Verschiedenheit ist selbstverständlich. Wie die Interkulturelle Waldorfschule mit unterschiedlichen Identitäten umgeht

Juni 2018

Im Gespräch mit Nermin Frank, Schülermutter und Hortnerin an der Interkulturellen Waldorfschule in Mannheim, Bernd Göttel, Psychologe und Schülervater, Katinka Kenzeddine, Schülermutter und Eckard Andermann, Öffentlichkeitsarbeiter der Schule über den Umgang mit religiösen und kulturellen Unterschieden.

Erziehungskunst | Frau Frank, was brachte Sie zur Interkulturellen Waldorfschule?

Nermin Frank | Ich arbeite als Hortnerin hier an der Schule, bin Mitglied im Schulvorstand und habe die Ausbildung zur Waldorferzieherin gemacht. Unsere Familie lebt in zweiter Generation in Deutschland, ich bin Türkin und Muslima. Ich bin mit einem Deutschen – er ist Katholik – verheiratet. Das wollten meine Eltern nicht, deshalb bin ich damals durchgebrannt. Wir üben beide unsere Religion aus, sind dabei aber nicht dogmatisch.

Als unsere Kinder in das Kindergartenalter kamen, empfahl uns eine Freundin den Waldorfkindergarten. Wir haben dann den Kindergarten in der Zielstraße mit aufgebaut. So kam uns Waldorf und Anthroposophie immer näher. Ich bin regelrecht aufgeblüht.

EK | Wie passen Waldorfpädagogik und die muslimische Religion zusammen?

NF | Ich wurde zwar religiös erzogen, aber wir waren nie dogmatisch. Grundlage war eine allgemeine Menschlichkeit. Es hängt immer von Menschen ab, wie sie ihre Weltanschauung vertreten: dogmatisch oder freilassend, liberal oder ausgrenzend. Das Zwischenmenschliche ist entscheidend. Hätte ich das bei den Kindergärtnerinnen nicht erlebt, hätte ich meine Kinder nie dorthin gebracht. Entscheidend war die Liebe zu den Kindern, die ich dort spürte. Ja, dass sie das Göttliche in den Kindern sehen. Dieses Freilassende erlebte ich auch während meiner Waldorferzieherausbildung. Dort war nicht der christliche Hintergrund entscheidend, sondern dass man generell das Göttliche im Menschen anerkennt.

EK | Herr Göttel, was hat Sie dazu veranlasst, Ihre Kinder auf die Interkulturelle Waldorfschule in Mannheim zu schicken?

Bernd Göttel | Erstens haben wir die Waldorfschule gewählt, weil wir unsere Kinder nicht dem üblichen schulischen Erwartungsdruck aussetzen wollten, wie er an staatlichen Schulen herrscht. Zweitens ist uns das Interkulturelle wichtig, da es die Normalität darstellt. In Mannheim leben Menschen aus über 170 Herkunftsländern. Alles andere wäre uns als eine schulische Retorte erschienen. Für uns war wichtig, dass die Schule zum eigenen Lebensraum gehört. Und ich habe das Abbild davon in dieser Schule. Dieses Anliegen deckt sich auch mit dem der Schule und hat sich in den letzten acht Jahren voll erfüllt. Dazu gehört zum Beispiel die Begegnungssprache, die je nach Schülerschaft und deren Herkunft wechselt, dazu gehört auch der Kulturunterricht anstelle des Religionsunterrichts, so dass es für die Kinder vollkommen normal ist, etwas über Ostern, Ramadan und Pessach zu erfahren. Auch die Feste werden gemeinsam gefeiert.

EK | Frau Kenzeddine, wie sind Sie zu dieser Schule gekommen und was hat sie besonders angesprochen?

Katinka Kenzeddine | Ich habe im Internet von dieser Schule gelesen und dabei hat mich das Interkulturelle am meisten angesprochen. Die klassischen Waldorfschulen sind zwar christlich geprägt, der Islam passt aber auch ganz gut zu ihnen. Es gibt einen Gott, nur die Wege dorthin sind verschieden. Ich dachte, an dieser Schule kann man auch gut seinen Weg als Muslim gehen.

EK | Jetzt sind Ihre Kinder an dieser Schule. Was erleben Sie hier?

KK | Sie entspricht meiner Vorstellung. Es klappt wunderbar, von allen Seiten her. Wir sind alle Menschen, jeder ist individuell, aber wir sind alle tolerant, es passt zusammen. Wir haben hier keine Probleme. Es ist eine gegenseitige Bereicherung. Die Verschiedenheit ist selbstverständlich. Es gibt nicht mehr das: »Du bist anders, du siehst anders aus.« Auch unter den Kindern nicht. Man kommt aus verschiedenen Ländern, und das ist ganz normal für sie.

