Haltung – unfaked

Von Henning Kullak-Ublick, Oktober 2018

Vor einigen Wochen besuchte ich den Regisseur unserer Waldorf100-Filme in Kalifornien und erlebte die tiefe Scham vieler Amerikaner über ihren Präsidenten.

Immer wieder wurde ich darauf hingewiesen, dass ihn in absoluten Zahlen weniger als ein Viertel der Amerikaner gewählt hätten, dass er drei Millionen Stimmen weniger als Hillary Clinton bekommen habe und seinen Sieg nur dem System der »Wahlmänner« verdanke. Ich gestehe, dass ich seit diesem Wahlkampf fast täglich auf die Apps amerikanischer »Mainstream«-Medien zugreife, weil ich einfach nicht fassen kann, was der angeblich mächtigste Mann der Welt an jedem einzelnen Tag sagt, twittert und anrichtet.

Nur hat die Scham meiner Freunde – mich beschämt. Haben nicht auch wir Europäer längst ein Verhältnis zur Wahrheit entwickelt, das Fake-News als einen selbstverständlichen Bestandteil des öffentlichen Lebens hinnimmt und keinen prinzipiellen Unterschied mehr macht zwischen verifizierbaren Tatsachen und unbelegten Behauptungen, sondern sie als zwar verschiedene, aber gleich gültige Möglichkeiten der Wahrheit behandelt? Das einen brandgefährlichen politischen Aberglauben hervorbringt, der inzwischen Wahlkampfstrategien und die politische Willensbildung vor sich hertreibt? Das auch diejenigen von uns, die sich für aufgeklärt halten, gegenüber dem Leid der Flüchtlinge gleichgültig werden lässt, weil wir nicht mehr ertragen, dass unser im Weltmaßstab geradezu absurder Wohlstand zu den Ursachen fast aller globalen Probleme unserer Zeit gehört?

Wie wollen und können wir unsere Kinder darauf vorbereiten, inmitten all dieses Geschreis ihren eigenen Kompass zu finden?

1777 schrieb Gotthold Ephraim Lessing: »Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen. Denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine immer wachsende Vollkommenheit bestehet. Der Besitz macht ruhig, träge, stolz.«

Was brauchen unsere Kinder, um ihrer Fähigkeit zur Wahrheitsfindung zuerst vertrauen zu lernen und sie dann ein Leben lang zu vertiefen? Die Antwort ist so einfach wie schwierig zu verwirklichen: Sie brauchen in unseren Taten Geborgenheit, in unseren Gefühlen die Liebe zur Welt und in unseren Gedanken die Spuren selbsterrungener Erkenntnisse. Rudolf Steiner sprach in Anknüpfung an Goethe von den unbewussten Voraussetzungen, die jedes Kind im Laufe seines Heranwachsens in aufeinander aufbauenden Phasen durchläuft: »Die Welt ist gut, die Welt ist schön, die Welt ist wahr!«

Der scheinbare Widerspruch dieser einfachen Worte zu dem medialen Meinungs-Feuerwerk macht sie vielleicht erst richtig verständlich: Wir Erwachsenen sind die Umgebung und die Vorbilder, an denen sich unsere Kinder orientieren, ob uns das passt oder nicht. Nicht unsere fertigen Gedanken, sondern unsere Haltung nehmen sie ins Leben mit. Die aber können wir nicht faken – und damit ist sie das einzige Instrument, mit dem wir die Welt verändern – können.

Henning Kullak-Ublick, von 1984 – 2010 Klassenlehrer an der FWS Flensburg; Vorstand im Bund der Freien Waldorfschulen, den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners, der Internationalen Konferenz der Waldorfpädagogischen Bewegung – Haager Kreis sowie Koordinator von Waldorf100 und Autor des Buches »Jedes Kind ein Könner. Fragen und Antworten an die Waldorfpädagogik«.

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