Opferrauch und Götterverzicht. Die vier Elemente im naturwissenschaftlichen Unterricht

Von Jürgen Brau, März 2018

Fotos: © Charlotte Fischer

Im Werk Rudolf Steiners findet sich ein Zyklus mit dem Titel »Die Evolution vom Gesichtspunkte des Wahrhaftigen«: ein Bändchen aus fünf Vorträgen, gehalten Ende 1911 in Berlin, in denen die früheren Planetenverkörperungen der Erde im Zusammenhang mit der Menschheitsentwicklung beschrieben werden. Mein 2016 verstorbener Lehrer Georg Maier legte sie uns Physikern ganz besonders ans Herz – im meditativen Umgang mit den dort gegebenen Bildern kann man sich in die Entstehungsmomente der Elemente Feuer, Luft, Wasser und Erde einleben. Die vier Elemente lassen sich den Temperamenten zuordnen: das Feuer dem Choleriker, die Luft dem Sanguiniker, das Wasser dem Phlegmatiker, die Erde dem Melancholiker. Immer sind alle Temperamente im Menschen vorhanden, aber individuell mehr oder weniger dominant. So kann man auch in jedem der vier Oberstufenjahre eine besondere seelische Grundstimmung erleben, die anhand der Unterrichtsinhalte aufgegriffen und in der Sache, namentlich der Naturwissenschaft, behandelt wird.

Feuer

Das Feuerelement entsteht in der raum- und zeitlosen Leere des »Alten Saturn«, dadurch, dass die Throne (geistige Wesen, die aus Mut bestehen) ihre Willenssubstanz den Cherubim (Geistern der Weisheit) opfern. Aus dieser Beziehung, dem – freiwilligen – Opfer, wird die Qualität Zeit geboren, in der Opferglut die Wärme. Jedem Wärmeprozess unserer Welt liegt wesenhaft Opferwärme zugrunde. Dieses Wärmewesen bildet die Umgebung des Ich, den »Ich-Leib« (Basfeld) des Menschen, und die Anlage für seinen gegenwärtigen physischen Leib.

Um als Pädagoge in einer lebendigen, bisweilen übermütigen 9. Klasse bestehen zu können, muss man in der Tat auf einem »wogenden Meer des Mutes« navigieren lernen. Nachbarschaftliches Reden – Ausdruck davon, dass wir leben – lässt sich nicht immer unterbinden, und der Schrei nach Ruhe ist ein Widerspruch in sich! Die Formkräfte aus der Klassenlehrerzeit sind aufgebraucht und hinterlassen ein Vakuum, in dem das Ich des Erwachsenen die Lernumgebung des Pubertierenden gestalten muss: Das geht nur mit viel Humor und einer innerlich klaren, warmherzigen Seelenstimmung, an der sich der Jugendliche orientieren und aufrichten kann.

Die in der Physik anstehenden Sachthemen, die um Wärme und Kälte, Über- und Unterdruck sowie moderne technische Kommunikation kreisen, sind so zu behandeln, dass Interesse für die Welt geweckt wird und dabei ein lebendig durchwärmter Lernprozess entsteht. In der Chemie kann der Abbau organischer Stoffe durch Verbrennung und Vergärung untersucht werden, in der Biologie das Herz-Kreislauf-System und die Atmung des Menschen. Herz- und Atemrhythmus sind im Verhältnis vier zu eins miteinander gekoppelt und stehen im Zusammenhang mit kosmologischen Rhythmen wie dem Platonischen Weltenjahr, in dem unsere Sonne den Tierkreis durchläuft.

Luft

Auf der »Alten Sonne« tritt zum Feuer das Luftelement hinzu: Die Geister der Weisheit verwandeln durch ihre Hingabe die Opferglut der vor ihnen knienden Throne in Opferrauch, der nach allen Seiten aufsteigt und Wolken bildet. Sie verschenken ihr Inneres in die Welt, das ihnen von der Peripherie als Licht wieder entgegenkommt: Licht schafft Raum – die »Alte Sonne« leuchtet nach innen. In allem Luft- und Gasförmigen, der Umgebung des »Astralleibes«, drückt sich als Grundgeste die schenkende Tugend der Cherubim aus. Dadurch wird dem Menschenkeim der »Äther- oder Lebensleib« eingegliedert.

