Entwicklungshilfe, beiderseits. Deutsch-marokkanische Schülerbegegnungen

Von Isabella Geier, Luisa Lutz, Mai 2013

Das Marokko-Projekt der Freien Waldorfschule Augsburg – 2011 ausgezeichnet mit dem Zukunftspreis der Stadt Augsburg – stößt bundesweit auf Interesse. Die Initiatorin des Projekts, Isabella Geier, war im November 2012 in Bonn, wo sie auf Einladung des Auswärtigen Amtes auf einer Fachtagung über die Begegnung zwischen marokkanischen und deutschen Jugendlichen berichtete.

Nicht alle Frauen tragen Kopftuch. Foto: © Beowulf Tomek

Alles nahm seinen Anfang mit einem Workshop für die Oberstufe in Augsburg. Pfingsten 2008 machte die Freie Waldorfschule Augsburg eine Videokonferenz in französischer Sprache mit marokkanischen Schülern des Gymnasiums Al Farabi in Had Kourt.

Eine Schulpartnerschaft entstand mit wechselseitigen Besuchen zugunsten der gastgebenden Schule. Beim ersten Mal wurden auf dem Dach des Jungeninternats in Had Kourt unter der Leitung des Physikers Alfred Körblein zwei Solarabsorber gebaut, beim Gegenbesuch Bänke zum Schutz der Heizkörper in der Augsburger Cafeteria und eine Terrasse für handwerklichen Unterricht im Freien, schließlich an der marokkanischen Schule feste Holzbänke für zwei naturwissenschaftliche Räume. Die gemeinsame Arbeit machte uns rasch miteinander vertraut. Bewusst grenzen wir uns vom gängigen Entwicklungshilfe-Stereotyp ab, indem wir uns gegenseitig unterstützen und nicht nur wir Deutschen Hilfe leisten.

Neben der praktischen Arbeit spielt auch der interkulturelle Austausch eine wichtige Rolle. Über das Zusammenleben in den Familien hinaus erhalten die teilnehmenden Schüler in gemischten Gesprächsgruppen zu bestimmten Themen Einblicke in die andere Kultur und erfahren, dass die Kommunikation umso fruchtbarer ist, je größer die eigene Offenheit, das Interesse und die Kommunikationsbereitschaft sind. Wenn sie dabei erleben, dass es zwischen ihnen als Jugendliche mehr Verbindendes als Trennendes gibt, ist ein wichtiges Ziel erreicht.

Schließlich sprechen die Schüler von morgens bis nachts Französisch und erkennen, dass nicht nur Englisch internationale Kommunikation ermöglicht. Natürlich läuft nie alles reibungslos.

Jeder Besuch gibt Anlass zu Verbesserungen, die im rückblickenden gemeinsamen Gespräch erarbeitet werden. So wollen wir beim nächsten Besuch in Marokko ein Auto mieten, um die Mädchen nach dem Abendprogramm nach Hause fahren und dadurch allen eine Teilnahme bis zum Schluss ermöglichen zu können.

Normalerweise wird nämlich von den Mädchen erwartet, dass sie bei Dunkelheit zu Hause sind. Im Sommer ist es in Marokko sehr heiß, so dass wir uns nachts auf die Dachterrasse flüchteten. Diesmal, an Ostern 2012, regnete es öfters und es war alles wunderbar grün. Im Unterschied zu unserem vorherigen Besuch konnten wir auch den Schulbetrieb miterleben. Der Leiter der zuständigen Kultusbehörde und andere Offizielle kamen nach Had Kourt, um sich über unser Projekt zu informieren.

Inzwischen haben Kollegen und Schüler des Al Farabi mit dem von uns mitgebrachten Werkzeug zwei weitere Klassenräume mit Holzbänken bestückt, und übers Netz laufen die Vorbereitungen für den nächsten Besuch. Der intensive, für beide Seiten bereichernde Dialog und die gemeinsame Arbeit sind für uns die angemessene Antwort auf einseitige Medienberichte und undifferenzierte Urteile auf beiden Seiten.

Zur Autorin: Isabella Geier ist Lehrerin für Französisch und Geschichte an der Freien Waldorfschule Augsburg.


Zwei Weltreligionen im Gespräch

Der Alltag in Marokko ist stark vom islamischen Glauben beeinflusst. Anders als in Deutschland ist der Glaube dort ein stets präsentes Thema. Wie in allen Religionen gibt es auch im Islam die verschiedenen Arten von Gläubigen. Religiöse Eiferer und Fundamentalisten prägen allerdings das Bild, das die deutschen Medien vom Islam zeichnen. Doch wie wir in Marokko erleben konnten, entspricht das keineswegs der Realität. Die meisten Marokkaner leben ihren Glauben zwar wesentlich aktiver und öffentlicher aus, als man das aus Deutschland kennt, aber äußern sich kaum negativ über den christlichen Glauben. Die fünf täglichen Gebete sind so selbstverständlich in den Tagesablauf integriert wie das Essen oder Schlafen. Vor und nach jeder Mahlzeit werden die rituellen Worte zum Dank an Allah gesprochen und die Phrase »Inschallah« (»so Gott will«) wird regelmäßig in Gespräche eingestreut. Die meisten Frauen kleiden sich nach den islamischen Vorschriften und tragen in der Öffentlichkeit ein Kopftuch und lange Kleider. Das anfängliche Befremden wich mehr und mehr der Be- und Verwunderung über die Disziplin und Konsequenz, mit der die Menschen dort auch in den einfachsten Verhältnissen ihren Glauben leben.

Auffällig ist die Abwesenheit anderer Glaubensgemeinschaften und die daraus resultierende Einseitigkeit der religiösen Landschaft sowie der latente gesellschaftliche Druck, sich an die Regeln des Islams zu halten, der vor allem in einem kleinen Ort wie Had Kourt spürbar war. In den verschiedenen Gesprächen mit den marokkanischen Projektteilnehmern und Lehrern wurden leider die Unterschiede zwischen dem Christentum und dem Islam in den Vordergrund gestellt, obwohl sich beide Religionen in vielen Punkten ähneln. Die kulturellen Unterschiede sowie die Sprachbarriere machten es für alle Beteiligten nicht immer leicht, bei einem so komplexen Thema wie der Religion einen Dialog auf Augenhöhe zu führen, ohne bei einem der Gesprächspartner ins Fettnäpfchen zu treten. Zwar wirkten einige Erläuterungen zum Islam belehrend, aber das Bekenntnis, der Koran schreibe seinen Anhängern den Respekt vor allen anderen monotheistischen Religionen vor, relativierte diesen Eindruck.

Im Zusammenhang mit dem respektvollen Umgang der Religionen miteinander fiel uns, die wir durch die deutsche Geschichte geprägt sind, allerdings die eher verständnislose Haltung der Muslime gegenüber der jüdischen Religion auf. Bedingt durch den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern hat sich bei einigen arabischen Muslimen, die sich mit den Palästinensern solidarisieren, eine zum Teil starke Abneigung gegen Anhänger des jüdischen Glaubens ausgebreitet, die zwar nachvollziehbar, aber für uns keineswegs akzeptabel ist. Doch gegenüber dem Erlebnis einer wachsenden deutsch-marokkanischen Freundschaft traten solche unterschiedlichen religiösen Ansichten in den Hintergrund.

Luisa Lutz, 13. Klasse

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