Rudolf Steiner, Emil Molt und die erste Waldorfschule

Juli 2018

Im Gespräch mit Dietrich Esterl, einem ehemaligen Schüler und langjährigen Lehrer an der Waldorfschule Stuttgart-Uhlandshöhe, über die Gründungszeit und die weitere Entwicklung der »Mutterschule«.

Erziehungskunst | Was waren die Motive, die 1919 zur Gründung der ersten Waldorfschule hier in Stuttgart geführt haben?

Dietrich Esterl | Da sind natürlich zuallererst die beiden Gründerpersönlichkeiten Emil Molt und Rudolf Steiner zu nennen. Das Grundmotiv kam von Steiner, der die Impulse, die in der Zeit lagen, aufgegriffen hat. Schon in den Vorträgen von Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft um 1905/06 wurde das von ihm formuliert. Kein Anthroposoph hat sich danach um die Erziehungsfrage gekümmert. Molt hatte als völlig mittelloser junger Mann mit großer Energie seine Zigaretten-Fabrikation in Stuttgart aufgebaut. Als deren »Patriarch« fühlte er sich für seine Mitarbeiter und deren Kinder verantwortlich.

Emil Molt war Rudolf Steiner erstmals 1904/05 begegnet und wurde sein Schüler. Ein Einschnitt war der Weltkrieg. 1917/18 formulierte Steiner die Ideen zur Dreigliederung des sozialen Organismus: ein Impuls zu einer zukünftigen Gestaltung der Gesellschaft. Es war Steiners Reaktion auf die Katastrophe des Ersten Weltkriegs. 1919 begann man, die Gründung einer Schule zu verwirklichen. Molt gründete sofort eine Fortbildungsschule für seine Arbeiter. Die grundsätzlichen Ausführungen Steiners im Januar 1919 sind für die Aktivisten damals in ihren Konsequenzen rätselhaft geblieben und sind es, so meine ich, bis heute. Molt war die treibende Kraft und hat mit einer unglaublichen Einsatzbereitschaft die Sache vorangetrieben. Steiner hatte bei der Planung der Schule zunächst das Bild einer österreichischen, zehnklassigen Mittelschule vor sich. Als Zukunftsbild sollten sich anschließen: zwei Klassen Studium generale, und dann eine Hochschule, daneben eine Fortbildungsschule für die Kinder der Arbeiter, die früher aus der Schule herausgegangen sind, eine berufsbildende Schule. Das war ein ganzer Entwicklungskanon. Dann kamen die vorbereitenden Konferenzen, und zwar meines Erachtens in intensivster Zuwendung Steiners. Er lebte bis zum Schluss mit der Schule mit. Man lese die letzten Briefe an die Lehrer und an die Kinder, die er kurz vor seinem Tod geschrieben hat.

EK | Im Herbst 1919 kam in den Konferenzen »Die allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik« auf den Boden. Das künftige Kollegium bekam eine Art »Schnellbleiche« in geisteswissenschaftlicher Anthropologie.

DE | Das Ganze ist im Grunde eine Vision. Wenn man den Anfang der Menschenkunde genau anschaut, spricht Steiner von einer Schule, die es noch nicht gibt. Er hatte keine feste Vorstellung von dem, was da konkret werden sollte. Er wollte aus der Anthroposophie heraus die Entwicklung des Kindes beschreiben und dann daraus ein Instrumentarium für die Praxis entwickeln. Steiner war, so sage ich gern, einer der größten »Anreger« des vergangenen Jahrhunderts, aber kein »Angeber«. Wenn wir heute sagen: »Angabe von Rudolf Steiner« oder »Angabe laut Lehrplan«, dann gehen wir meiner Ansicht nach an den Intentionen Steiners vorbei. Denn wenn Sie die Formulierung wirklich nachsehen, steht da immer: Sie müssen entwickeln. Es soll der Erzieher so angeregt werden, dass er selbstständig in der Lage ist, den Lehrstoff zu gestalten: Ein künstlerischer Prozess! Der Lehrplan sind die Kinder. Als Stümper haben wir die Lehrpläne festgeschrieben. Wenn sie nachsehen: Vieles in der Praxis der Waldorfschulen ist inzwischen in echtem Sinne fragwürdig geworden. Sich dem Kinde zuzuwenden ist etwas, was in der heutigen Zeit nicht nur die Waldorfschulen können. Viele Pädagogen an anderen Schulen folgen dieser Methode.

EK | Dann begann die Schule als »Verein für ein freies Schulwesen«

DE | Nein, sie begann als »Waldorfschule«. Als Molt seine Firma als Schenkung mit eingebracht hat, hat er sich den Namen »Waldorf« vertraglich garantieren lassen. Der Träger war ein »Verein für ein freies Schulwesen«. Das hat mit der Waldorfschule direkt gar nichts zu tun, sondern das ist eigentlich eine Vereinigung, die ein politisches Programm für das Bildungswesen überhaupt beinhaltet.

EK | Molt hat sein gesamtes Vermögen der Schule überschrieben?

DE | Ja, einen Großteil seines privaten Vermögens, schließlich die Aktien der Waldorf-Astoria in die neue Holding »Der Kommenden Tag« übertragen. Deren Direktor wurde Emil Leinhas, der zuvor  in Molts Firma Geschäftsführer war. Er verkaufte 1922 die Waldorf-Aktien mit der Billigung Steiners. Molt hatte andere Pläne, wurde aber übergangen. In der Folge geriet er in wirtschaftliche und gesundheitliche Schwierigkeiten. Dabei war sein Unternehmen das einzige, das noch Bestand haben konnte. Es kam zum Konkurs des »Kommenden Tages« und der »Futurum AG« in der Schweiz. Molt steht »am Grab seiner Lebensziele«. Dennoch hielt er in innerer Treue zu Steiner und zu seiner Schule. Molt ist es zu verdanken, dass diese sich nach 1933 nicht den nationalsozialistischen Machthabern anpasste und zu einer staatlichen Versuchsschule wurde. Man stelle sich vor, die Amerikaner hätten 1945 erfahren, dass solche Pläne existierten: Die ganze Schulbewegung wäre in diesem Moment gestoppt worden.

