Überall fremd

Von Mathias Maurer, Juni 2018

Das Buch »Papa, was ist ein Fremder?« von Tahar Ben Jelloun gehört an Frankreichs Schulen zur Pflichtlektüre.

Obwohl die Veröffentlichung schon zwanzig Jahre zurückliegt, die »Flüchtlingswelle« noch bevorstand und der Nationalpopulismus und Identitätskrieg, der derzeit in Europa tobt, sich in dieser Schärfe noch nicht abzeichnete, ist das »Kinderbuch«, das hoffentlich auch Eltern lesen, hoch aktuell. Im Gespräch geht Jelloun in kindgerechter Weise auf die Fragen seiner zehnjährigen Tochter Mérièm zu Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Diskriminierung ein, die ihr nach der Teilnahme an einer Demonstration gegen eine Verschärfung der Einreise- und Aufenthaltsgesetze kamen. Jelloun ist überzeugt, dass der Einsatz für die Würde, Wertschätzung und Achtung des anderen mit der Erziehung beginnt. Im Laufe dieses Gesprächs, dessen Verschriftlichung aufgrund der Mitarbeit von Mérièms Freundinnen mehrfach vom Autor umgearbeitet wurde, wird deutlich, dass die Entstehung von Misstrauen, Argwohn und Vorurteilen gegenüber dem Fremden nicht nur eine Frage der Perspektive ist – jeder ist dem anderen aus seiner Sicht fremd –, sondern auch der Beziehungsfähigkeit: Bin ich mir selbst fremd, brauche ich den Fremden, um meine eigene Identität zu stabilisieren. Fremdenhass ist eine Selbstaussage.

Unsichere Identitäten werden von Politik und Religion um des Machterhalts willen gerne instrumentalisiert. Nach dem Sündenbockprinzip wirft man den »Ausländern« all das vor, worin man selbst versagt hat: Sie würden unsere »Leitkultur« untergraben, uns die Arbeit und die Frauen wegnehmen.

Fremdenfeindlichkeit ist wieder gesellschaftsfähig geworden. Es gibt nur ein Mittel gegen diese »Krankheit«: Dass die Erwachsenen, Eltern und Lehrer mutig »der Angst aus Unwissenheit und Dummheit«, dem »schlechten Willen« entgegentreten, so dass die Heranwachsenden lernen, die Würde und Achtung des Fremden zu verteidigen. Nicht selten ist die Ursache für Fremdenhass die Erfahrung, als Kind in der eigenen Würde verletzt worden zu sein, die nach Erich Fromm zu einem autoritären Charakter führt. Eltern und Lehrer tragen als Vorbild Verantwortung – nicht nur im Klassenzimmer, sondern auch in der Straßenbahn und auf der Straße. Denn jeder ist, wie Jelloun schreibt, fast überall auf der Welt fremd.

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