Mut »unliked«

Von Henning Kullak-Ublick, September 2015

Am 30. Juni 2015 haben Deutschlands Vierzehnjährige durchschnittlich 201 Minuten am Tag fernge­sehen, knapp dreieinhalb Stunden. Die Fünfzigjährigen liegen mit 291 Minuten, also knapp fünf Stunden im Jahresdurchschnitt 2014, noch darüber. Und ja, die Jugendlichen verbringen noch mehr Zeit vor anderen Bildschirmen. Aber hier geht’s nicht ums Fernsehen. Es geht um Mut.

Warum, zeigt ein Blick auf Ihr heutiges Fernsehprogramm: Neben Gewalt und Comedy werden »scripted reality«-Serien, Gefühlskitsch, Talk-Shows mit »authentischen« Menschen und Schick­salen und dazwischen Bilder von den schönsten Stränden der Schönen und Reichen, Dschungelcamps und einige bierernste Reportagen geboten, die tapfer enthüllen, was andere verschweigen.

Vielleicht erinnern Sie sich noch an das Büchlein »Der Papalagi«, das der zivilisierten Welt des 20. Jahrhunderts die Beobachtungen des fiktiven Südseehäuptlings Tuiavii entgegenhielt. Damals ging es um Schuhe, Ampeln und Geld. Was würde Papalagi heute sehen? Menschen, die sich fortwährend »liken« und noch fortwährender »geliked« werden wollen? Menschen, die nicht mehr an die Wahrheit glauben, sondern an die meisten »Likes«, um sie dann ihrerseits zu »liken«? Menschen, die von einer gigantischen Unterhaltungsindustrie mit Ersatzgefühlen gefüttert werden und »Action« mit ihrem eigenen Wollen verwechseln? Die sich ständig online empören, solidarisieren oder sonstwie »fühlen«, nur um im nächsten Augenblick zum nächsten Event zu springen? Die das Pubertieren zum Lebensstil gemacht haben?

Wollen wir das für unsere Kinder? Oder wollen wir, dass sie erwachsen werden? Zum Erwachsenwerden gehört Mut – Mut, selbst zu denken, zu irren und aus Irrtümern zu lernen. Erwachsenwerden bedeutet, sich für Ideen zu begeistern und diese dann auch umzusetzen. Erwachsenwerden bedeutet, sich der Angst des Scheiterns zu stellen, den eigenen Standpunkt zu halten, auch wenn es einsam um ihn wird – und ihn zu verlassen, wenn er sinnlos wird. Erwachsenwerden bedeutet, Verantwortung für die eigenen Gefühle, Gedanken und Handlungen zu übernehmen.

Dies alles gehört zum Kern einer Erziehung, die Menschen zur Mündigkeit verhelfen will. Erwachsenwerden kann nur, wer als Kind gründlich lernt, Wahrnehmungsorgane für die Welt, für alle Mitgeschöpfe auszubilden. Dazu müssen Kinder die Welt zuerst mit ihrem ganzen Körper be-greifen, ver-stehen, er-fahren und sich beim Lernen als Handelnde erleben. Diese Erfahrungen differenzieren sich, wenn die Kinder üben, mit ihren Herzen zu erkennen, nicht nur sich selbst, sondern andere und anderes zu fühlen. Man nennt das emotionale Intelligenz, und die braucht Bilder, Gemeinschaft, Vertrauen. Auf diesem Resonanzboden kann ein Denken erwachsen, das den Mut hat, sich den Weg zur Wahrheit selbst zu bahnen, kurz: individuell zu werden.

Dafür brauchen Kinder Menschen, die den Mut haben, erwachsen zu sein. Sie brauchen Schulen, die ihnen die Zeit und den Raum geben, ihr Wollen, Fühlen und Denken zu erkunden, damit sie sich später darauf verlassen können. Freiheit kann nur in Freiheit entstehen.

Henning Kullak-Ublick, von 1984 – 2010 Klassenlehrer an der FWS Flensburg; Vorstand im Bund der Freien Waldorfschulen, den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners und der Internationalen Konferenz der Waldorfpädagogischen Bewegung – Haager Kreis.

Kommentare

Theresia , 04.09.15 15:09

Interessant, lieber Herr Kullak-Ublick, da schreiben Sie über
"Menschen, die sich fortwährend »liken« und noch fortwährender »geliked« werden wollen? Menschen, die nicht mehr an die Wahrheit glauben, sondern an die meisten »Likes«, um sie dann ihrerseits zu »liken«? "
und gleich daneben erscheint auf dem Bildschirm :5.200 "gefällt mir" für die Erziehungskunst und der Aufruf: "Sei der/die Erste deiner Freunde, dem/der das gefällt."
Zeitgerecht oder mutig("den eigenen Standpunkt zu halten, auch wenn es einsam um ihn wird – und ihn zu verlassen, wenn er sinnlos wird")?
Theorie und Praxis? Wie ist das zu verstehen?
Mich haben pädagogische Themen schon immer dann ganz besonders angesprochen, wenn die Aussage sich im eigenen Handeln widerspiegelt.

