Der Kongress tanzt. Zwölftes iberoamerikanisches Waldorftreffen in Cali

Von Thomas Wildgruber, September 2015

Sie kamen aus ganz Südamerika. Waldorf wächst auf diesem Kontinent mit über 250 Schulen und zahllosen Initiativen. Doch es mangelt an ausgebildeten Lehrern. Daher kamen so viele in das kolumbianische Cali. Sie trafen sich sieben Tage und Nächte, sie debattierten, sie sangen und tanzten und suchten so ihr Verständnis von Waldorfpädagogik.

Es war der 12. Lehrerkongress seit 1981 und zugleich der zweite für Schuleltern. Eine Gruppe von vier »amasadores« (Amasar heißt den Teig kneten) hat seit dem letzten Kongress 2013 in Brasilien das Ereignis drei Jahre lang vorbereitet. Geplant hatten sie für 350 Menschen. 100 mehr kamen. Spontaneität und Improvisation machten es möglich, dass alle einen Schlafplatz bekamen und das beste Essen, das Kolumbien bieten kann.

Am stärksten waren vertreten Brasilien, Peru und Argentinien, Länder mit zum Teil schon recht alten Waldorfschulen. Zahlenmäßig überwogen die Teilnehmer des Gastlandes. Doch kamen auch Vertreter aus Guatemala, aus der Dominikanischen Republik und selbst aus Venezuela, wo es noch keine Schule gibt.

Inhaltlich gingen die Schulen diesen Weg nach Cali drei Jahre lang mit der Beschäftigung am 10. Vortrag der Allgemeinen Menschenkunde, der von den drei Sphären der menschlichen Gestalt und Psyche handelt, von Kopf, Rumpf und Gliedmaßen. Fünf Schulen berichteten von ihrer Beschäftigung damit. Aber wie? Kein Kollegium tat das mit langen Worten! Nein, sie sangen, tanzten und zeichneten ihr Verständnis mit Rhythmus, Musik und Gesang und brachten Gedankenformen in bewegte Tanzformen. »So verdauen wir den Text«, sagten sie. Und jedes Mal nahmen sie die vierhundert anderen mit, und alle tanzten und sangen. Die Motive dieser Darstellungen kamen zumeist aus den lokalen Kulturen der Länder, die sich in vielen Waldorfschulen Lateinamerikas mit dem täglichen Unterrichten verbinden.

15 Vertiefungsgruppen reflektierten danach, aufgeteilt nach verschiedenen Unterrichtsbereichen, die Beiträge dieser fünf Schulen. Es war nicht leicht, aus Musik und Tanz in die Gedankenbildung Rudolf Steiners zurückzufinden.

Eine Lehrergruppe der Waldorfschule in Cali wob ein künstlerisch-geistiges Band durch die Tage: Morgens und abends führte sie wiederholt die ganze Grundsteinmeditation eurythmisch auf. Florian Osswald von der Pädagogischen Sektion am Goetheanum spannte einen gedanklichen Faden durch die turbulenten Tage und Nächte. Ausgehend von den Wahrnehmungen der zwölf Sinne schilderte er einen »Inneren Weg« des Erziehers und Lehrers. Die Ereignisse des Kongresses immer neu aufnehmend entwickelte er Bilder des Pendels der Aufmerksamkeit: Wie man sich wahrnehmend öffnet und konfrontiert mit der Welt und den Mitmenschen, wie man in sich selber zurückpendelt, wo es auch leer und dunkel sein kann. Und was erhellt diese Pole, was hält sie zusammen? - Das Ich des Menschen, das wie ein lichter Samen Drinnen und Draußen, Vergangenheit und Zukunft verbindet.

Die Zuhörer konnten praktische Übungen für ihren Erzieheralltag mitnehmen. In 26 Arbeitsgruppen aufgeteilt, arbeiteten sich Lehrer und Eltern jeden Tag in praktische Fragen der Unterrichtsdidaktik ein: von Geometrie über die Künste, Handarbeit, bis hin zu Kommunikation und Konfliktbewältigung. Ein wenig Handwerkszeug für die kommenden Jahre.

2018 werden sich alle wieder treffen, in Peru, dem Zentrum der alten andinen Kulturen. Bis dahin wird in den Schulen Lateinamerikas der elfte Vortrag thematisiert. Florian Osswald gab ihnen dieses Motiv mit auf den Weg: »Wir müssen die Menschenkunde verlebendigen für unsere Zeit!« Und zentral: Waldorfschulen brauchen Lehrer, ausgebildete Lehrer! Das ist Entwicklungsarbeit, die langsam Formen annimmt mit einem geplanten kontinentalen Ausbildertreffen im kommenden Jahr. Bettina Vielmetter aus Peru brachte die Kongresse in dieses Bild: »Die Tagungen sind wie ein Feuer, das Licht und Schwung für die Aufgaben der nächsten drei Jahre gibt.«

In Cali zeigten die Lehrer diese lateinamerikanische Qualität, in der Wärme menschlicher Begegnungen und im Drang sich künstlerisch auszudrücken.

Zum Autor: Thomas Wildgruber war von 1979 bis 2011 Klassenlehrer und Kunstlehrer für die Klassen 1 bis 8, veröffentlichte das Handbuch »Malen und Zeichnen 1. bis 8. Schuljahr«, nun auch in englischer, chinesischer und spanischer Sprache, und gibt weltweit Fortbildungen in Methodik und Kunstdidaktik.

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