Sinne in Gefahr

Von Johannes Kiersch, Oktober 2018

Was bedeutet es für die Entwicklung unserer Kinder, wenn ihr Wahrnehmungsfeld immer häufiger auf das kleine Rechteck eines Smartphone-Displays zusammenschrumpft oder wenn der Spaß an Computerspielen suchtartige Züge annimmt? Hat die fortschreitende Digitalisierung unserer Welt Folgen für die Existenz dieser Kinder als freie Menschen?

Für die Waldorfschulen sind solche Fragen Anlass zu einer Besinnung auf Rudolf Steiners Sinneslehre. Hilfreich hierfür ist jetzt ein Sammelband aus der Universität Witten-Herdecke. Er lässt erkennen, wie Steiners Erweiterung des Spektrums der Sinne inzwischen mit Ergebnissen der neueren empirischen Forschung zusammengeht.

Dort zeigt sich eine verbreitete Tendenz, das sinnliche Wahrnehmen nicht nur als Reizleitung von Rezeptoren wie Auge und Ohr zum zentralen Nervensystem aufzufassen, sondern auch zu untersuchen, welche Rolle der gesamte Körper dabei spielt und wie wir beim natürlichen Wahrnehmen keineswegs passiv bleiben, sondern vom Ich aus aktiv werden. Das kommt dem unter Anthroposophen gut bekannten Satz Steiners sehr nahe: »Der Leib als Ganzes, nicht bloß die in ihm eingeschlossene Nerventätigkeit ist physische Grundlage des Seelenlebens«.

Schon vor Jahren hat der Göttinger Erziehungswissenschaftler Christian Rittelmeyer untersucht, welche seelischen Wirkungen die Farben und Formen von Schulbauten hervorrufen. Auf dieser Grundlage gibt er jetzt in dem neuen Band einen Einblick in Forschungen zur »verkörperten Erkenntnis«. Einleitend präsentiert Peter Heusser darin seinen »Entwurf einer ganzheitlichen Sinneslehre«, eine konzentrierte Fundamentalkritik der verbreiteten Auffassung, dass Phänomene des seelischen und des geistigen Lebens allein aus ihren physikalischen und chemischen Begleiterscheinungen zu erklären und wie ein Computer zu betrachten seien.

Er bezieht sich dabei auf sein wissenschaftstheoretisches Grundlagenwerk »Anthroposophie und Wissenschaft«, das als Meilenstein auf dem Weg zu einem unbefangenen Gespräch zwischen empirischer Forschung der üblichen Art und Steiners anthroposophischer Geisteswissenschaft betrachtet werden darf. Man wünscht sich, dass seine Argumente an jeder Waldorfschule mit Schülerinnen und Schülern diskutiert werden, bis hin zum Leistungskurs Biologie bei der Abiturvorbereitung. Sie sind revolutionär, aber zugleich empirisch wie philosophisch bestens abgesichert.

Welche Konsequenzen sich hieraus für den Umgang mit den modernen Medien ergeben, beschreibt Edwin Hübner, derzeit wohl der beste Kenner der hier behandelten Problematik in der Waldorf-Welt. Er plädiert für eine »indirekte« Medienpädagogik, die den Kindern und Jugendlichen nicht nur beibringt, wie man Geräte bedient, sondern sie dazu befähigt, diese Geräte sinnvoll zu benutzen und sich nicht von ihnen manipulieren zu lassen. Was er über den Stand der Forschung zu berichten hat, gehört auf entsprechende Elternabende in jeder Schule. Wer sich – wie der Rezensent – als Laie auf dem Gebiet der Naturwissenschaften in das Buch vertieft, bemerkt mit Staunen, welch bedeutende Rolle für die Pflege des natürlichen sinnlichen Wahrnehmens die Kunst der Eurythmie an unseren Waldorfschulen spielt oder doch spielen könnte, als zugleich körperliche und seelische Übung des Aufmerksamwerdens auf Wirklichkeiten, die so mancher modernen Kopf- und Apparate-Pädagogik abhanden gekommen sind.

Johannes Weinzirl, Peter Lutzker, Peter Heusser (Hrsg.): Bedeutung und Gefährdung der Sinne im digitalen Zeitalter. Wittener Kolloquium Humanismus, Medizin und Philosophie, Bd. 5, Taschenbuch, 254 S., EUR 34,80, Königshausen & Neumann, Würzburg 2017

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