Jugendliche und ihre Milieus

Von Frank Hörtreiter, Juni 2021

Verglichen mit der altgewohnten »Shell-Studie« wurde die »SINUS-Studie« bisher weniger beachtet. Unter dem Titel »Wie ticken Jugendliche« bietet sie neben vielen Zahlen und Diagrammen tiefere Blicke.

Vor allem: Die Studie beschränkt sich konsequent auf 14- bis 17-Jährige; also meist Oberstufenschüler. Diese Studie hat »Lebenswelten« der jungen Menschen dergestalt einander zugeordnet, dass sie in ein Diagramm passen: Die vertikale Achse orientiert sich an der Bildungshöhe, die Horizontale reicht von einer traditionell-bürgerlichen bis zu einer experimentellen Aufbruchsstimmung.

Das ergibt einen erstaunlich aussagekräftigen Flickenteppich. Für den Leser wird dieses Bild konturenscharf und interessant dadurch, dass die Forschungsmethode viele Facetten einschließt: natürlich die üblichen Fragezettel mit vorformulierten Antwortmöglichkeiten oder freien Texten, aber auch »Hausarbeitshefte«, in denen handgeschriebene Stellungnahmen, Collagen mit Fotos, eigenen Zeichnungen und Randbemerkungen oder auch Fotos von Lieblingsorten ihren Platz finden.

Die inhaltlichen Kapitel beginnen mit Zusammenfassungen und verästeln sich in den Merksätzen der Jugendlichen, Zeichnungen, Collagen etc. Dazu werden die Hintergründe der Befragten einschließlich der Lebenswelt genannt (also z.B.: »weiblich, 17 Jahre, Migrationshintergrund, Experimentalisten«). Es ist fast erschreckend: Wenn man sich eingelesen hat, kann man schon aus dem Zitat oder der Illustration schließen, um welche »Sorte« es sich handelt. Sind denn alle so identisch mit ihrer Gruppe? Haben sie keine völlig eigenständigen Zukunftsziele? Nun gut – das mag eine Erwachsenensorge sein. Jeder ist individuell, aber eine Art von Rückhalt ist den Teenagern sogar zu wünschen, den der Schutz ihrer Gruppe verspricht. Zudem: Was im Innersten eines jungen Menschen vorgeht, wird er vielleicht nicht einem Interviewer offenbaren, schon gar nicht am Telefon.

Die Studie weist auf ernste Zeiten: Die Jugendlichen sind fast erschreckend vernünftig und eher besorgt um die Mitmenschen und die Zukunft als um sich selbst; »Fridays for Future« hat viel dazu beigetragen. Jedenfalls: Das Bild, das die Sinus-Studie entwirft, ist nicht düster, sondern wohl realistisch und nicht ohne Hoffnung.

Calmbach, Flaig, Edwards, Möller-Slawinski, Borchard, Schleer: Wie ticken Jugendliche? SINUS-Jugendstudie 2020, Bonn 2020, € 4.50 zzgl. Versand, Bestellung: www.bpb.de/311857 

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