Eugen Kolisko, der erste Waldorfschul-Arzt

Von Tomás Zdrazil, April 2019

Nach dem unerwarteten Weggang des Klassenlehrers Friedrich Oehlschlegel im Dezember 1919 bat die Schulleitung zuerst den Tübinger Theologen Hermann Heisler um Vertretung. Auch er hatte an dem Vorbereitungskurs im Sommer teilgenommen, wurde jedoch nicht sofort in das neue Lehrerkollegium berufen.

Heisler traute sich die Aufgabe nicht zu und lehnte ab. Molt schickte umgehend ein Telegramm an den erst 26-jährigen Eugen Kolisko: »Oehlschlegel nach Amerika für Waldorf-Hochschule. Bitte Vertretung sofort übernehmen. Zimmer besorgt.« Kolisko war seit 1917 Dozent für Medizinische Chemie an der Wiener Universität und ein hochbegabter, universell gebildeter und anthropo­­sophisch fundierter Wissenschaftler. Er war jemand, der für die geplante anthroposophische freie »Waldorf-Hochschule« in Frage kam. Ein entsprechendes Gebäude war auf allen Bauplänen des Schulgeländes immer vorgesehen. Kolisko, ein akademischer Mediziner, kein Pädagoge, musste nun plötzlich mit einer ziemlich wilden Klasse zurechtkommen. Er stieg mit Biologie ein, die ihm am nächsten lag, dann folgten Mathematik, Deutsch und Physik. Die ersten Monate waren für den jungen Arzt von zartem Körperbau eine Feuertaufe: »…die Volksschule stellt viel höhere Anforderungen an den Lehrer wie die Hochschule, so paradox das auch manchem klingen mag …«, stellte er ernüchternd fest. Durch seine durchdringende lebendige Bildung und seine Liebefähigkeit gewann er aber die Herzen seiner Schüler, die ihn – so ihre Beschreibungen – regelrecht bedrängten: »Man konnte nicht nahe genug sein, um das von seiner warmen Menschlichkeit durchströmte Wissen aufzunehmen.«

Der »Koli«, wie er genannt wurde, stand aber vor allem an der Spitze aller anthroposophischen Bemühungen, die zum freien Hochschulwesen und zur Erneuerung und Spiritualisierung der Wissenschaften führen sollten: Er gab Kurse, hielt Vorträge, forschte, publizierte und redigierte. Rudolf Steiner schätzte seine Forschungsleistungen wie auch die seiner Frau Lili, er lobte seine Vorträge – »… der redet bis ins Herz hinein wahr; und in dieser Wahrheit lebt er sich restlos aus …« –, lud ihn zu seinen entscheidenden Vortragskursen für Jungmediziner, Heilpädagogen oder Seelsorger ein und hatte ihn gerne auf seinen Vortragsreisen nach Holland und England dabei. Doch zur Gründung einer freien Hochschule in Stuttgart kam es damals nicht. Kolisko blieb trotzdem an der Stuttgarter Schule und arbeitete nach kurzer Klassenlehrertätigkeit universalistisch mit den höheren Klassen sowohl als Geschichts- und Englisch-, als auch als Chemie- und Biologielehrer. Erst ab 1921 konnte er die schulärztliche Tätigkeit an der Schule voll aufnehmen, nicht als Spezialist, sondern mit seinem neu erworbenen pädagogischen Wissen. Er verband in sich den medizinischen und den pädagogischen Zugang. Der Gesundheitszustand sehr vieler Schüler war nach dem Krieg besorgniserregend. Kolisko setzte sich vielseitig ein und organisierte mit anderen zusammen kostenlose regelmäßige Speisungen für unterernährte Schulkinder. Steiner adressierte vor allem an Kolisko seine medizinisch-pädagogischen menschenkundliche Ausführungen. Für Kolisko wie für seinen Kollegen und Freund Walter Johannes Stein fingen 1925 nach Rudolf Steiners Tod menschlich schwere Zeiten an; er litt unter Unverständnis und Konflikten, musste schließlich 1934 die Waldorfschule verlassen und verbrachte die letzten fünf Jahre seines Lebens in England.

Folgen