Demokratie braucht Bildung

Von Wolfgang Debus, Mai 2013

Die Bildung steckt in einer globalen Krise, behauptet Martha Nussbaum, Philosophin und Professorin für Rechtswissenschaften und Ethik an der Universität von Chicago – eine Krise, die sich – anders als die Wirtschafts- und Finanzkrise – eher unbemerkt entwickelt, weil die Folgen nicht unmittelbar zu spüren sind. Die Menschen, die zunächst einmal betroffen sind, also unsere Kinder und Enkel, verfügen noch nicht über genügend Urteilskraft und Macht, um die Auswirkungen ihrer Schul- und Weiterbildung erkennen und einschätzen zu können. Der überwiegende Teil der Erwachsenen verbindet das Streben nach einer gesicherten Zukunft immer noch – und nach den Wirtschaftskrisen verstärkt – mit der Überzeugung von einer hochwertigen, aber einseitigen Ausbildung, deren Erfolg in einer möglichst genauen Einpassung der jungen Menschen in das bestehende und auf Perfektionierung des Konsums ausgerichtete Systems liegt.

Schulbildung und weitere Ausbildung reduzieren sich immer stärker auf Fächer, die einen direkten Bezug zu Technologien, zur Produktion, zur Vermarktung und zur Finanzwirtschaft haben. Aus Kostengründen, aber auch aus der Überzeugung, dass geisteswissenschaftliche und künstlerische Fächer überflüssiges Beiwerk sind. Nach Nussbaum werden auf diese Weise auf der ganzen Welt Generationen von nützlichen Menschen-Maschinen produziert, die nicht selbstständig zu denken gelernt haben, deren kreative Kräfte verkümmert sind, die die Tradition nicht kritisch beleuchten können und die auch die Leistungen und die Leiden anderer Menschen nicht wahrnehmen.

Unmittelbare Erfahrungen, welche sie zu dieser Überzeugung kommen lassen, hat sie vor allem in den USA und in Indien gemacht. Die Wissenschaftlerin kennt aber auch die Entwicklungen in den Bildungssystemen der übrigen Welt. Nussbaum charakterisiert die globalen Entwicklungen auf dem Bildungssektor mit dem Begriff der »verwertungsorientierten Bildungsreform«.

Martha Nussbaum warnt nicht nur vor dieser Einseitigkeit der Ausbildung, die die Lernfähigkeit vermindert, sondern auch vor dem Verlust der Kreativität, Sozialkompetenz und Selbstständigkeit. Dass die heutige Ausbildung die Entwicklung dieser Fähigkeiten verhindert, gefährde die Demokratie.

Martha C. Nussbaum: Nicht für den Profit! Warum Demokratie Bildung braucht, kart., 180 S., EUR 14,80, TibiaPress Verlag, Überlingen 2012

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