Gerechte Noten gibt es nicht

Von Ulrike Schmoller, Dezember 2012

Als Erziehungswissenschaftlerin konnte die Autorin sowohl in der Regelschule wie auch als Klassenlehrerin an einer Waldorfschule Unterrichtserfahrung sammeln. Mit Leidenschaft vertritt sie die These, dass Noten nicht gerecht sein können und nicht geeignet sind, die Leistungen der Schüler sinnvoll zu spiegeln, sondern vielmehr dazu beitragen, dass Kinder die Freude am Lernen verlieren, denn die Neugier an den Inhalten tritt hinter ein äußerliches Ergebnis zurück.

In vier Realschulklassen führte sie eine kleine Meinungsumfrage durch, die dies bestätigt, die aber auch ergab, dass ein großer Teil der Schüler Noten gar nicht so schlecht findet. Dabei sind die Noten keineswegs objektiv, sondern von den Rahmenbedingungen abhängig. Keller kann aus ihrer eigenen Tätigkeit berichten, wie schwierig es ist, eine Note zu geben. Sie hat beobachtet, wie das Ausleseprinzip zu psychosomatischen Störungen bei den Schülern und Konkurrenzdenken innerhalb der Klassen führt.

Dem Druck durch das Notensystem kann sich selbst das Lehrpersonal nicht entziehen.

Welche Möglichkeiten liegen dagegen in den ausführlichen Textzeugnissen, die in den

Waldorfschulen üblich sind. Darin kann das Bemühen des Schülers ungleich differenzierter und an seiner Persönlichkeit orientiert charakterisiert werden. Seine Entwicklung kann über Jahre hinweg dokumentiert und ein gezielter Ansporn zum Weiterarbeiten gegeben werden. Als zweite sinnvolle Alternative führt Keller das Portfolio und das Arbeiten mit Kompetenzrastern zur Dokumentation von Lernprozessen an.

Das Buch von Luise Ulrike Keller ist praxisbezogen und von persönlichen Erfahrungen geprägt. Zahlreiche Beispiele und Erlebnisse machen es lebensnah. Die Autorin belegt ihre Aussagen mit Zitaten namhafter Wissenschaftler und aus ihrer eigenen Quereinsteigerstudie, bei der 478 Eltern befragt wurden.

Wer aus erster Hand hören möchte, wie sich das Lernen mit und ohne Noten anfühlt, kann sicher von diesem Buch profitieren. Auch für Berufsanfänger an Waldorfschulen kann es interessant sein, als Einstieg ins eigene Zeugnisschreiben einmal Kellers exemplarische Ausschnitte zu lesen. Insidern sei als weitergehende Lektüre zum Thema »Liebe, Krieg und Kommunikation« von Kilian Hattstein-Blumenthal empfohlen, in dessen Waldorfschule die Textzeugnisse erfolgreich durch Gespräche ersetzt wurden.

Ulrike Luise Keller: Gerechte Noten gibt es nicht: und wie Noten die Lust am Lernen verhindern, 144 S., Taschenbuch, EUR 16,80, Via Interna Verlag, Sinzheim 2012

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