Quarantäne-Kurzsichtigkeit

Von Henning Köhler, März 2021

Das Gute an der Corona-Krise Krise: Sie bringt manche Probleme, die schon vorher bestanden, erst so richtig an den Tag, und man kann nur hoffen, dass, wenn der Sturm vorüber ist, Lehren daraus gezogen werden.

Wir wissen schon lange, dass erschreckend viele Kinder unter Myopie (Kurzsichtigkeit) leiden. Bereits jedes vierte Kind im Grundschulalter trägt eine Brille, und wenn sich nichts ändert, wird es bald jedes dritte sein. Myopie ist in der Regel erworben, wenngleich genetische Faktoren eine Rolle spielen können.

Myopie als Bagatelle zu betrachten, wäre fatal. Gravierende Folgeerkrankungen im Erwachsenenalter drohen, z.B. grüner Star oder Netzhautablösung. Außerdem erschwert Sehschwäche die Raumorientierung und die Bewegungssicherheit, was zu unterschwelligen Ängsten, Verhaltensauffälligkeiten oder Lernschwierigkeiten führen kann. Oft bleibt Myopie bis zum dritten, vierten Schuljahr unentdeckt … oder sie entwickelt sich erst in der frühen Schulzeit, und zwar durch die schulischen Anforderungen. Wir haben im Lauf der Jahre viele Kinder kennengelernt, bei denen allerlei psychologische Diagnosen gestellt wurden, um ihre Ängste und ihr ungeschicktes Sozialverhalten zu erklären, bis sich herausstellte, dass sie kurzsichtig waren, was zwar nicht alles, aber doch einiges erklärte.

Die Sinne reifen durch richtigen Gebrauch. Sie brauchen eine förderliche Umgebung. Das gilt auch für den Sehsinn. Er durchläuft ungefähr zwischen dem 6. und 8., 9. Lebensjahr ein entscheidendes Reifungsstadium. Hierbei bildet sich vor allem die Fähigkeit aus, Entfernungen sicher abzuschätzen und Fernerliegendes deutlich wahrzunehmen. Das will freilich erübt sein. Im Schulunterricht jedoch (wie auch bei den Hausaufgaben) sind die Augen ständig im Nahbereich festgehalten. Oft kommen schlechte Lichtverhältnisse erschwerend hinzu. Selbst in hellen Räumen gibt es nicht so viel Licht wie an einem trüben Tag im Freien. Das leistet der Myopie Vorschub.

Wenn sich Kinder ständig und überwiegend sitzend in geschlossenen Räumen aufhalten, kann dies zu nachhaltigen Beeinträchtigungen der visuellen und visuomotorischen Orientierung führen, darüber herrscht Einigkeit. Nun ist aber ein weiterer, noch größerer Risikofaktor hinzugekommen: die neuen visuellen Medien. Hier wird das Spiel der Augen zwischen nah und fern geradezu lahmgelegt.
Was hat das mit der Corona-Krise zu tun? Augenärzte aus China, Holland und den USA haben jetzt Alarm geschlagen. Während des Frühjahrslockdowns ist die ohnehin schon hohe Zahl der an Myopie leidenden Grundschulkinder sprunghaft angestiegen. Warum? Weil sie nur noch zu Hause hocken und auf Bildschirme starren. Nicht nur in ihrer Freizeit, sondern neuerdings auch noch, weil es die Schule verlangt. Man spricht schon von »Quarantäne-­Kurzsichtigkeit«.

Dass den Politikern und Bildungsexperten zum Thema Schule und Corona-Krise nichts anderes einfällt als Digitalisierung, Digitalisierung, Digitalisierung, ist jämmerlich. Ginge es um die Gesundheit der Kinder, müsste als Faustregel gelten: So wenig wie möglich am Bildschirm, so viel wie möglich im Freien! – nicht nur wegen der Myopie.

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