»Alles soll künstlerisch durchdrungen sein«

Von Holger Kern, Juli 2019

Die im Titel genannte Forderung Steiners stellt nicht nur große Aufgaben, sondern auch Fragen. Wie kann sich das zeigen in all den Bereichen, die nicht selbst direkt in den Kreis der Künste gehören? Ist heute, hundert Jahre nach Begründung der Waldorfpädagogik, diese Forderung nach wie vor gültig? Oder ist sie inzwischen gar noch dringlicher geworden?

Wenzel M. Götte gibt in seiner Einleitung einen sehr schönen Überblick und einen erhellenden Einblick in das Thema. Nach der Lektüre hat man erst einmal den Eindruck, dass damit doch eigentlich schon alles Notwendige gesagt sei. Es folgen aber noch vier Abteilungen zu den Bereichen »Gedankliche Zugänge«, »Gelebte Erziehungskunst«, »Sprechen und Denken im Jugendalter« und »Hüllen«. Hier schreiben insgesamt achtzehn in der Waldorfpädagogik wohlbekannte Autoren noch vierzehn weitere Beiträge.

Diese Beiträge umfassen im Prinzip alle zugehörigen Gebiete und Altersstufen. Ein schönes Bild ergibt sich aus der Tatsache, dass gerade für den Beitrag zur Eurythmie mehrere Autoren verantwortlich zeichnen, aber auch daraus, dass die siebte und zukunftsträchtige Sozialkunst hier Raum erhält. Diese beiden Darstellungen stehen gleichzeitig exemplarisch für die Künste. Die bekannteren Künste benötigten in diesem Band keinen weiteren Platz, da die Anwesenheit des Künstlerischen dort selbstverständlich vermutet werden darf. Viel wichtiger also ist, dass in diesem Buch an weiteren Beispielen sichtbar wird, wie sich das Künstlerische anderswo beispielhaft und befruchtend zeigen kann. Auch wie es über den Unterricht hinausgreift und bis in die Sozialgestalt oder die Gebäude hineinwirkt.

Die einzelnen Beiträge sind durchaus unterschiedlich, mal eher streng gedanklich oder mal eher liebevoll ausschmückend und atmosphärisch. Zwar gibt es auch ein paar wenige Beiträge bzw. Stellen, bei denen die Erwartungen des Lesers, weniger zufriedengestellt werden; der deutlich umfangreichere Teil jedoch kann sehr gewinnbringend gelesen werden. Wenzel M. Götte gibt in der Einleitung zu bedenken, dass weder eine definitorische Klärung noch eine Vollständigkeit in der Darstellung des die ganze Schule durchziehenden Künstlerischen anvisiert wurde. Man kann ihm nur zustimmen, dass dies weder möglich noch sinnvoll sei. Doch die eine oder andere erhellende Antwort auf die Frage, wie man sich das konkret denken und vorstellen kann, wird jeder hier finden können. Den Willen zu künstlerischer Durchdringung erkennt man auch in der Gestaltung des Buches selbst: Es sind nicht nur teilweise die Beiträge an passenden Stellen mit etlichen Fotos und Abbildungen illustriert, sondern es bilden auch die ansprechenden Gemälde von Stefan Krauch Rahmen und Gliederung.

Das Buch ist nicht nur für Fachleute lesenswert, sondern für jeden Interessierten. Es gibt gute und nachvollziehbare Einblicke in das Wirken des Künstlerischen in der Waldorfpädagogik und ist zugleich freilassend genug, dass damit nicht »das letzte Wort« zu diesem Thema gesagt und geschrieben ist. Man möchte dem Buch eine weite Verbreitung wünschen.

Wenzel M. Götte, Christian Boettger, Claus-Peter Röh: Selbst entfalten – Welt gestalten. Das Künstlerische in der Waldorfpädagogik, geb., 296 S., EUR 24,–, edition waldorf, Stuttgart 2019

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