Tipps von einer blinden Ski-Weltmeisterin

Von Wolfgang Debus, Februar 2015

Schon der Untertitel deutet darauf hin, dass die Autorin das Lenin zugeschriebene Zitat nicht nur umkehrt. Sie vertritt nicht einfach nur die Einstellung, Vertrauen spiele bei der Entwicklung von Selbstverantwortung und Mut bei jungen Menschen und auch in den Beziehungen zwischen Erwachsenen eine wichtigere Rolle als gegenseitige Kontrolle.

Vor dem Hintergrund ihrer Lebenserfahrung – Bentele ist von Geburt an blind – erhalten die Begriffe »Vertrauen« und »Kontrolle« eine neue Bedeutung. Sie lernt vor allem – ganz im Sinne einer Erziehung zur Freiheit –, Selbst-Kontrolle zu üben und Selbst-Vertrauen zu gewinnen, ohne dabei auf Kontrolle und Vertrauen zum Gegenüber verzichten zu wollen und zu können.

Die Autorin schildert Episoden aus ihrem bisherigen Leben, aus ihrer Kinder- und Jugendzeit, vom Aufwachsen auf einem biodynamischen Hof, über die Internatsschule, erste Schritte im Rad- und Skifahren, bis zu ihren sportlichen Welterfolgen, die im Jahre 2010, im Alter von 28 Jahren mit fünf Goldmedaillen im Skifahren in Vancouver gipfelten. Aus diesen Lebenserfahrungen versucht sie, eine tiefere Bedeutung und allgemeingültige Lebensregeln abzuleiten.

Dies alles ist so lebensnah und spannend geschildert und widerspricht stellenweise so sehr unseren Erwartungen, dass der Leser von Gefühlsumschwüngen zwischen Staunen, Rührung und Begeisterung ergriffen wird. Selbst wer einige Erfahrung im Umgang mit blinden Menschen hat, wird kaum glauben können, wie diese Ausnahmepersönlichkeit ihr Leben von klein auf meistert und Barrieren überwindet, vor denen Sehende kapitulieren.

Selbst Verletzungen sind für sie Ansporn, »die eigenen Grenzen zu verschieben und mehr Sicherheit zu gewinnen«.

»Ein Sturz ist nicht das Ende: aufstehen, den Schnee abschütteln und weiterlaufen« ist ihr zur Lebenshaltung geworden. So wirken denn auch die Schulungsratschläge am Ende eines jeden Kapitels weder theoretisch noch aufgesetzt, sondern wie selbstverständlich.

Das Buch ist ein Meilenstein auf dem langen Weg zur Inklusion: Denn die größte Barriere für dieses Ziel ist nicht das Geld, die personelle und materielle Ausstattung der Bildungseinrichtungen, sondern mangelndes Verständnis und Vertrauen in die Fähigkeiten der geistig und körperlich besonderen Menschen.

Die erfolgsgewohnte Autorin war aber doch erstaunt, als die Bundesministerin für Arbeit und Soziales, Andrea Nahles, sie Anfang 2014 anrief und fragte, ob sie sich als Behindertenbeauftragte der Bundesregierung betätigen würde. In dieses Amt ist sie am 16. Januar 2014 eingeführt worden. Bentele wird einiges in Bewegung bringen.

Verena Bentele: Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser. Die eigenen Grenzen verschieben und Sicherheit gewinnen, geb., 220 S., EUR 18,99, Verlag Kailash, München 2014

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