Digitale Sackgasse

Von Christian Boettger, Juni 2020

Im Augenblick vergeht kein Tag, an dem in den Medien nicht über Fragen der Digitalisierung gesprochen oder geschrieben wird. Andreas Neider legt zu diesem Thema nun ebenfalls ein Buch mit sechs Beiträgen vor.

Der erste ist eine beißende Kritik der drei Bestseller des Historikers Yuval Noah Harari. Neider analysiert dessen im Grunde kulturpessimistisches Denken und gibt dem Leser eine Perspektive in eine menschheitlich anstrebenswerte Zukunft.

Im zweiten Kapitel geht er auf die Idee der »Smart Cities« ein, die seiner Ansicht nach eine perfekte Verbindung des von Orwell beschriebenen totalitären Überwachungsstaates und der normierten Konsumenten aus Huxleys »schöner neuer Welt« sind. Aber nicht nur diese Aussichten sind es, die die Digitalisierung und die Datensammlung mit sich bringen, sondern auch gesundheitliche Risiken, die immer stärker in den Fokus der öffentlichen Diskussion geraten.

Hier reiht sich sein Beitrag »Die Schimäre der digitalen Mobilität« ein. Gerade an den Planungen zum autonomen Fahren und dem dazu angeblich notwendigen Ausbau des 5G-Netzes werden die widersprüchlichen Tendenzen von Politik und Wirtschaft deutlich. Schließlich kommt Neider zu dem Fazit, dass die Digitalisierung mehr als alle anderen Technologien verlangt, dass für alles, was auf unserem Planeten geschieht, von jedem einzelnen Menschen die Verantwortung getragen werden muss.

Es folgt ein Beitrag zum Thema »Menschsein« und »Menschwerden«. Hier ist von der Aufgabe der Nationen die Rede, sich mit dem eigenen Doppelgänger auseinanderzusetzen. In Deutschland stellt sich in diesem Zusammenhang das Problem der Überwachung der Bildung, die durch den Digitalpakt derzeit umgesetzt wird. Ab dem Schulbeginn wird durch die Datensammlung in Bezug auf das Lern- und Arbeitsverhalten von jedem Menschen ein digitaler Doppelgänger erzeugt, mit dem er sein ganzes Leben lang konfrontiert sein wird. Dagegen setzt Neider die Wirksamkeit einer »spirituellen Intelligenz«, die nicht nur die Individualität stärkt, sondern auch Datenabstinenz praktiziert.

Ein weiterer Beitrag geht auf Hartmut Rosas »Unverfügbarkeit« und dessen Kritik einer digitalisierten Gesellschaft ein. Rosa landet, laut Neider, ebenso im Pessimismus, da die von ihm aufgezeigte totale Verfügbarkeit der Welt durch die Digitalisierung zu einem Weltverstummen und zu Weltverlust führen.

Das abschließende Kapitel sucht nach einem Weg, auf dem wir den Bedrohungen durch künstliche Intelligenz entgehen können. Dieser kann nur in der geistigen Selbstaktivierung liegen. Die Menschen sind aufgerufen, ihre eigene innere Erkenntniskraft zu stärken. Ein neues Verhältnis zur Natur und den in ihr wirkenden Kräften kann helfen, deren Weisheit und Intelligenz wieder zu erleben.

In den verstreuten Zeitschriften-Aufsätzen, die diesem Buch zugrunde liegen, war die Polemik gut zu ertragen. In einer Sammlung  wünschte man sich hingegen eine objektivere Sprache. Der teilweise harsche Sarkasmus kann dem Leser aufstoßen und wäre eigentlich nicht nötig gewesen, denn die Inhalte sprechen für sich.

Andreas Neider: Digitale Zukunft: Kritische Betrachtungen zur digitalen Transformation und wie wir ihr wirksam begegnen können, Taschenbuch, 112 S., EUR 14,90, Books on Demand, Norderstedt 2019

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