Katastrophenbericht von der Medienfront

Von Ute Hallaschka, Juni 2020

Das Buch ist eine Offenbarung: Die beiden Erzieher und Sozialarbeiter berichten aus der Insula, einem Reha-Zentrum im bayerischen Bischofswiesen, das ursprünglich für übergewichtige Kinder und Jugendliche gegründet wurde.

Doch seit der Jahrtausendwende hat sich das Krankheitsbild drastisch gewandelt. Dies hat das Therapeutenteam dazu veranlasst, ihm einen neuen Namen zu geben und sich mit dieser Publikation erstmals an die Öffentlichkeit zu wenden.

Sie schildern den fatalen Zusammenhang von Internetabhängigkeit – Schulvermeidendem Verhalten – Obesitas (so das medizinische Fachwort für Adipositas), kurz: ISO.

Was sich dahinter verbirgt, liest sich wie Dantes Beschreibung der Hölle, nur, dass es sich dabei um den Alltag von Kindern und Jugendlichen handelt. Die Fallbeispiele machen fassungslos. Kinder, die keine Zeit mehr finden, rechtzeitig zur Toilette zu gehen, weil sie nicht vom Bildschirm loskommen, Jugendliche, die nachts den Wecker stellen und jede Stunde aufstehen, um ihr virtuelles Leben in Gilden und Clans zu verteidigen, um nicht aus der Gemeinschaft verstoßen zu werden. Ob im scheinbaren Miteinander der sozialen Netzwerke, als Avatar oder World of Warcraft-Spieler, als Streaming-Zuschauer oder YouTube-Follower – sie leben in einer perfekten Illusionswelt.

Man hat nach der Lektüre das Gefühl, ein anderer Mensch zu sein oder vorher auf dem Mond gelebt zu haben. Es gibt inzwischen Krankeiten wie Fomo – Fear Of Missing Out – das heißt, die Angst, etwas zu verpassen, natürlich nicht im wirklichen analogen Leben, sondern im virtuellen. Oder das Komaglotzen in Form von Binge Watching bis zum Purge Watching: Letzteres ist das zwanghafte zu Ende-Sehen-Müssen von etwas, das einem eigentlich gar nicht gefällt. Es sind nicht mehr die Baller-Spiele an der Konsole, es ist der allgegenwärtige und jederzeit zugängliche Suchtstoff, der in diesem Buch als eine Art nichtmaterielles Heroin aufgefasst wird. Das, was hier als Extremfälle in den Krankengeschichten erscheint, ist jedoch nichts anderes als die maximale Dosis dessen, was sich alltäglich in vielen Haushalten verabreicht wird.

Das Buch sollte Pflichtlektüre werden, am besten finanziert von den Krankenkassen. Kein Mensch, der es gelesen hat, wird danach noch auf die absurde Idee kommen, Internet in Kitas oder Grundschulen einzurichten.

Wolfgang Siegfried, Tim Wanders: Zocken, futtern, Schule schwänzen. Das ISO-Syndrom – die neue Gefahr für unsere Kinder, kart., 288 S., EUR 22,–, Rowohlt Verlag, Hamburg 2019 

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