EK | Waldorfschulen berufen sich auf ihre christliche Grundlage …

NF | Es ist schwierig, wenn man das als Schule in den Vordergrund stellt, aber ebenso schwierig ist es, wenn die Eltern vor der Religion Angst haben. Von den anderen Religionen zu lernen, bedeutet immer einen Erkenntniszuwachs, auch für die Kinder. Wir leben so nebeneinander her, ohne zu wissen, warum man ein Kopftuch aufhat oder warum nicht, warum man fastet oder auch nicht. Wenn ich nicht einmal weiß, wie eine Synagoge von innen aussieht, dann werde ich meine Vorurteile niemals überwinden.

EK | Wie vermittelt die Schule Interkulturalität?

BG | Interkulturalität ist ja nicht nur Bildungssache, sondern auch Haltungssache. Ein Beispiel: Einer meiner Söhne hat versucht, mir einen Mitschüler zu beschreiben. »Ja, das ist der Große, der spielt gut Basketball.« Das augenfälligste Merkmal, dass es das einzige Kind in der Klasse mit afrikanischen Wurzeln ist, war für ihn kein Unterscheidungsmerkmal! Ich dachte mir: Aha, da ist eine Haltung entstanden, die wäre woanders wahrscheinlich nicht so. Da merke ich auch, dass das Erziehungs- oder Unterrichtshandeln doch so ausgerichtet sein muss, dass die individuellen Werte im Vordergrund stehen und nicht das Kategorisieren. Das ist eigentlich auch die Haltung, die ich erwarte.

EK | Jeden Tag nehmen die religiösen Konflikte zu. Warum klappt das friedliche Zusammenleben an dieser Schule, aber in der Welt nicht?

BG | Die Unterschiedlichkeit ist hier der Regelfall. Und es wird mit dem einzelnen Kind gearbeitet, unabhängig von irgendwelchen religiösen oder ökonomischen Hintergründen. An einer anderen Schule wird schon durch den Religionsunterricht eine erste Linie gezogen: Da sind die Evangelischen, da sind die Katholischen und so weiter. Damit kämen wir hier nicht zurecht. Was uns verbindet, ist die Individualität und das Eingehen auf die verschiedenen Herkünfte.

EK | Gab es schon einmal diffamierende Äußerungen zwischen den Kindern?

NF | Nein, das ist hier in der Schule noch nie vorgekommen. Religiöse Unterschiede bestehen natürlich, aber sie sind kein Streitthema. Wir hatten einmal ein Mädchen in der 8. Klasse, sie wurde etwas gemieden, weil sie Alevitin ist und nicht so fastet wie die anderen Mädchen; da gab es dann einige Diskussionen. Ich sagte: »Ich bin auch Moslem, aber so etwas steht nicht im Koran. Lass dir nichts einreden!« Mittlerweile sind sie wieder gut befreundet. So etwas muss man natürlich auflösen, aber im Lernen sind sie alle gleich. Diese Erfahrung sollen die Schüler auch nach außen tragen. Unsere Gesellschaft kann nur so überleben.

EK | Die interkulturelle Arbeit, die man hier leistet, ist also viel größer. Wie ist es mit Sportunterricht?

NF | Im Sportunterricht sind Mädchen und Jungen zusammen. Schwimmunterricht haben wir keinen. Im Landschulheim spielen alle miteinander und machen Quatsch, verschwinden in andere Zimmer; natürlich schlafen sie getrennt. Es ist wunderschön, diese Offenheit und Gleichheit zu erleben.

BG | Es ist deutlich, dass die kulturellen Gegensätze nicht aus den Jugendlichen selber kommen, sondern von außen. Da muss man höllisch aufpassen, dass die kein Übergewicht bekommen.

Eckhard Andermann | Es wird ja hier nicht auf jedes Detail eingegangen, denn das würde uns nur trennen. Zum Beispiel: Die einen essen das nicht, die anderen jenes – alles gut und schön zu wissen. Aber bei dem einzelnen Kind ist es erst einmal uninteressant. Wir sagen: Du kommst vielleicht aus einer anderen Welt, aber wir sind doch hier alle gemeinsam. Es geht nicht darum, Unterschiede auszublenden, aber es geht um die Haltung: Ich nehme dich jetzt an, du bist dabei, du bist drin. Es gibt keine Einsortierung nach einer Weltanschauung, sondern der Mensch steht im Vordergrund.

