Geschichte der Waldorfpädagogik

Von Frank Hörtreiter, September 2019

Dieses Buch bietet in Stil und Objektivität Neues. Bisher wurde die Waldorfpädagogik fast immer im Angriffsmodus, in Selbstverteidigung oder als erste Einführung dargestellt. Hier wird nun mit interessierter Praxisnähe, aber zugleich mit der Distanz dessen geschrieben, der auch die unerledigten Aufgaben kennt.

Frielingsdorf lehrt Bildungswissenschaft in der Alanus-Hochschule in Alfter und war früher Oberstufenlehrer. Wie schon in der von ihm mitverfassten Geschichte der anthroposophischen Heilpädagogik geht er in drei Schritten vor: Jeden Entwicklungsabschnitt behandelt er vor dem Hintergrund der jeweiligen gesellschaftlichen Lage und der zu dieser Zeit vorherrschenden pädagogischen Praxis und Denkweise, um dann erst auf das jeweils Besondere der Waldorfpädagogik einzugehen. Der Vergleich mit der einst so wirkmächtigen und doch streckenweise verschwundenen Reformpädagogik durchzieht das ganze Buch. Selbst der waldorfkritische Erziehungswissenschaftler Heiner Ullrich muss konzedieren, dass sich die Waldorfschulen vom Außenseiter zum ›Anführer der reformpädagogischen Internationale‹ entwickelten.

Auch wer sich gut informiert wähnt, wird hier Neues finden, denn Frielingsdorf kennt sich wirklich aus: die internen Debatten der Waldorflehrerschaft um Einheit und Vielfalt, um eine (angeblich notwendige) Einheit der Lehrerausbildung, die prekären Kompromisse im Abwehrkampf gegen die Schulschließungen in der Nazizeit werden detailreich und ohne hochmütige Urteile des später Geborenen benannt. Das ist guter historischer Stil. Auch die internationale Ausbreitung wird detailreich dargestellt, sowie die damit verbundenen Aufgaben einer Einbettung in Kulturen, die nicht dem mitteleuropäischen Rahmen ähneln. Dem Rezensenten ist der Stoßseufzer einer sympathisierenden Waldorflehrerin bei einer Monatsfeier in Israel noch im Ohr: »Müsst Ihr denn unbedingt Wie Thor den Hammer holte aufführen, wo doch die Bibel so wunderbare Mythen enthält?«

Zwei Fehlstellen fallen auf, die aber den Wert des Buches nicht wirklich mindern: Angesichts der wachsenden Zahl und der geistig verschiedenen Herkunft der jüngeren Waldorflehrer sollte die Frage gründlicher gestellt werden, wie es um deren Verwurzelung in der Anthroposophie steht. Und zusätzlich zum Personenregister wäre vielleicht ein Register der Orte sinnvoll gewesen, in denen Waldorfschulen zu Hause sind. Schulen sind ja auch Individualitäten und Frielingsdorf betont mit Recht die Wichtigkeit dieser Verschiedenheiten. Da wäre es interessant, die örtlichen Entwicklungen im zeitlichen Längsschnitt nachzulesen.

Es ist gut, dass dieses Buch nicht in einem Waldorfverlag erschienen ist. Das lässt darauf hoffen, dass dieser Neuerscheinung von akademischer Seite mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird, wo es doch noch so manche Berührungsängste gegenüber »Waldorf« gibt, die eigentlich vollkommen unbegründet sind angesichts der Tatsache, dass »Waldorf« eben die bedeutendste, weil vitalste und verbreitetste Erscheinung der Reformpädagogik ist.

Volker Frielingsdorf: Geschichte der Waldorfpädagogik von ihrem Ursprung bis zur Gegenwart. 455 S., geb., EUR 29,95. Beltz-Verlag, Weinheim und Basel 2019

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