Vom Wiegen wird die Sau nicht fett

Von Henning Kullak-Ublick, Oktober 2009

Eltern erteilen zum Schuljahresbeginn der herrschenden Bildungspolitik eine Absage

Deutschland 2009: 54 Prozent aller Eltern würden ihre Kinder auf eine »Privat«-Schule schicken, wenn sie es sich leisten könnten, bei den Hauptschuleltern sind es sogar 60 Prozent. 80 Prozent der Eltern wünschen sich deutliche Veränderungen im deutschen Bildungswesen. Mit diesen Umfrageergebnissen des Forsa-Instituts haben die Eltern dem Staat als Schulmeister zu Beginn des neuen Schuljahrs eine schallende Ohrfeige verpasst.

Mehr als zweihundert Jahre, nachdem die Schule zur »staatlichen Veranstaltung« erklärt wurde, reklamieren Politik und Bürokratie noch immer für sich, die Inhalte und Formen unserer Schulen festzulegen – und dies, obwohl spätestens seit der PISA-Studie offensichtlich ist, dass der Staat es nicht kann – zumindest nicht allein: Wie sonst wäre zu erklären, dass regelmäßig ausgerechnet diejenigen Länder, in denen die Wahlfreiheit der Eltern zwischen staatlichen und freien Schulen garantiert wird, die Spitzenplätze belegen, während das völlig überregulierte deutsche Schulwesen von allen Seiten schlechte Noten bekommt – nicht zuletzt dafür, dass seine schulartspezifischen Monokulturen den Bildungserfolg der Kinder immer noch entsprechend ihrer sozialen Herkunft verteilen?

Lernen ist viel mehr als die Aufnahme von Wissen. Deshalb setzt Bildung immer den sich entwickelnden Menschen voraus. Bildung ist auf jeder Stufe des Lernens ein Prozess, der sich in der Begegnung von realen Menschen vollzieht. Kinder und Jugendliche müssen nach und nach einen Resonanzboden aus vielfältigen Erfahrungen und Begegnungen bilden, damit sie ein unabhängiges und belastbares Urteilsvermögen entwickeln können.

Ein zur Wahrnehmung fähiges Gefühlsleben ist die Basis für eigenständiges Denken und für ein Handeln, das frei gewonnener Erkenntnis folgt und nicht bloßem Egoismus oder andressierten Verhaltensmustern.

Statt jährlich Milliarden in die Verwaltung von sechzehn (!) Kultusbürokratien und deren Beharrungsvermögen zu stecken, sollten wir dieses Geld zum einen in die Schulen, zum anderen in die Befähigung von Lehrerinnen und Lehrern investieren, um ihre pädagogische Phantasie, ihr Weltinteresse, ihre Verantwortungsfähigkeit und nicht zuletzt ihre Menschenkenntnis zu stärken. Wir brauchen Lehrerinnen und Lehrer als Künstler und nicht als Vollstrecker von Bildungsplänen!

Ein Blick auf die globalen Veränderungen in den letzten zwanzig Jahren macht deutlich, dass unsere Kinder zur Bewältigung ihrer Lebensaufgaben Fähigkeiten brauchen werden, von denen wir heute bestenfalls etwas ahnen. Wir brauchen daher keine neuen Standards, sondern die Förderung der freien Initiative vor Ort: Schule muss ein Ort zur Erforschung der ungehobenen Schätze eines jeden Einzelnen werden. Die freie Wahl der Schule durch die Eltern – ohne gesetzlich verordnete Zwangsschulgelder –, wie sie die Forsa-Studie nahe legt, ist ein erster, aber längst überfälliger Schritt in diese Richtung.

Henning Kullak-Ublick, Vorstand im Bund der Freien Waldorfschulen und bei den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners, seit 1984 Klassenlehrer in Flensburg, Aktion mündige Schule.

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