Die Industrialisierung und ihre Folgen

Von Lorenzo Ravagli, April 2014

Von der Abschaffung der Leibeigenschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts bis zum Ende der 1990er Jahre reicht die Geschichte der Sozialen Arbeit, die Sabine Hering und Richard Münchmeier in überarbeiteter Auflage vorlegen. Die Einführung, die zugleich als Lehrbuch konzipiert ist, umschließt – ihrem Gegenstand gemäß – einen weiten Horizont: ohne Berücksichtigung des sozialen Lebens, dessen geschichtliche Wandlungen die Entwicklung der sozialen Arbeit spiegelt, lässt sich deren Geschichte nicht verstehen. Daher beziehen die Autoren die Entwicklung der sozialen Verhältnisse in Deutschland in ihre Darstellung mit ein und zeigen auf, wie eng die Tätigkeitsfelder und Disziplinen der sozialen Arbeit mit ihnen verflochten sind.

Die Vorgeschichte der sozialen Arbeit im heutigen Sinn reicht bis ins frühe 19. Jahrhundert, in das Zeitalter der »Bauernbefreiung« und die auf sie folgende Industrialisierung zurück – beide schufen erst die Bedingungen, die sie erforderlich machten. Sie entfaltete sich im frühen Kaiserreich, erfuhr durch den I. Weltkrieg einen beachtlichen Aufschwung, geriet während der NS-Zeit auf die leicht vorstellbaren Abwege und erlebte in der Nachkriegszeit eine erneute Erweiterung und Vertiefung. Für jede dieser Epochen zeichnen die Autoren den Alltag der Menschen und die Lebenslage der Klientel nach, beschreiben die Entwicklung der Organisationen und der rechtlichen Grundlagen der sozialen Arbeit, schildern die Geschichte des Berufs, die Herausbildung der fachlichen Grundlagen und Konzepte und die Etablierung ihrer wichtigsten Handlungsfelder. Die Handlungsfelder machen deutlich, was soziale Arbeit alles umfasst: sie reicht, um nur die wichtigsten zu nennen, von der Jugendfürsorge, über die Gesundheits-, Familien- und Wohnungsfürsorge bis hin zur Betriebssozialarbeit.