In der 10. Klasse weht in der Tat ein »neuer Wind«: Die Dinge werden sichtbar (verstehbar) und kommen seelisch in Bewegung. Im logischen Denken und Argumentieren, gerade auch um des Argumentierens willen, sucht der Jugendliche einen Standpunkt in der seelischen Bewegung zu finden. Die sich verändernde Leiblichkeit wird erprobt, Sinnfragen treten in den Vordergrund: Wofür brauche ich das überhaupt? Der Pädagoge ist gut beraten, den latenten Fragen aufmerksam Gehör zu schenken – wenngleich er sie nicht immer zufriedenstellend beantworten kann.

In der Physik sind die Gesetzmäßigkeiten der Statik, Kinematik und Dynamik zu lernen, in der Chemie das Zusammenspiel von Säuren, Basen und Salzen; der Biologe behandelt die Sinnesorgane und das Nervensystem. Welche Kräfte sind hier am Werk, wie haushalte ich mit ihnen und was taugt das mathematische Werkzeug zum Verständnis der Bewegungs- und Verwandlungsprozesse? Gibt es Licht am Ende des Tunnels? Das in der 10. Klasse platzierte Feldmesspraktikum macht die Suche nach dem »richtigen« Standpunkt wohltuend sachlich und sinnvoll erlebbar.

Wasser

Auf der nächsten Evolutionsstufe, dem »Alten Mond«, geschieht Folgendes: Der in den Sonnenraum aufsteigende Opferrauch wird von einer Anzahl Cherubim nicht angenommen – sie verzichten darauf, so dass er sich zurückstaut und verdichtet. Dadurch entsteht das Element Wasser. Der Verzicht ist ein schöpferischer Prozess: »Überall, wo Wasser in der Welt ist, ist Götterverzicht!« (Steiner). Zurück bleibt die Sehnsucht der Throne, die nicht opfern können. Wasser auf dem »Alten Mond« bildet die Umgebung des Ätherleibes, und der Mensch erhält die Anlage seines Astralleibes.

Während der 11. Klasse hat man den Eindruck, dass das schwungvolle Interesse für die Welt im Jugendlichen wie zurückgestaut, mehr nach innen genommen wird. Der seelische Innenraum ist ein Raum sehnsuchtsvoller Träume, er will erkundet und ergriffen werden. Ethisch-moralische Fragen tauchen in der Seele auf – wie Traumbilder, aber mit aller Ernsthaftigkeit: Ob sie im Alltag tragen? Wie kann ich wirklich Verantwortung für mich selbst und meine Umgebung übernehmen? Das Unsichtbare ist erlebbar – aber ist es auch verstehbar?

Die Physik des Elektromagnetismus und der Radioaktivität geht mit dem Unsichtbaren um und lauscht ihm seine Gesetzmäßigkeiten ab. In der Chemie betreibt man quantitative Stöchiometrie, in der Biologie Genetik und Embryologie. Bei allem ist der Modellcharakter zu unterscheiden vom vollen Erlebnis der Sinneserscheinungen. Die Annahmen und Grenzen von Modellen müssen in diesem Zusammenhang diskutiert werden. Die innere Geste der Phänomene tritt in Resonanz zum Innenraum des Jugendlichen und verdient beachtet zu werden – so kann auch der Pädagoge viel dazulernen. Alle naturwissenschaftlichen Erklärungen sind schließlich Anthropomorphismen.

