Einfach phänomenal

Von Ellen Schubert, April 2019

Zu Besuch im Museum für Phänomenologie in Wolfsburg.

Die Waldorfschüler der Klassen 4 bis 10 erlebten einen besonderen Tag im Phaeno, dem Museum für Phänomenologie in Wolfsburg. Im Hintergrund das von Zaha Hadid erbaute Museum.

Anjaly, Emily und Zoe im Wirbelsturm.

Ole und Gustav experimentieren im Labor mit Feder, Feuer und Glasröhre, wie sich die Feder über der Flamme bewegen lässt.

Eine interessante Frisur für Anjaly.

Ein Ozobot (Kleinstroboter) macht sich mit seiner Rennstrecke vertraut.

»Warum Physik immer nur im Klassenraum unterrichten?«, fragte sich der Lehrer für Naturwissenschaften der Freien Waldorfschule Werra-Meißner Andreas Thiel. »Wir fahren einfach mal ins Phaeno, ins Museum für Phänomenologie in Wolfsburg!« Hier gibt es für jede Altersstufe passende Angebote und es macht großen Spaß, etwas selbst auszuprobieren.

Architektur des Phaeno

Schon bei der Ankunft auf dem Museumsvorplatz kommen die Schüler der Klassen vier bis zehn aus dem Staunen nicht heraus über das weiße, raumschiffartige Gebäude, konstruiert von der irakischen Architektin Zaha Hadid. »Meine Gebäude sollen fließen und ihre Umgebung in Schwingung versetzen«, hat sie einmal in einem Interview gesagt. Spätestens wenn man aus dem Phaeno herauskommt, ist man wirklich ganz berauscht – aber nicht nur von den architektonischen, sondern auch von den farbgewaltigen und phänomenologischen Eindrücken und Erlebnissen im Museum.

Lichteffekte

Vom Eingangsbereich gleiten die Schüler auf einer Rolltreppe hinauf in den Ausstellungs- und Erlebnisbereich. An den schwungvoll gebogenen Sichtbetonwänden sind bunte Muster in Spektralfarben zu sehen, die sich ständig verstärken oder verblassen und sich zudem auch noch bewegen. Hervorgerufen werden diese Lichteffekte durch Sonnenstrahlen, die durch verschiedene Prismen in den Fensterscheiben des Museums in das Farbspektrum aufgespalten werden. Zum Glück scheint die Sonne bei blauem Himmel, da sonst das Spektrallicht wesentlich diffuser ausfiele.

Feuer und Flamme

In weißen Kitteln, mit zusammengebundenen Haaren und Schutzbrillen fühlen sich alle Schüler gleich wie kleine Forscher. Sehr engagiert und altersgerecht leiten die Russin Elena und die Australierin Amanda die Experimente an. Wie lange brennt eine Kerze in verschieden großen Gläsern? Wie reagiert die Kerzenflamme, wenn ein Essig-Zuckergemisch darüber gehalten wird? Wie kann man eine Feder über einem Glasrohr, unter dem eine Kerze brennt, schweben lassen, ohne dass sie verbrennt?

Mit großem Eifer experimentieren die Schüler und wundern sich, wie schnell eine Stunde vergangen ist.

Mechanik, Wirbelsturm, Silberkugel

Nun warten mechanische Spiele und Experimente: Beim Fahren eines Dreirads wird eine schwarzweiße Schwungscheibe angetrieben, wodurch auf der Scheibe je nach Geschwindigkeit verschiedene Muster entstehen. Eine riesige Kugelbahn mit mehreren Ausgängen und verschiedenen Geschwindigkeiten wird ausgiebig getestet. Im Glastubus steigt Nebel von unten auf wie bei einer Nebelmaschine. Recht schnell entsteht durch gezielte Luftzufuhr ein Wirbelsturm, ja ein kleiner Tornado. Weiter bei der Silberkugel können wilde Frisuren ausprobiert werden. Durch elektrostatische Aufladung werden die Haare der Schüler elektrisiert und stehen zu Berge. Das prickelt auf der Kopfhaut und sieht ziemlich verrückt aus.

