Kritisch eingeführt

Von Dirk Randoll, November 2015

Heiner Ullrich ist einer der wenigen Erziehungswissenschaftler, der sich hierzulande immer wieder mit einem kritisch-distanzierten Blick, aber dennoch durchaus wohlwollend, verschiedenen waldorfpädagogischen Themen – auch empirisch – widmet.

Nun legt er ein Werk vor, das als Versuch zu werten ist, den Dialog zwischen Waldorfpädagogik und Erziehungswissenschaft weiter zu intensivieren. Im ersten Kapitel wird zunächst eine Standortbestimmung der Waldorfschulen vorgenommen. Dabei wird hinreichend deutlich, dass sie innerhalb der Reformschulbewegung in Deutschland eine Sonderstellung einnehmen und heute eine Art Gegenbewegung zu dem bildungsökonomisch geprägten und leistungsorientierten öffentlichen Schulsystem darstellen. Ihre Nische und Anhängerschaft haben sie in diesem Kontext bereits gefunden. Dem folgt eine differenzierte Darstellung und Beschreibung wesentlicher Grundlagen und Merkmale dieser Schulform – beginnend bei der Schularchitektur, über das achtjährige Klassenlehrerprinzip, die Rhythmisierung des Lernens, bis hin zum goetheanistischen Unterrichtsansatz. Auch die Waldorfkindergärten sowie die anthroposophische Heilpädagogik bleiben nicht unerwähnt. In beindruckend klar formulierter Art und Weise wird der Leser sodann in die weltanschaulichen Grundlagen der Waldorfpädagogik eingeführt, mit denen sich der Autor hernach auch wissenschaftskritisch auseinandersetzt. Weil Steiners Gedanken immer wieder polarisieren, findet der wissenschaftliche Diskurs über Anthroposophie nur allzu häufig zwischen bedingungslosen Anhängern und polemischen Kritikern statt. Dies ist hier deutlich anders. »Weltanschauung oder Wissenschaft«, »Determinismus statt Freiheit«, »Die Wiederkehr des mythischen Denkens« sind nur einige Themen, auf die bei der Auseinandersetzung mit den theoretischen Grundlagen der Waldorfpädagogik Bezug genommen wird. Heilsam erscheinen dagegen die in Kapitel 6 beschriebenen Befunde aus empirischen Forschungen, welche Einblick in Wirklichkeit und Wirkung der Waldorfschulen gewähren. Was wird aus Waldorfschülern? Welche Lernerfahrungen machen sie in der Schule? Mit welchen Lehrern und Eltern haben sie es zu tun? Kurzum: Ein gelungenes Buch, in dem ein weites Spektrum waldorfpädagogischer Themen und Aspekte behandelt und kritisch beleuchtet wird. Deshalb ist ihm eine breite Leserschaft zu wünschen.

Heiner Ullrich: Waldorfpädagogik – Eine kritische Einführung, brosch., 182 S., EUR 24,95, Beltz, Weinheim und Basel 2015

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