Ein Krankenhaus wird zur Waldorfschule. Das Markgräflerland-Projekt in Portugal

Von Pedro Miguel u.a., Dezember 2020

Es war etwas ganz Besonderes für unsere »Olivenbaum-Schule« in Figueira an der Algarve: Nach reiflicher Überlegung und Planung beschlossen wir, unsere Schule von den Klassen 1 bis 6 auf die Klassen 1 bis 8 zu erweitern.

Dafür mieteten wir ein altes, ungenutztes Krankenhaus und bauten es um. Ein Bauunternehmer führte die ersten Arbeiten durch, Wände wurden eingerissen, das Gebäude erhielt eine neue Form.Und nun hatten wir die große Freude, Schüler der Markgräfler Waldorfschule in Mühlheim bei uns begrüßen zu dürfen, die sich angeboten hatte, während ihrer Zwölftklassfahrt uns mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Die Wände waren alt und grau und ließen nicht viel Licht durch. Wir baten die Schüler, das komplette Gebäude nach ihrem eigenen Gefühl zu streichen. Es war sehr interessant, zu sehen, wie ernst diese jungen Männer und Frauen die Verantwortung übernahmen. Am Anfang fragten sie uns, ob wir ihnen zutrauten, zu entscheiden, wie das neue Schulgebäude aussehen sollte, und wir sagten ihnen, dass wir ihren Fähigkeiten voll vertrauen.

Von diesem Moment an funkelten ihre Augen, und ihre Hände waren voller Motivation und Tatkraft auf die Arbeit konzentriert. Sie arbeiteten jeden Tag von 8 Uhr morgens bis 15 Uhr nachmittags und versuchten dabei immer sicherzustellen, dass sie die bestmögliche Arbeit leisteten. Manche Wände mussten vor dem Streichen repariert werden – sie wollten ein perfektes Ergebnis. Auf die Nachfrage ihres Lehrers Helmut Gruber, ob sie tatsächlich Zeit für diese zusätzliche Arbeit hätten, antworteten sie, dass sie bei Bedarf bis Mitternacht arbeiten würden – eine sehr inspirierende Erfahrung für uns alle.

Die Schüler arbeiteten als großes Team, organisierten und koordinierten sich in kleineren Gruppen, sangen Lieder, tanzten, lachten ..., sie zeigten eine unglaubliche Verbindung miteinander und waren immer bereit, die Lehrer unserer Schule miteinzubeziehen.

Auf Augenhöhe miteinander haben sie die ganze Schule gestrichen und sogar Zeit und Energie gefunden, die neuen Holzböden zu verlegen!

All diese Arbeit hatte eine große Wirkung auf unsere Schule, da sie das Gebäude völlig veränderte. Mehr noch: Über die physische Veränderung hinaus konnten die jungen Leute das alte Krankenhausgebäude in eine ganz neue Stimmung tauchen, die uns nun die Möglichkeit gibt, in einer Umgebung zu unterrichten, die künstlerisch aussieht und sich warm und schön anfühlt! Wir danken unseren Kollegen und Schülern aus dem Markgräflerland!

Lehrer- und Schülerstimmen

»Rudolf Steiner entwickelte ein besonderes Farbkonzept, das für jede Klasse ein eigenes Farbschema vorsieht. Während Rottöne ermunternd wirken, hat Blau eine beruhigende Wirkung auf die Kinder. So lasierten wir die 6. Klasse grün, die 7. blau und die 8. violett. Auch für die anderen Räumlichkeiten (Aufenthaltsraum, Flur, Küche, Labor, Lehrerzimmer und Bibliothek) fanden wir gemeinsam mit dem Schulleiter passende Farben. ... Dank vieler Spenden war es uns möglich, alle benötigten Farben, Werkzeuge sowie das Laminat für die Fußböden zu bezahlen und der Schule die größtmögliche Unterstützung zu bieten. Durch die freiwillige Mithilfe von 27 Schülern und drei Lehrkräften konnte das Projekt in kürzester Zeit erfolgreich beendet werden.« (Aus dem Brief an die Spender)

»Die Arbeit an dem neuen Schulgebäude hat auf vielseitige Weise gutgetan; körperlich tätig zu sein, jeden Tag Fortschritte auf der Baustelle zu bemerken, sowie Gruppenprozesse in unserer Klasse zu beobachten. Ganz besonders schön war jedoch das Wissen, Kindern in Zukunft weitere Möglichkeiten zu bieten und dieser kleinen, wunderbaren Waldorfschule beim Wachstum zu helfen. In den Arbeitspausen gab es inspirierende Begegnungen mit den Menschen vor Ort, die bis heute in mir nachklingen. Die in einem Chorworkshop erlernten Lieder beispielsweise, sorgen noch immer für Ohrwürmer und Fernweh.« (Luise, Schülerin)

»Unsere Klassenfahrt nach Portugal war alles andere als gewöhnlich, denn in ihrem Zentrum standen nicht etwa Badeurlaub und Städtebesichtigungen, sondern harte Arbeit. Nachdem wir in Deutschland durch diverse Aktionen ein ausreichendes Budget für die Arbeitsmaterialien zusammengetrieben hatten, renovierten wir in Portugal zwei Gebäude der Waldorfschule in Figueira bzw. Vila do Bispo: Wir kratzten alten Putz von Wänden und Decken, strichen und lasierten hunderte Quadratmeter Wand in neuer Farbe und verlegten Holzböden in den zukünftigen Klassenzimmern. Bereits am ersten Tag fiel uns jedoch auf, dass es auf der Baustelle niemanden gab, der uns Arbeit zuteilte. So kam es dazu, dass wir die Bauleitung kurzerhand selbst übernahmen. Nur so gelang es uns, in dieser Zeit auch wirklich effektiv zu arbeiten und die chaotische Baustelle in ein wunderschönes Schulgebäude zu verwandeln. (Yannick, Schüler)

»Wir sind alle stolz und erfüllt, dass wir dieses große Projekt geschafft haben und die Welt an einer kleinen Stelle ins Schöne verwandelt haben.« (Helmut Gruber, Klassenbetreuer)

»Unter der tatkräftigen Leitung eines der Schüler entstand ein Strom der Produktivität und guten Laune, Schwung, Humor und bei allem eine erstaunliche Effizienz!

Mehr als verdient war die der Arbeitswoche nachfolgende Erholung. Nach tagelang beherzt vollbrachten Taten ließen uns zwei unterschiedliche, sehr lohnende Sandstrände die Ur-Kraft der Elemente erfahren. Und nach mehrstündiger Busfahrt war es dann das schöne und interessante Lissabon, welches erkundet wurde ... So erfüllten sich auf dieser Reise Handwerkliches, Pädagogisches, Soziales und Bildung-Förderndes in eins mit Völkerverständigung und touristischer Horizonterweiterung aufs Erfreulichste.« (Matthias Thiemel, Fachlehrer Musik, Übungsleiter im Fach Ethik, Dozent am Waldorf Institut Witten Annen)

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