Orte sozialer Wärme

Von Henning Köhler, März 2014

Wollen wir, dass sich Waldorfschulen zu beispielgebenden Orten der sozialen Wärme entwickeln? Ist dieses Anliegen in unseren Kreisen konsensfähig, trotz PISA-Hysterie? Zweifel sind angebracht. Ich sage das als Dauerreisender durch die Waldorfwelt; als Erziehungs- und Schulberater; als Kindertherapeut; als einer, der viel zu hören bekommt, von Eltern, Lehrern und Schülern.

Dementsprechend fand auch meine Kolumne »Orte des Ankommens« (September 2013) so gut wie keinen Widerhall. Dort schlug ich vor, einen Rückzugs- und Ruhebereich als freies Angebot für alle bedürftigen Schüler einzurichten, und betonte, dies könne eine wirksame Prophylaxe gegen Schulangst, Schulverdruss und Schulverweigerung sein, also gegen Erscheinungen, denen man zunehmend mit drakonischen Maßnahmen begegnet. Es ist schon seltsam: Philosophiert man über Pädagogik, heißt es: Praktische Vorschläge bitte! Unterbreitet man welche, gehen sie ins Leere. Dabei könnte gerade der R.-R.-Bereich so viel Gutes bewirken! Eine leidgeprüfte Waldorfmutter ließ mich wissen, an »ihrer« Schule (mit der sie sich längst nicht mehr identifizieren kann) sei das Klima von sehr leistungsorientierten Lehrern und Eltern bestimmt, daher bestehe keine Aussicht, mit einem solchen Vorschlag durchzukommen. Die Kinder könnten ja Unterricht versäumen! Umso mehr hat es mich gefreut, dass mir Dagmar Marie Brinkmann Kilian den folgenden ermutigenden Brief schrieb:

»Vor fünf Jahren wandte ich mich mit einer Initiativbewerbung an die Rudolf-Steiner-Schule Hamburg-Altona. Darin hatte ich mir ein Konzept entsprechend dem von Ihnen vorgeschlagenen Rückzugs- und Ruhebereich überlegt. Anfangs hieß es, dafür sei kein Geld vorhanden. Ich übernahm zunächst eine Stelle im Hort. Dann fügten sich die Dinge so, dass meine Idee der Oase doch noch zum Tragen kam.

Ich habe zwei Räume zur Verfügung, in denen die Kinder Zuflucht suchen. Schnell hat sich das herumgesprochen. Hier finden sich verletzte, verstimmte, traurige, störende Kinder, solche mit Schulbauchweh etc. ein. Besonders Schüler aus den unteren Klassen, die zum Teil mit Hortbesuch zehn Stunden in der Schule verbringen, brauchen häufig Auszeiten. Hier gibt es gemütliche Sofas, Tee, Wärmflaschen, Bücher. Aber häufig wollen die Kinder einfach erzählen. Da kommt manchmal viel Not zum Vorschein. Ich habe keinen Plan, lasse die Kinder kommen, spreche den Störenfried nicht auf sein Stören an, mache immer wieder neue Erfahrungen und freue mich über die Vielfältigkeit.

Es gibt Erstklässler, die kommen monatelang immer wieder für Stunden her. Manchmal dachte ich: Ob das wohl gut geht? Und plötzlich sind sie dann doch in der Schule angekommen und stehen auch ohne Ruheraum den Tag durch. Manche Lehrer hatten Sorge, die Schüler könnten das Angebot ausnützen. Aber dies war nie der Fall.

Es wäre gut, ich hätte eine Kollegin, um den Bereich auszubauen. Wer weiß, was da noch wächst.«

E-Mail: brinkmann(at)waldorfschule-altona.de

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