Spiritualität und Kreativität – in Pädagogik und Wissenschaft

Von Maria-Sibylla Hesse, Oktober 2021

Die Welt spart derzeit nicht mit globalen Herausforderungen. Wird ein materialistisch fundiertes Bildungswesen in der nachwachsenden Generation diejenigen Fähigkeiten anregen, die wir zur Entwicklung von Lösungen brauchen?

Die von Stoltz und Wiehl herausgegebene Aufsatzsammlung schlägt Hilfen vor: Spiritualität und Kreativität! Das europäisch-brasilianische Projekt zeigt auf über 450 Seiten in Deutsch und Englisch, wie man Spiritualität und Kreativität pädagogisch einbeziehen und fördern kann, besonders in der Waldorfpädagogik.

Spiritualität meint nicht Konfessionen, meist auch nicht Religiosität, sondern Verbundenheit mit einer »höheren Dimension«, die viele junge Menschen mit einer gewissen Evidenz erleben. Doch: »Inspiration and enthusiasm are becoming rare in our ironic, more or less cynical, post-factual, and ›post-truth‹ social climate«, so Bo Dahlin. Umso mehr obliegt es der Pädagogik, Mut zu üben, sich durch den Aufbau von Beziehungen gesundheitlich zu stärken, Sinn seines Tuns auszubilden. Bei Kreativität geht es um »das Schöpferische als mögliche Handlungs- und Gestaltungsweise«. In der Kombination der beiden titelgebenden Begriffe könne man in besonderen Lebenssituationen auf die richtige Eingebung vertrauen und handeln für existentielle und sinnstiftende geistige Erfahrungen.

Die Herausgeberinnen nennen fünf »gemeinsame Merkmale von Spiritualität und Kreativität«: Achtsamkeit, selbstwirksames Üben (kreativ, meditativ), den Nullpunkt der Krise auszuhalten für Neues, Verbundenheit mit spirituellen Dimensionen (im Geistigen, in Natur und menschlichen Begegnungen), Vertrauen in sich und das eigene Potenzial. Die Aufsätze behandeln u.a. Literaturunterricht, Eurythmie, Therapie, das Beschreiben pädagogischer Situationen in Vignettenform, Gender, Vorschulpädagogik, Inklusion, die Entwicklung des Ich-Wesens im Kontext eines reformulierten humanistischen Bildungsideals. Mal mit Blick auf die Praxis, etwa wenn das Erarbeiten pädagogischer Intuitionen durch Meditation geschildert wird, mal akademischer formuliert, mit einer Fülle an Arbeitsergebnissen aus der internationalen Forschung. Spiritualität und Kreativität werden auch methodisch angewandt. Die beiden Hochschul­dozentinnen erweisen der Waldorf-Bewegung einen Dienst, indem sie diesen wichtigen Diskussionsbeitrag mit
sowohl verständlich zu lesenden als auch akademischen Kriterien genügenden Themen in einem sehr renommierten Wissenschaftsverlag herausbringen. Möge die Ein­ladung zum akademischen Diskurs angenommen werden!

Tanja Stoltz, Angelika Wiehl: Education – Spirituality – Creativity. Reflections on Waldorf Education, Springer Fachmedien, 453 S., kart., EUR 90,94, Wiesbaden 2021

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