Klassischer Unterricht

Von Johannes Kiersch, Juli 2013

Was bleibt noch vom klassischen Profil der Waldorfschule? Vieles, was zu Steiners Zeiten pädagogisch revolutionär war, hat sich längst auch in anderen fortschrittlichen Schulen eingebürgert. Ein besonderes Merkmal aber ist geblieben: das Fragen und Suchen nach dem Sinn der Welt. Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? (Immanuel Kant) Sie bestimmen Inhalt und Methode des Unterrichts für alle Altersstufen.

Der Ursprung dieser Fragen liegt in der griechischen Antike. In einem Klima freudiger Weltzugewandtheit werden sie von den großen Denkern jener Zeit in einzigartiger Sprache ausformuliert. Und es gehört zu den bedeutendsten Entdeckungen der pädagogischen Psychologie, dass die mittlere Kindheit mit ihrer Freude an logischen Experimenten, an Wortspielen, am Rätselraten, an Bildern und anderen schönen Ausdrucksformen damit eng verwandt ist. Zu den überzeugendsten Besonderheiten des traditionellen Lehrplans der Waldorfschule gehört deshalb die Griechenland-Epoche des Hauptunterrichts der fünften Klasse.

Hierzu ist jetzt in der edition waldorf des Bildungswerks Beruf und Umwelt (Kassel) eine höchst originelle Monographie erschienen. Ihr Verfasser, Bero von Schilling, Altphilologe und langjähriger Lateinlehrer an der Rudolf-Steiner-Schule Bochum-Langendreer, bewältigt den riskanten Spagat zwischen Fachgelehrsamkeit und lebendiger Unterrichtspraxis mit bravouröser Gewissenhaftigkeit. Klassenlehrer finden eine Fülle von Anregungen und Hilfen: Textproben im altgriechischen Original, mit Umschrift und Übersetzung, Beobachtungen und Erwägungen aus der Unterrichtspraxis, Literaturhinweise. Wer, wie wohl die meisten Leser, mit der griechischen Sprache noch gar nicht vertraut ist, wird behutsam an die Hand genommen und vom experimentierenden Erproben von sonderbaren Buchstaben, ungewohnten Lautbildungen und einzelnen Wörtern an einige besonders hervorragende Beispiele poetischer Sprache herangeführt. Eine beigefügte Audio-CD versucht, dahin eine Brücke zu bilden, aber die bleibt natürlich provisorisch. Leser, denen die fremdartigen sprachlichen Ausdrucksformen weniger leicht zugänglich sind, werden schon allein von den prachtvollen Abbildungen profitieren, die hier mit Umsicht und Sorgfalt zusammengetragen worden sind, vor allem von den Fotos der Tafelzeichnungen und der Schülerbilder aus der Bochumer Schule. Ein Paradestück sind dabei die Übungen zum Mäander-Motiv.

Der ebenfalls schon publizierte zweite Band des Werkes konzentriert sich auf die Sprachkultur der Griechen. Ein dritter Band mit Erzählungen aus griechischen Mythen befindet sich in Vorbereitung. Ein ernster Mangel: Die Umschläge sind nicht stabil genug. Das sollte bei einer Neuauflage bedacht werden.

Bero von Schilling: Helleniká. Griechische Kultur für Fünftklässler. 2 Bde. (Bd. 1, 24,– / Bd. 2, 29,–) Kassel: Bildungswerk Beruf und Umwelt, 193 S., brosch., Stuttgart 2012. | Bestellungen: www.waldorfbuch.de

 

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