Das Hexenhaus

Aus dem Hexenhaus hört man fröhliche Schreie. Von außen betrachtet ist alles harmlos: Ein Holzhaus, das hin- und her geschaukelt wird und sich um eine feststehende Bank dreht, auf der fünf Personen sitzen. »Obwohl ich das alles gesehen habe und weiß, dass mir nichts passiert, erlebe ich, im Haus sitzend, dass ich in den Raum zu fallen scheine oder andersherum gedreht, das Haus über mich hinwegstürzt. Augenschließen rettet mich und lässt das Karussell anhalten. Aber mit geöffneten Augen geht es sofort wieder los und ich kann mich nicht dagegen wehren, mich an der Bank festzukrallen, damit ich nicht falle!«, berichtet die Lehrerin.

Der verrückte Salon

Über einen sehr steilen Korridor betritt man den verrückten Salon und rutscht im Zimmer sofort nach unten gegen die Wand. Da gibt es kein Halten. Es zieht einen runter. Ab einer Fußbodenschräge von 45° ist das Geradeausgehen nicht mehr möglich. Eine spannende Erfahrung!

Roboterwerkstatt

In der Roboterwerkstatt warten die »Ozobots« auf die Siebtklässler. Diese kleinen Roboter können mit Hilfe von Filzstiften, Papier und bunten Punkten ganz einfach »programmiert« werden. Die Schüler malen einen Parcours mit Hindernissen auf und beim anschließenden Wettrennen zeigt sich, welcher »Ozobot« erfolgreich sein Ziel erreicht und welcher der schnellste ist. So macht das Programmieren Spaß.

Forschen in Zeitlupe

Die Achtklässler filmen in Zeitlupe einen fallenden Milchtropfen, einen mit Wasser gefüllten Ballon, der zum Platzen gebracht wird, und einen Wassertropfen auf einer heißen Kochplatte. Mit Hilfe der Zeitlupenaufnahmen werden diese für das menschliche Auge normalerweise zu schnell ablaufenden Prozesse für alle sichtbar; so sind kleinste Bewegungsabläufe sehr deutlich zu erkennen.

mBots programmieren

Per Laptop und Bluetooth programmieren und steuern die Schüler »mBots«, etwas größere Roboter als die »Ozobots«, an denen die Grundfunktionen der Programmierung erfahrbar werden. Alle »mBots« werden mit Nadeln und Luftballon ausgerüstet.

Die Teams versuchen, in einer abgegrenzten Arena gegenseitig die Luftballons zum Platzen zu bringen, indem sie ihre Bots per Pfeiltasten auf ihren Laptops durch die Arena steuern. Nach diesem aufregenden Start geht es ans eigentliche Programmieren. Mit Hilfe von Befehlbausteinen und »drag&drop« schreiben sie einen Code, der den eigenen »mBot« eine Choreographie selbstständig absolvieren lässt. Manche »mBots« führen dabei ein regelrechtes »Tänzchen« auf, was Publikum wie auch die Programmierer staunen und wundern lässt.

Tolles Erlebnis mit hohem Erkenntnisgewinn

Inmitten Akustik-, Mechanik- und Optikphänomenen und mehr als 350 Erlebnis- und Erfahrungsstationen verbringen die Waldorfschüler und -lehrer einen überaus anregenden Tag im Phaeno. Den Reiz der Phänomenologie bringt der Viertklässler Brendan exakt auf den Punkt: »Da gibt es Sachen, da möchte ich nicht hingehen, die machen mir Angst, aber ich finde sie auch sehr spannend!«. Und dann probiert man es neugierig genug eben doch aus.

Zur Autorin: Ellen Schubert ist seit Schulgründung Lehrerin für Handarbeit, Kunst und Evangelische Religion an der Freien Waldorfschule Werra-Meißner in Eschwege.

Als Schulleitungsmitglied und Leiterin des Öffentlichkeitsressorts engagiert sie sich in allen Bereichen der Öffentlichkeitsarbeit von Fotografie und Presse, kostümbildnerischen Theaterprojekten und der Eschweger Puppenbühne bis zur Organisation von Schulveranstaltungen. Zur Zeit bereitet sie für Waldorf 100 am 15.6.2019 vor der Alten Oper in Frankfurt am Main das Strick-Event »Stricken ganz GROSS« vor.

Folgen