Erde

Wesentliches hinzuopfern schafft eine innige Verbindung zwischen Geber und Nehmer, heißt im Anderen aufzugehen. Zurückweisung hat zur Folge, dass sich der Inhalt des Opfers von seinem Ursprung entfremdet – die Willenssubstanz hätte ihren Opfersinn an einem anderen Ort als bei sich selber und ist deswegen für beide Beteiligte etwas Fremdes, Totes, wie ausgestoßen aus dem übrigen Weltenprozess. Der Tod ist nichts anderes als das »Ausgeschlossenwerden irgendeiner Weltensubstanz, irgendeiner Weltenwesenheit von ihrem eigentlichen Sinn« (Steiner). Das einzige Element, in dem er sich in seiner Wirklichkeit zeigt, ist die Erde: im »physischen Leib« und seiner Umgebung, wo der Mensch sein Ich-Bewusstsein erlangt.

12. Klasse heißt: Übersicht gewinnen und Ankommen in der Gegenwart. Zur Übersicht braucht es ein Gespür für Entwicklungen – alle Epochen in der 12. Klasse sind darauf angelegt. In dieser Zeit erlebt der Jugendliche auch seinen ersten Mondknoten, der ihn daran erinnert, was er sich ursprünglich vorgenommen hat. Und Ankommen in der Gegenwart bedeutet, jetzt in die Tat zu kommen, vor allem im eigenen Denken – urteilsfähig zu werden. Dafür muss man verschiedene Standpunkte einnehmen und Gegensätze aushalten lernen. Um sein Leben dann selber in die Hand nehmen zu können, bedarf es der Vorbereitung für die Ich-Geburt.

An der Entwicklung der Optik lässt sich die gemeinsame Geschichte von Licht und Bewusstsein gut ablesen (Zajonc). Der Zwölftklässler wird in der Physik durch die sich wandelnden Auffassungen von der Natur des Lichts geführt und muss dabei manchen Tod sterben, denn alles Denken über die Natur ist dem Wandel der Kultur unterworfen: Tritt Neues hervor, muss Altes zurückgelassen oder zumindest relativiert werden. Der Welle-Teilchen-Dualismus treibt das Ringen auf die Spitze: Gibt es überhaupt einen Ort, von dem aus Erkenntnissicherheit gewonnen werden kann? Der Jugendliche wird auf sich selbst verwiesen, auf sein eigenes Denken. Die Biochemie und die Biologie der Evolution schärfen den Blick dafür, dass alles in Entwicklung begriffen und miteinander verschränkt ist – ein sicherer Ort ist nur dort zu finden, wo sich das Denken auf sich selbst richtet. Das ist der Kerngedanke von Steiners »Philosophie der Freiheit«: »Man muss sich der Idee erlebend gegenüberstellen können; sonst gerät man unter ihre Knechtschaft.«

Der Mensch im Mittelpunkt

Die vorstehende Betrachtung verweist auf die Innenseite der vier Elemente im Zusammenhang mit der planetarischen Evolution, denn »was einmal vorgegangen ist, das vollzieht sich heute noch fortwährend« (Steiner). Als Pädagoge gewinnt man durch die weit aufgespannten Horizonte, in aller Bescheidenheit, eine intime Sicht auf die Entwicklungsschritte, die der Jugendliche in den vier Oberstufenjahren zu gehen hat. Im Mittelpunkt einer zeitgemäßen Pädagogik steht immer der Mensch, der es durch seine eigene Entwicklung auch allen anderen Wesen ermöglicht, sich weiter zu entwickeln.

Zum Autor: Jürgen Brau ist Oberstufenlehrer für Physik und Mathematik an der Rudolf-Steiner-Schule Bielefeld.

Literatur:

R. Bind: Georg Maier – überraschend, zwinkernd, zart-fühlend, in: Das Goetheanum 51-52, Dezember 2016; M. Basfeld: Wärme: Ur-Materie und Ich-Leib. Beiträge zur Anthropologie und Kosmologie, Stuttgart 1998; R. Steiner: Die Evolution vom Gesichtspunkte des Wahrhaftigen, GA 132, Dornach 1987; R. Steiner: Die Philo­sophie der Freiheit, GA 4, Dornach 1978; A. Zajonc: Lichtfänger – Die gemeinsame Geschichte von Licht und Bewusstsein, Stuttgart 2015

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