Henning Kullak-Ublick, Hamburg, 05.09.15 12:09

Tja, das stimmt. Allerdings habe ich ja nicht geschrieben, dass das "Liken" prinzipiell von Übel ist. Es ging in dem Beitrag um einen gesellschaftlichen Trend, von dem die exzessive Likerei ein Symptom ist - und darum, welche Kräfte und Fähigkeiten wir brauchen, um mit dieser Entwicklung klar zu kommen. In einer Zeit, in der es kaum noch etwas gibt, was nicht mehr oder weniger in Echtzeit öffentlich beurteilt, geliked oder "disliked" wird, gehört dazu vor allem Mut, und den müssen wir Älteren den Jungen vorleben.
Schön, dass Sie den Widerspruch bemerkt haben - ich war schon gespannt, wann´s losgeht ... :-)

Zamir Bar-Lev, Göppingen, 09.09.15 16:09

Für mich ist das überhaupt kein Widerspruch (Verweis auf den letzten Post)! Wenn man sich ein wenig Zeit nimmt, dem kleinen englischen Wort/Verb, "to like" auf den Zahn zu fühlen stellt man zunächst erstaunt fest: to like ist nur auf den ersten Blick "das mag ich/gefällt mir/find ich gut"! Wenn ich aber sage " I am like this" - oder "I like this because it is like me"... da wird klar - es geht auch um das Gefühl der Gemeinsamkeit des sich "gleich" fühlens. Im modernen Sinne eines im gleichen "Flow" mitzuschwingen ist der "Akt" in FB einen Post zu "liken" auch in diesem Zusammenhang zu sehen. Natürlich schwingt immer die Gefahr mit, dass das zu häufige "liken" (sehe ich gleich wie Du - oder evtl. auch es geht mir gleich...) eine Abstumpfung verursacht - am Ende ist mir alles gleich "lieb" gleich gut - oder eben auch gleichgültig. Ich werde ohne es zu merken, indifferent und stumpfe ab! Noch dramatischer kann es werden, wenn Menschen einen Post gedankenverloren "liken" ohne den wirklichen Inhalt/Botschaft wirklich verstanden zu haben...im schlimmsten Fall, kann es eine Karriere zerstören, oder man muss bei der Einreise in die USA unangenehme Fragen beantworten... Was mir in dem kurzen Bericht von HKU fehlt ist der konkrete Hinweis, wie wichtig es ist, dass Klassenlehrer vom ersten Tag an die Tatsache berücksichtigen und konkret mit den Kindern über Smartphones bzw Social Media sprechen und Empfehlungen aussprechen bzw deutlich auf Gefahren hinweisen. Medienkompetenz fängt in dieser web 3.0-Generation fast schon im Kindergarten an! Hier sind auch Schulen in der Pflicht Elternseminare anzubieten, damit junge Eltern - Ideen und Modelle dargestellt bekommen, wie man Medien sinnvoll und kreativ im Alltag umsetzen sollte.
Freue mich, wenn sich noch andere Standpunkte hier einfinden! Shalom von Zamir

Henning Kullak-Ublick, 10.09.15 13:09

... zur Medienmündigkeit s. unser "Struwwelpeter 2.0": http://www.waldorfschule.de/fileadmin/downloads/blickpunkte_reader/Medienbroschuere_Struwwelpeter_2.0.pdf

Felicity Autrehomme, 17.09.15 18:09

Ich stimme dem zu, was Du über das Erwachsenwerden schreibst - nur ist es so unglaublich schwer, erwachsen zu werden - ich glaube, es geht nicht nur mir so, dass ich kein Vertrauen in mich selbst habe; und das ist ja auch nicht verwunderlich, wenn uns in der Schule (leider auch in so mancher Waldorfschule) entgegengebracht wird :" Du bist nicht so gut, wie du sein solltest, guck mal, XY kann das viel besser"; wenn uns zum Beispiel noch die Mitschüler beschimpfen, uns Dinge wie "Ich hab deine Elfe totgemacht" hinterherrufen, behaupten, beleidigende, unwahre Gerüchte über uns in die Welt setzen und unsere Mäppchen etc. aus dem Fenster schmeißen, weil wir keine Benchjacken und Pumaschuhe, sondern Secondhandklamotten tragen und uns mehr für das Present Perfect Progressive oder den verknorzten Baum da draußen interessieren als für Justin Bieber , und das jahrelang; und wenn dann auch nur ein Elternteil von uns enttäuscht ist , weil es uns gern anders hätte - wenn wir uns also immer nur als unzulänglich, verkehrt erleben, ist es dann nicht verständlich, dass wir nichts mehr von uns selbst wissen wollen und uns, um irgendwie weiterleben zu können, an die Oberfläche flüchten für ein Fuzerl künstliche Anerkennung? Denn Anerkennung braucht der Mensch, wenn nicht von sich selbst, dann von anderen Menschen, und sei die Anerkennung noch so virtuell...
Das ist es : Um erwachsen zu werden, müssen wir unabhängig von der Anerkennung Anderer werden, also lernen, sie uns selbst zu geben, dadurch, dass wir in unsere Fähigkeit zur Entwickung vertrauen lernen. Uns dabei zu helfen wäre dann die Aufgabe der Erzieher - und zwar nicht mit ständigen Wertungen und Ungeduldsäußerungen ("Hast du's bald? Der kann das so schnell, so müsste es bei dir doch auch funktionieren!") sondern dadurch, dass die Erzieher selbst Vertrauen in die Entwicklung des Kindes (und in ihre eigene Entwicklung) haben - was meint Ihr dazu?

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