. Ich kann plötzlich anders darauf schauen und mich in ein freieres Verhältnis dazu setzen», erklärt Hübner. Er erinnert sich noch gut, wie heilsam es gewirkt hat, mit Studierenden eine Dokumentation über Filmfehler im Fantasystreifen «Herr der Ringe» anzusehen. «In der einen Einstellung hatte der Zauberer Gandalf den Zauberstab noch links, in der nächsten rechts. Da ist bei der Filmaufnahme was schiefgelaufen. Nur zehn Minuten dieses Films genügen, um solche Pannen zu entdecken», weiß Hübner. Fehler zu entlarven, entmystifiziert den Film und weckt gleichzeitig Wertschätzung für die Arbeit dahinter. Es kann wohl doch nicht jeder mal eben einen Film drehen, weil da tausend Dinge sind, die es zu wissen und zu beachten gilt.

Für das Verstehen von künstlicher Intelligenz sei hingegen ein guter Informatik- und Mathematikunterricht hilfreich. Um KI zu verstehen, ist es sinnvoll zu wissen, wie man mit Matrizen rechnet. Denn KI ist auch angewandte Mathematik. Eine KI ist das gewissermaßen in Gerät kristallisierte menschliche Denken der Vergangenheit. Eine KI denkt nicht, sie ist gedacht worden; eine KI funktioniert bloß.

KI hat ein Doppelgesicht: Sie kann eine Freiheitsschenkerin sein. «Die KI kann uns Vieles abnehmen, Vieles vereinfachen oder beschleunigen. Das ist erst mal gut. Die Kardinalfrage ist nur: Was mache ich als Mensch mit der frei gewordenen Kapazität? Wofür setze ich sie ein», fragt Hübner. «KI kann auch das Instrument sein, das in falschen Händen zu den allerschlimmsten Dystopien führen kann.» Worauf es ankäme, wenn der Mensch einerseits viel mit digitalen Geräten umgeht, sei auf der anderen Seite der Aufblick zum Geistigen. Nur so könne der Mensch in Balance bleiben zwischen oben und unten. Und Hübner hat für sich selbst eine ganz konkrete Idee, wie das gelingen kann: «Da mögen mich manche Zeitgenossen für bekloppt halten, aber ich glaube, es sind ganz einfache Dinge, die da helfen. Zum Beispiel in Ehrfurcht vor einem Baum zu stehen und dem Wunder des in ihm sich offenbarenden Lebens nachzuspüren, einem zwitschernden Vogel wirklich innig zuzuhören, ebenso auch dem Gedanken eines anderen Menschen mit Achtung und Toleranz begegnen zu können. Wer das noch kann, der behauptet sich selbst im digitalen Alltag. Aber das muss ich natürlich üben, das geschieht nicht von selbst», sagt Hübner. Weil Smartphone und Co. durch ihr Klingeln und Blinken uns immer wieder vom Hier und Jetzt ablenken, uns gewissermaßen aus ihr herausschneiden, sind wir seelisch «zerfleddert», wie Hübner es nennt. Das macht es erforderlich, dass wir uns wenigstens einmal am Tag «wieder zusammensetzen», das heißt, bei uns selbst, in unserer Mitte, ankommen. «Das ist innere Arbeit und um die kommen wir nicht drum rum. Sie mag uns manchmal mühsam und lästig erscheinen, aber es hilft einfach nichts anderes. Nach einiger Zeit macht sie auch Freude und sie unterscheidet uns wesentlich von allen Intelligenzen der Welt», sagt Hübner augenzwinkernd.

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