EK | Könnte man sagen, die Kinder, die diese Erfahrung hier an der Schule machen, erziehen ihre Eltern?

NF | Die Kinder zwingen ihre Eltern, in die Elternabende zu kommen, und dadurch werden auch sie offener. Wir sind wie eine große Familie. Es sind wirklich nur Einzelne, die da herausfallen, die nicht kommen. Wenn ein türkisches Mädchen sagt, ich esse diese Gummibärchen nicht wegen der Gelatine, wird das respektiert. Es wird immer, wenn etwas gekauft wird, geguckt, ob es für alle passt. Es ist nichts Besonderes oder Außergewöhnliches, sondern es gehört dazu, anders zu sein.

EK | Albert Schmelzer schreibt in dem Buch »Bunte Schule« sinngemäß, dass es bei Integration immer eine Referenzgröße braucht. Man müsse wissen, in was man sich integrieren will. Man braucht also doch eine Art Leitkultur?

BG | Die Unterschiedlichkeit wird hier wahrgenommen und anerkannt. Doch wie finden wir zusammen? Jetzt ist Schule ja ein Ort, in dem sich Menschen entwickeln. Da ist leider auch der Begriff der »Leitkultur« aufgetaucht. Wir haben uns überlegt: Was könnte damit gemeint sein?

Es geht jetzt nicht um Oktoberfest und Schweinebraten, sondern darum: Wir haben in Europa allgemein und in Deutschland im Besonderen gesellschaftliche Errungenschaften, die ich nicht infrage gestellt wissen will. Dazu gehören die Freiheitsrechte, Religionsfreiheit, die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Auf diesen Feldern eines zivilisierten Zusammenlebens auf Augenhöhe müssen wir natürlich integrativ wirken, das heißt, Entwicklung anstoßen.

Wenn wir interkulturell sind, heißt das ja nicht, dass wir mit den gleichen Unterschieden aus der Schule herausgehen, mit denen wir zehn Jahre vorher hineingegangen sind, sondern dass wir uns hier aufeinander einlassen und darauf verständigen: Wie können wir dem jungen Menschen etwas mitgeben, dass er auch mit dem Verständnis, das wir hier entwickelt haben, nach der Schule segensreich wirken kann? Wir betonen nicht die Unterschiede, wir respektieren die Unterschiede! Wir betonen das Individuelle und das sich daraus entwickelnde Gemeinschaftliche, wie es in der Klasse entsteht. Da wachsen Gemeinschaften, die Unterschiede zulassen, aber auch auf einem Fundament basieren. Da ist der Punkt erreicht, wo ich sage: Wenn jemand hier herausgeht, dann erkennt er auch an, dass wir hier miteinander in einem Land leben und dass das Land gut gedeiht, wenn wir diese Rechte und die Freiheiten, die wir haben, achten und auch verteidigen.

NF | Integration klingt immer so brutal, als ob alle Migranten, die hierher kommen, auf Bäumen leben, die anderen mit Bananen bewerfen, und wir müssen sie jetzt herunterholen, sie anziehen, ins Klassenzimmer setzen und ihnen beibringen, mit Löffel und Gabel zu essen. Das tut mir echt weh. Ich frage mich, was wollt ihr eigentlich von uns, ihr Deutschen? Integration heißt natürlich, die Gesetze eines Landes oder einer Kultur zu respektieren. Wenn ich eingeladen werde, trinke ich das, was mir angeboten wird. Wenn ich als Schule zum Beispiel das Christentum nicht vorlebe, wenn ich keinen Respekt vor dem anderen habe und meinen Nächsten nicht so liebe, wie mich selbst, kann ich nicht schreiben, wir sind eine christliche Schule. Dann kann ich das Interkulturelle weglassen. Und wenn ich das als Gesellschaft nicht vorlebe, jemanden willkommen zu heißen, dann kann der sich nicht wohlfühlen und sich nach fünfzig Jahren immer noch nicht wohlfühlen. Wenn eine dritte oder vierte Generation sagt, »meine Heimat ist die Türkei« oder »ich bin Albaner«, dann stimmt mit unserer Gesellschaft etwas nicht; das heißt, wir haben sie nicht wirklich willkommen geheißen.

EK | Es gibt ja erhebliche kulturelle Unterschiede bei der Kindererziehung oder in Bezug auf das Frauenbild. Wenn es zu Übergriffen kommt, mischen sie sich ein?

