Ich und Nicht-Ich. Suchtverhalten verstehen, vorbeugen und behandeln

Von Michaela Glöckler, Februar 2016

Sucht und Abhängigkeit sind Zeichen einer Suche – einer Sehnsucht nach Identität, nach »sich selbst echt erleben«, nach »gut drauf sein«. Sucht-Prävention hat daher zum Ziel: die Stärkung der Persönlichkeit, die Unterstützung einer gesunden Identitätsentwicklung.

Foto: © carlitos/photocase.de

Drogenkonsum – ist das heute nicht bereits »normal«? 

Mehr als 140 neue Substanzen sind in den letzten Jahren auf den illegalen Drogenmarkt gelangt. Substanzmissbrauch ist derzeit eines der gravierendsten Gesundheitsprobleme, die mit Risiken für Leib und Leben einhergehen. Doch es gibt auch die scheinbar ganz normalen Süchte: nach Süßem, nach Essen, nach Sex, nach Spiel und Sensation. Sucht und Drogen gehören heute wie selbstverständlich in unsere Lebenswelt. Emanzipation und Isolierung lassen den Einzelnen schon früh erleben, dass das Leben nicht einfach ist – so will man wenigstens immer wieder mal »gut drauf sein«, das Leben genießen und der Langeweile entfliehen. Der Drogenkonsum erscheint dann als willkommene Flucht aus einem von Konflikten und Unverständnis geprägten häuslichen Milieu, vor Sorgen und Problemen in der Schule oder am Arbeitsplatz.

Da laut WHO-Bericht von 2015 Orientierungslosigkeit, Zweifel, Hass, Angst und Sorgen weltweit zunehmen und auch vor Jugendlichen und Kindern nicht Halt machen, ist es verständlich, dass etwa jeder Dritte bis Fünfte weltweit Alkohol konsumiert und jeder Zehnte bis Fünfzehnte gefährdet ist, unter entsprechendem psychosozialen Druck auch nach anderen Drogen zu greifen. Ebenso ist es verständlich, dass immer mehr Stimmen nach einer Legalisierung der Drogen rufen und den Umgang damit in die Verantwortung des Einzelnen legen wollen. Denn wie will man wirksam verbieten, was immer mehr Menschen als normal ansehen, weil sie es »brauchen« und weil es ja »viele andere« auch tun?

Autonomie und Abhängigkeit

Bernd Rosslenbroich hat in seiner Studie zur Entwicklung von Mensch und Tier erstmals schlüssig mit naturwissenschaftlicher Methodik dargelegt, dass die gesamte Evolution der Arten vom Autonomieprinzip geprägt ist. Das heißt, jeder Schritt in der Höherentwicklung von Tier und Mensch stellt zugleich einen Zugewinn in der Befähigung zur Autonomie dar. Dies kulminiert in der menschlichen Weiterentwicklung zur selbstbestimmten »freien« Persönlichkeit. Der Mensch ist körperlich, seelisch und geistig am anpassungsfähigsten und freiesten: im Umgang mit Wärme und Kälte, der Wahl von Nahrungsmitteln und Essenszeiten, mit Schlaf- und Arbeitsmenge, in der Work-Life-Balance, in der Wahl seiner Partner und Freunde, Berufstätigkeit, Religionszugehörigkeit, Weltanschauung, wie viele Sprachen er sprechen will, welche Hobbys er sich wählt, wie er liebt und ob er Kinder haben will oder nicht.

Die Befähigung zur Selbstbestimmung und Autonomie hat jedoch zwangsläufig auch die schmerzhafte Schattenseite, die darin besteht, dieses Autonomie-Potenzial nicht ergreifen zu wollen oder (nicht mehr) zu können. Dann haben wir es mit Suchtverhalten und Abhängigkeit zu tun – den größten Herausforderungen für die Pädagogik des 21. Jahrhunderts! Wie kann dem suchtbedingten Autonomie-Defizit vorgebeugt werden? Wie kann die Entwicklung einer autonomen Identität gefördert werden? Schon früh – in der Regel ab dem dritten Lebensjahr – entdeckt das Kind den Gedanken des eigenen Ich und sagt von da ab »ich« zu sich. Schon hier ist es entscheidend für den weiteren Verlauf, dass dieses Erlebnis mit einer positiven Identitätserfahrung einhergeht. Etwa im 9. Lebensjahr tritt eine weitere Dimension der Selbsterfahrung hinzu: das Gefühl dafür, was es bedeutet, »ich« zu sein: Kinder dieses Alters haben häufig Adoptionsphantasien, fragen nach ihrer Herkunft, erleben, was es heißt, nicht verstanden zu sein – auch von den liebsten Menschen nicht. Das selbstverständliche familiäre Zusammengehörigkeitsgefühl bekommt einen Riss. Die damit verbundene Einsamkeit kann so schmerzlich sein, dass eine Jugenddepression von hier ihren Ausgang nehmen kann, so wie Alkohol- und Drogensucht bis zu diesem Alter hinunter reichen. Mit 16 Jahren tritt dann ein drittes Identitätserlebnis hinzu: zu dem stehen zu wollen, was man verantworten kann und will. Fragen wie: »Was will ich eigentlich? Was kann ich verantworten? Wozu kann ich ja sagen?«, beginnen real zu werden.

