Rolle vorwärts

März 2015

Jeder, der mit Kindern zu tun hat, kann bestätigen: Ein Mädchen ist anders – es gibt sich anders, spielt anders als ein Junge. Aber ist das wirklich eine angeborene Verhaltensweise oder ist es unser voremanzi­patorischer Blick, der diese Unterschiede hineinliest?

Immer mal wieder stellt sich die Frage, ob die Waldorfschulen mit den modernen Lebensformen Schritt halten. Sie gelten als Schonräume vor der rauen Welt dort »draußen«, als »Mädchenschulen«, wo Märchen erzählt werden, gesungen, musiziert, gestrickt und gebastelt wird, wo die Härten des Lebens weich gezeichnet werden.

Besonders Jungs kämen da, hört man schon aus den Kindergärten, in ihrem natürlichen Bewegungs- und Eroberungsdrang nicht auf ihre Kosten. Da hätten sie es schwer, sich zu entfalten, schließlich werden unsere Kinder überwiegend von weiblichem Erzieher- und Lehrerpersonal betreut und unterrichtet. Träfen all diese Vorstellungen zu, wären die Waldorfschulen tatsächlich einem zweihundert Jahre alten Rollenbildbewusstsein verhaftet.

Andererseits genügt es nicht, den neuesten Moden, den medial und politisch vermittelten Neudefinitionen von Rollenbildern hinterherzulaufen und sich vor dem Diktat – wir sind alle gleich – zu verneigen.

Eins kann ja nicht sein: Die Tatsache, dass ich ein Mädchen oder ein Junge, eine Frau oder ein Mann, eine Mutter oder ein Vater, ein Schüler oder ein Lehrer bin, einfach zu negieren. Die Unterschiede sind Fakt. Und das, was ist, muss erst einmal erkannt und anerkannt werden.

Gleichermaßen problematisch ist, an Rollen festzuhalten, wenn sie zur Hohlform werden. Jedoch: Rollen überhaupt zu negieren, endet im Dauerkrampf einer sterilen, verordneten Zwangsneutralität der political correctness. Gekocht wird eine fade Suppe des beliebigen Einerleis.

Bei aller rhetorischen Beschwörung und erklärter Gleichmacherei: Es gibt im Leben keine Neutralität. Dem differenzierten Blick zeigt sich, dass in jeder menschlichen Seele ein in ihm nicht gelebter Anteil schlummert: Im Jungen die Prinzessin, im Mädchen der König, in der Frau der Machthaber, im Mann das »schwache Geschlecht«, im Lehrer der Unbelehrte, im Erwachsenen das Kind.

Identitäten sind immer in Entwicklung, von Raum, Zeit und Konstellation verschieden angesprochen. Rollen werden ergriffen, gelebt und ausgelebt, modifiziert und revidiert, ja auch gewechselt. Das schließt die Möglichkeit, bei sich »anzukommen«, die Ich-Findung, den Irrtum und auch deren Verlust mit ein.

Die Norm ist das selbstbewusste Ich, nicht seine ihm normativ zugeschriebene Rolle.
Eine Rolle sollte nie das Ich ersetzen, sie sollte vom Ich erfüllt werden. Dann wird das Streben nach einem allgemein menschheitlichen Ideal nicht eine Rolle rückwärts, sondern vorwärts. Gleich sind wir nur im Geiste.

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