EA | Ja. Wenn alle Maßnahmen versagen bis zur Suspendierung. Die Schule bildet ja nur einen Teil der Lebensrealität von Schülerinnen und Schülern.

NF | Wenn es sein muss, schalten wir auch das Jugendamt ein.

EK | Amerika gilt als ein klassisches Einwanderungsland. Man sprach vom »melting pot«. Huntington beschreibt in »The Clash of Civilizations« das Gegenteil: Ghettoisierung, die Ethnien grenzen sich gegeneinander ab, keine Durchmischung. Einerseits eine Kultur des Willkommens, andererseits Segregation.

NF | Die erste Generation, die kam, war eigentlich sehr glücklich. Sie konnte zwar die Sprache nicht so gut, aber die Nachbarn, die Deutschen haben sie aufgenommen. Sie haben gut gearbeitet, haben mit Händen und Füßen geredet, haben miteinander gesprochen, sie sind sich begegnet. Das wurde immer weniger. Die türkischen oder italienischen Familien wurden größer, sie sind untereinander geblieben. Und die Deutschen? Arbeit, Arbeit, Arbeit, man hat sich nur verabredet und Termine gemacht. Jetzt machen das Türken auch! Jetzt arbeiten auch die Frauen. Es hat sich vieles verändert. Und was in Deutschland auch auffällig ist: Der Jugend fehlt die deutsche Identität, sie wissen nicht einmal, was deutsch ist. Das vermisse ich als Deutsch-Türkin.

EK | Was denken sie über die zunehmende Ausländerfeindlichkeit?

KK | Es ist eine beängstigende und traurige Entwicklung. Die Menschen scheinen Angst zu haben, Deutschland käme zu kurz, Deutschland würde unterwandert werden von anderen Kulturen. Wir leben in einer globalisierten Welt. Wenn Deutschland nur aus Deutschen bestehen würde, würde ich auswandern. Der Innenminister sagt ja: Als Moslem gehörst du nicht dazu, sorry!

BG | Ich finde es beschämend. Ich möchte mich auch nicht im Ausland dafür rechtfertigen, welche Parolen hier inzwischen TV-fähig sind. Aber im Kleinen hoffe ich, dass unsere Kinder solchen Bauernfängern gegenüber sehr kritisch eingestellt sind. Und dadurch, dass sie hier erleben, wie normal Unterschiedlichkeit sein kann, hoffe ich zumindest, dass sie gegen solche nationalistischen Sachen gefeit sind. Ich glaube schon, dass alle Waldorfschulen im Prinzip offen sind für das Interkulturelle, nur pflegen sie es nicht ausdrücklich.

EK | Welche Elternschaft ist hier vertreten?

KK | Eher liberal. Derjenige, der nicht tolerant ist, bekommt hier ein Problem.

NF | Wir haben natürlich auch Eltern, die sind sehr impulsiv. Wir haben alle unterschiedliche Meinungen, aber wir halten zusammen, denn es geht um unsere Kinder. Das vermittelt ja auch der Lehrer oder die Lehrerin an Elternabenden, bereits von der ersten Klasse an, und man weiß: Man ist hier in den Klassen beheimatet. Man weiß: Meinem Kind geht es hier gut, es kommt jeden Tag glücklich nach Hause, es steht morgens auf und geht freiwillig in die Schule. Das Beste, was Eltern passieren kann. Die Eltern tragen sich gegenseitig, und das spürt man auch an den Schülern …

EK | Die Integrationsbeauftragte Aydan Özoguz sagte: »Eine spezifisch deutsche Kultur ist jenseits der Sprache nicht identifizierbar.«

KK | Was ist denn eine deutsche Kultur in der Zeit der Globalisierung? Ich habe viel von anderen Kulturen angenommen. Ich könnte auch problemlos auswandern und in einem arabischen Land leben; das würde für mich keine großartige Umstellung bedeuten.

Deshalb: Was heißt deutsche Leit­kultur? Man passt sich doch mehr oder weniger automatisch an. Die Sprache ist natürlich schon wichtig.

BG | Die allerwenigsten Menschen, die nach Deutschland migriert sind, sind ja hergekommen, weil es am Rhein so schön ist. Es waren ökonomische oder politische Gründe. Es hat sich keiner das Land nach der Kultur ausgesucht, sondern: Hier kann ich Geld verdienen oder hier bin ich sicher vor Verfolgung oder Krieg. Und wer hier ist, anerkennt erst mal die Gesetze, die in diesem Land gelten. Gesetzwidriges Verhalten ist zu sanktionieren.

Die Fragen stellte Mathias Maurer.

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