Eindrücklich schildert das Kapitel über die Industrialisierung und ihre sozialen Folgen die Kehrseite der Abschaffung der Leibeigenschaft. Die Freiheit der einen war das Elend der anderen. Die wirtschaftliche Entwicklung führte nicht nur zu einer erheblichen Vergrößerung des Angebots, zu steigender Konkurrenz, Rationalisierungsdruck, sinkenden Preisen und steigenden Profiten, sondern auch zu fallenden Löhnen, Landflucht, Proletarisierung, Kinderarbeit, Zerstörung der traditionellen Lebenszusammenhänge und umfassenden Sinnkrisen. Die sozialen Umwälzungen ließen die Arbeiter- und Frauenbewegung entstehen, führten zur Gründung von Gewerkschaften, Genossenschaften (Raiffeisen), einer Erweiterung der kirchlichen karitativen Arbeit und dem Aufbau einer kommunalen Armenfürsorge. Zwischen 1800 und 1871 verdoppelte sich die Bevölkerung Deutschlands und die durchschnittliche Lebenserwartung stieg um 50 bis 60 Prozent, gleichzeitig stiegen aber auch die Lebensrisiken: die befreite Bauernbevölkerung sah sich durch Missernten und Seuchen bedroht, geriet in Zahlungsnot aufgrund von Entschädigungen, die an die ehemaligen Grundherren entrichtet werden mussten und wurde in die Lohnarbeit fern von Hof und Heimat gezwungen. Die Bevölkerungsdichte in den Städten und Industrieagglomerationen wuchs, die Arbeiter lebten in prekären, hygienisch unhaltbaren Wohnverhältnissen, hatten unter Mietwucher, Hunger und Ausbeutung zu leiden. Wochenarbeitszeiten aller Familienmitglieder (Kinder eingeschlossen) von bis zu neunzig Stunden waren die Regel, Arbeitspausen oder Sonntagsruhe unbekannt. Die Industrialisierung erzeugte eine bis dahin unbekannte Massenarmut und der Staat wusste sich gegen die Unzufriedenheit, die sich in Aufständen äußerte, nur durch repressive Maßnahmen zu helfen. Ab der Mitte des Jahrhunderts begann neben der karitativen Arbeit der Kirchen der Aufbau einer öffentlichen Armenfürsorge, die sich des schlimmsten Elends annahm. Aber Sozial-, Kranken- und Rentenversicherung wurden bekanntlich erst im Kaiserreich durch Bismarck eingeführt, der sich von ihnen eine Schwächung der sozialistischen Bewegung erhoffte, die er gleichzeitig durch repressive Gesetze und polizeiliche Verfolgung bekämpfte. Vor allem Frauen wie Hedwig Heyl oder Alice Salomon trugen vor dem I. Weltkrieg entscheidend zur Etablierung der sozialen Arbeit als Frauenberuf bei. Die Jahrhundertkatastrophe des I. Weltkrieges, die anschließende Inflation und die Weltwirtschaftskrise verbesserten die Lage der arbeitenden und arbeitslosen Bevölkerung nicht und die Erfolge, die das Naziregime in der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit erzielte, waren nur scheinbar. Wie alle anderen gesellschaftlichen Verbände wurden auch die sozialen Organisationen gleichgeschaltet und wenn sie sich nicht gleichschalten ließen, verboten. Familienfürsorgerinnen mutierten zu Erfüllungsgehilfen rassenbiologischer Programme zur Hochzucht des Volkskörpers und die Jugendarbeit wurde in den Dienst des Führers gestellt.

Nach dem Zusammenbruch mussten die zerbombten Städte wieder aufgebaut und gewaltige Flüchtlingsströme (11 Millionen Menschen) integriert werden. Durch die Flucht vor einrückenden Truppen, die Rückführung von Kindern aus der Kinderlandverschickung, die Befreiung der KZ-Insassen, die Rückkehr von Kriegsgefangenen und die Auflösung der Wehrmacht fanden sich 1945 rund 25 Millionen Deutsche auf der Straße. Nur ein Viertel aller Großstadtwohnungen war unversehrt, 45% beschädigt, 31% völlig zerstört. Deutschland war zu einem Land der Frauen und Greise geworden: 37 Millionen Frauen standen 29 Millionen Männern gegenüber, wobei 70% der Männer unter 18 oder über 60 waren. Die Bevölkerung war zu einem kollektiven Fürsorgefall geworden. 1949 trennten sich die Wege der beiden deutschen Staaten, in der DDR »überwand« der Sozialismus die sozialen Probleme, während in der BRD der Marshallplan und das Wirtschaftswunder das ihrige taten. Seit der Wiedervereinigung und dem Eintritt in die Epoche der Globalisierung haben die sozialen Probleme nicht ab-, sondern zugenommen: Migrationsströme, Wohlstandsverwahrlosung, Digitalisierung, die neue Armut und das alle Lebensbereiche durchdringende ökonomische Effizienzdenken schaffen neue Aufgabenstellungen, auf welche die deutsche Gesellschaft, ja Europa eine Antwort finden muss. Doch diese Fragestellungen liegen jenseits einer »Geschichte der Sozialen Arbeit«. Aus ihr jedenfalls wird deutlich, dass die »soziale Frage« ein Kind der Liberalisierung und des Kapitalismus ist, diesen begleitet und vermutlich erst verschwinden wird, wenn dieser gelernt haben wird, sozial zu denken und zu handeln.

Sabine Hering / Richard Münchmeier: Geschichte der Sozialen Arbeit. Eine Einführung, Pb., 302 S., Euro 24,95, Beltz Juventa Weinheim und Basel 2014.

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