Diese drei Schritte innerseelischer Autonomie-Erfahrung brauchen eine gute, verständnisvolle Begleitung, um gesund stattfinden zu können. Geschieht dies nicht, sind Identitätsdefizite und Unsicherheiten die Folge. Gelingt dies, ist der junge Erwachsene innerlich stark genug und vorbereitet, die schwierigste Herausforderung zu meistern: die freiwillige Selbst-Bestimmung. Diese kann sich entwickeln und ist vom Leben geradezu gefordert, wenn wir in Krisen geraten und plötzlich nicht mehr ein noch aus wissen. Dann brennt die Frage: Was trägt und zählt im Leben, wenn nichts mehr trägt? Gibt es eine Möglichkeit, mich in mir selber zu halten, auch wenn ich »in der Luft hänge«, »am Schwimmen bin«, »den Boden unter den Füßen verliere« oder ganz und gar an mir oder der Welt (ver-)zweifle?

In solch einer Situation tragen uns nur »ewige Werte«: Zielvorgaben für die eigene Entwicklung, die ganz aus uns selber und unserem persönlichsten Gewissensentscheid stammen – aus einer selbstgefundenen Verbindung mit Gott, mit unserem höheren Selbst – man nennt dies in der spirituell-religiösen Tradition das Geheimnis der »zweiten Geburt«: nicht aus dem Leib der Mutter, sondern aus dem eigenen geistigen Ringen um Selbsterkenntnis.

Rudolf Steiner formuliert es in seiner »Philosophie der Freiheit« so: »Frei ist der Mensch, der in jedem Augenblicke seines Lebens sich selbst zu folgen in der Lage ist.« Dieses Sich-selber-Folgen ist aber zugleich auch der Inbegriff von Autonomie.

So gesehen muss die heutige Sucht- und Abhängigkeitsproblematik mit einer gewissen Notwendigkeit auftreten als Symptom dafür, dass die Droge und das Identitätserleben in der Gruppe Gleichgesinnter an Stelle der reifenden

Ich-Kompetenz treten. Wenn es nicht gelingt, die Stufen der gesunden Identitätsbildung und Autonomie-Entwicklung zu durchlaufen, kommt es zu einer Art »Ersatzidentität«.

Vorbeugung und Therapie

»An Stelle des Ich« heißt das lesenswerte Buch des holländischen Drogentherapeuten und Psychologen Ron Dunselman, in dem er die körperlichen, seelischen und geistigen Wirkungen der Drogen beschreibt. Tatsächlich tritt die jeweilige Droge an Stelle des Ich, indem sie dessen Aktivität ersetzt und bestimmte Erlebnisse und Erfahrungen vermittelt, ohne dass man die dafür nötige innere Entwicklungsarbeit selbst hätte leisten müssen.

Wie viel leichter ist es doch, ein Schlafmittel oder eine Beruhigungspille zu nehmen, als beispielsweise beten zu lernen oder einen meditativen Weg zu beschreiten, durch den man selber die innere Ruhe findet. Wie einfach ist es, Tabletten zu nehmen, die einen abschirmen oder euphorisieren, anstatt notwendige Übungen zur Selbsterziehung und inneren Stabilisierung vorzunehmen, um die Lebensumstände nicht nur besser auszuhalten, sondern auch zu meistern. Andererseits ist es auch immer wieder erstaunlich und erschütternd zu sehen, welchem Leid manche Menschen ausgesetzt sind, die dennoch nicht darauf kommen würden, sich durch Psychopharmaka und Drogen abzuschirmen oder nach Alkohol zu greifen.