EK | Worin sehen Sie noch bis heute wirksame Hypotheken aus der Vergangenheit?

DE | Es ist das sehr hohe erzieherische Ethos des Waldorfkollegiums, das allerdings auch problematische Seiten hat: »Waldorf« wurde erlebt als Innenwelt, und dort draußen die Außenwelt. Das hat schon Steiner zum Teil gepflegt: Aber wir sind doch die Revolutionäre, die Außenseiter! Und auch nicht die einzigen auf dieser Erde. Wir sind eine differenziert gestaltete Einheitsschule, und jede Waldorfschule ist dies auf eine eigene Art. Zur Bildung gehört genauso das handwerkliche und künstlerische Tun. Fähigkeiten anlegen ist wichtig, nicht nur Fertigkeiten. Nicht in der Digitalisierung vorprogrammierte Menschen gilt es zu bilden, sondern lernende Individuen.

EK | Es kam zu weiteren Schulgründungen: in Hamburg 1922, in Hannover 1926, in Berlin 1928, dann Dresden 1929, Breslau 1930. Wie reagierte die Mutterschule darauf?

DE | Das war damals für das Kollegium ganz schwierig. Der letzte Brief Rudolf Steiners an das Kollegium war ja eine Art Beauftragung: Es sollte keine Waldorfschule ohne Genehmigung des Stuttgarter Kollegiums geben. Das wurde als Eingriff in die freie Initiative im Geistesleben empfunden und führte zu manchen Differenzen ...

EK | …bis es zur Gründung des Bundes der Freien Waldorfschulen kam, an den die Verantwortung übertragen wurde ...

DE | Richtig. Aber Einheit von Initiativen ist nicht Einheitlichkeit.

EK | Die Elternschaft an der Uhlandshöhe ist heute bildungsnah und in der Regel nicht arm. Hat die Schule zu wenig unternommen, um sich ganz anderen Bevölkerungsschichten zu öffnen?

DE | 1919 kam die Mehrzahl der Kinder aus Arbeiterfamilien! Die gibt es heute nicht mehr. Auch wenn wir zwischen Aufnahme und dem Einkommen der Eltern und der Höhe des Schulbeitrages trennen – bestimmte Schichten entwickeln gar kein Interesse, ihre Kinder auf eine »Privatschule« zu schicken. Was wir schon immer hatten, waren alleinerziehende Mütter. Heute haben wir die Einrichtung der Kitas und die Rundumversorgung, das hat sich völlig verändert.

EK | Wie wichtig sind der Schule die Abschlüsse?

DE | Wir haben immer Wert darauf gelegt, dass man den Schülern nichts verbaut. Aber wir wollen Aufschlüsse statt Abschlüsse. Meine Meinung ist, dass die Breite der Bildung, die hier praktiziert wurde und wird, im Durchgang durch die zwölf Klassen normalerweise eine gute Grundlage dafür abgibt, Prüfungen zu machen. Vor allem wird ein normiertes Entwicklungstempo vermieden. Also: Optionen offen zu halten ist sinnvoll.

EK | Hat sich im Vergleich zur Gründerzeit etwas an der inneren Haltung der Schule verändert?

DE | Es haben sich seither die gesellschaftlichen Verhältnisse enorm verändert. Wir sind durch ein Jahrhundert gestürzt, schneller als frühere Generationen in vielen Jahrhunderten. Unverändert bleibt der Wille, menschliche Kultur in Zukunft gestalten zu können. Die Kinder fordern das von uns! Verändert hat sich die Bereitschaft und die Kraft zu rückhaltlosem Einsatz. Heute spricht man von work-life-balance. Das spiegelt sich auch in den abnehmenden Klassengrößen.

EK | Traditionsbewusstsein unter Berufung auf pädagogische Substanzbildung – können da nicht notwendige Entwicklungsimpulse verschlafen werden?

DE | Es haben sich tatsächlich mit der Zeit Formen und Gewohnheiten gebildet – die Schule war ja lange Zeit der gewichtigste Dampfer der wachsenden Waldorf-Flotte und hat der Bewegung etwas vorgegeben. Aber Gewohntes und Bewährtes tragen auch und stärken den Menschen und die Gemeinschaft. »Schon immer so« kann dagegen auch eine starke Bremse sein.

EK | Wie sehen Sie die Entwicklung der Selbstverwaltung der Schule?

DE | Das »republikanische Modell« leidet an inneren Widersprüchen. Steiner hielt nichts von Satzungen. Die Forderung nach Einmütigkeit widerspricht der Not­wendigkeit, Regeln verbindlich zu vereinbaren und einzuhalten ebenso wie der Verantwortlichkeit für übernommene Pflichten.

Vielfach fordert die Selbstverwaltung mehr Kraft als der Unterricht. Auch auf diesem Gebiet ist Waldorfschule nicht fertig, sondern ein lernendes Unternehmen. Freiheit ist als ein Ideal für den Einzelnen ein hohes Ziel; in gemeinschaftlichen Unternehmen benötigt sie sachgemäße, verbindliche Regeln von Rechten und Pflichten.

Die Fragen stellte Mathias Maurer

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