Vorreiter der Kultur

Von Maria-Sibylla Hesse, Juli 2020

Mit den gegenwärtigen Anforderungen, sich an neue klimatische Lebensumstände anzupassen, wird wieder die Steinzeit interessant: Welche Strategien verfolgten Neandertaler und Homo sapiens vor der Sesshaftwerdung, um mit widrigen Bedingungen zurechtzukommen? Zu welcher kulturellen Blüte trieben sie die Herausforderungen der Eiszeit? Besonders bekannt sind Höhlenmalereien, kleine Artefakte etwa von der Schwäbischen Alb und der Faustkeil.

Wenzel M. Götte, Oberstufenlehrer und Dozent am Waldorflehrerseminar in Stuttgart, beschäftigt sich schon lange mit der Frühgeschichte. Detailliert beschreibt er die kleinen Tierskulpturen, etwa das »Pferdchen vom Vogelherd«, das 32.000 Jahre alt sein könnte, oder Venusfiguren, Wandmalereien und Werkzeuge. Die Themen sind äußerst vielseitig: Mit naturwissenschaftlichen Methoden bestimmt man zum Beispiel Alter oder Herkunft eines Objekts, mit stilistischen die Zugehörigkeit zu einer Kultur, mit ethnografischen und experimentellen seine Funktion.

Anhand der Entdeckungsgeschichten zeigt Götte auf, wie Wissenschaft sich von Irrtum über Korrektur zu neuerem Stand hangelt, der vielleicht in einigen Jahren erneut verworfen werden wird. Denn das Bild verändern beständig neue Funde und Erkenntnisse, deren verstreute Dokumentation man aufspüren muss. Götte nimmt uns in seinem jüngsten Werk einen großen Teil dieser Arbeit ab und stellt Methoden wie Ergebnisse auch für Laien gut verständlich dar. Er beschreibt den Paradigmenwechsel beim Blick auf die Neandertaler, die heutzutage nicht nur als robust, sondern als handwerklich geschickt, fürsorglich gegenüber Verletzten und möglicherweise sogar bereits zu abstrahierendem Denken fähig gesehen werden.

Götte nähert sich dem Paläolithiker fragend und ergänzt die auf materielle Fakten gestützte Sicht durch eine nicht-materialistische. Er sucht nach symbolischen und spirituellen Aspekten besonders in der Eiszeitkunst. Auch die reiche Bebilderung erleichtert den Zugang zu unserer weit zurückliegenden Vergangenheit. Der Historiker zieht Kunstwerke des 20. Jahrhunderts vergleichend heran.

Für Laien sowie für die Vorbereitung auf den Geschichtsunterricht der fünften und zehnten Klasse sei dieses vielseitige Fachbuch empfohlen, das sich auch kapitelweise lesen oder dank des Registers als Nachschlagewerk nutzen lässt. Überdies löst es den Anspruch ein, Interesse für diese weit entfernt scheinende Zeit zu wecken, nicht ohne einen gewissen Lokalstolz auf die südwestdeutsche Position an der Spitze der Entwicklung – vor Daimler und Waldorf.

Hinweis: Das Buch von Wenzel M. Götte, bis 2012 Dozent an der Freien Hochschule Stuttgart – Seminar für Waldorfpädagogik, wurde gerade für den Wissen!-Sachbuchpreis 2021 nominiert: www.wbg-wissen-preis.de

Wenzel M. Götte: Eiszeitkultur. Auf den Spuren menschlicher Entwicklung zwischen Schwäbischer Alb und Altamira, Chauvet und Lascaux, 440 S., geb., EUR 44,–, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2019

Folgen