Sucht- und Drogenprävention setzen konsequent bei der Stärkung der Persönlichkeit an, dem Willen zur Selbst­schulung und zur Selbstentwicklung. Durch Förderung des Selbstvertrauens, des Respekts und der sozialen Kompetenz will sie Kinder und Jugendliche widerstandsfähig gegenüber dem Risikofaktor Droge machen.

Beziehungskultur und die drei Wege des Lernens

Drogenabhängige Kinder, Jugendliche und Erwachsene sind oft empfindsamer als andere. Sie sind den Härten des alltäglichen Lebens nicht gewachsen. Sie weichen Problemen entweder aus oder versuchen sie gewaltsam zu lösen – es fällt ihnen schwer, sich Tag für Tag mit ihnen auseinanderzusetzen, bis sie wirklich verarbeitet sind. Dementsprechend ist auch eine Sucht-Therapie nur mit großer Anstrengung der Betroffenen und einer stützenden Umgebung Erfolg versprechend. Denn das wirksamste Heilmittel für die Suchtgefährdung ist eine »gute« menschliche Beziehung. Was aber ist das?

In Seminaren und Aussprachen nach Vorträgen ist mir immer wieder die Antwort begegnet: die Beziehung muss ehrlich, liebevoll und freilassend sein. Oder aber: Wenn man sich echt für einander interessiert und die Autonomie des anderen respektiert. Oder es wird gesagt: vertrauensvoll und bedingungslos. Man versucht, eine Art menschliches Werte-Ideal zu beschreiben, weil man spürt, wie destruktiv Interesselosigkeit, Misstrauen und Zwang jeder Art für die Beziehungsgestaltung sind. Für die Suchtprävention kommt jedoch noch ein Weiteres hinzu: der radikale Verzicht auf Drogen – insbesondere auf den gesellschaftlich akzeptierten

Alkohol als mächtigste Einstiegsdroge. Denn wer bei anderen etwas fordert, was er selber nicht leisten kann, wird nicht viel bewirken und helfen können. Wer für Heranwachsende verantwortlich ist – als Kinder- und Jugendarzt, als Lehrer und Erzieher – ja, ich wage es kaum zu schreiben: als Eltern und nahe Angehörige – der muss Vorbild sein. Denn es gibt – so sah es schon Konfuzius – drei Wege des Lernens: durch Nachahmung, das ist der einfachste – durch Einsicht, das ist der schwierigste und der durch eigene Erfahrung, das ist der bitterste. Entschließen wir uns dazu, Vorbild zu sein in der Drogenabstinenz, helfen wir Kindern und Jugendlichen beim Verarbeiten ihrer Erfahrungen, damit sie selber einsehen lernen, was gut für sie ist und was nicht!

Kinder und Jugendliche reagieren mit lebenslanger Dankbarkeit auf Menschen, die für sie in ihren kritischen Entwicklungsjahren Vorbild waren – und einfach durch ihr »Sosein« Orientierung geben und Zuversicht ausstrahlen konnten.

Zur Autorin: Dr. med. Michaela Glöckler war Kinderärztin am Gemeinschaftskrankenhaus in Herdecke und an der Universitäts-Kinderklinik in Bochum, schulärztlich tätig in der Rudolf-Steiner-Schule in Witten und leitet seit 1988 die Medizinische Sektion am Goetheanum.

Literatur: R. Dunselman: An Stelle des Ich. Rauschdrogen und ihre Wirkung, Stuttgart 2004; M. Glöckler: Elternsprechstunde. Erziehung aus Verantwortung, Stuttgart 2008 (Neuausgabe, Juni 2016); H. Kuntz: Verstehen, was uns süchtig macht. Hilfe zur Selbstheilung, Weinheim und Basel 2015; B. Rosslenbroich: On the Origin of Autonomy. A New Look at the Major Transitions in Evolution. Heidelberg, New York 2014; WHO: Mental Health Atlas 2014, 2015; H.U. Wittchen et al.: The size and burden of mental disorders and other disorders of the brain in Europe 2010, European Neuropsychopharmacology 2011; 21:655-679; R. Steiner: Die Philosophie der Freiheit, 9. Kap., GA 4, Dornach 1995; R. Steiner: Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?, GA 10, Dornach 1993

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