Macht die Schule gesund!

Von Sebastian von Verschuer, Mai 2014

Bei der diesjährigen Frühjahrstagung des Bundes der Freien Waldorfschulen vom 7. bis 10. Februar 2014 beschäftigten sich 120 Teilnehmer aus der ganzen Bundesrepublik in Hamburg mit Fragen der Gesundheit im weitesten Sinne. Neun Arbeitsgruppen setzten sich mit einem Themenspektrum von der Selbstverwaltung bis zur Salutogenese auseinander.

Waldorfpädagogik stärkt die Gesundheit – mit dieser Aussage Rudolf Steiners (7. Vortrag, GA 301) führte Marcus Schneider in die Tagung ein. Der Arzt Martin Straube schloss mit dem Vortrag »Was ist die ›Kunst‹ an der Erziehungskunst?« mit Erläuterungen zu den »Bremer Stadtmusikanten« an: Der Esel steht für den »physischen Leib«, der Hund für den »Ätherleib«, die Katze für den »Astralleib«, der Gockel für das »Ich«. Es war aufschlussreich, sich klarzumachen, wie zum Beispiel ein Hund sich immer freut, gleich in welchem Zustand sein Herrchen nach Hause kommt, auch läuft er unermüdlich immer wieder los, um das Stöckchen zu holen, ein Bild für die Treue und Ausdauer der Ätherorganisation, die jede Nacht den müden Körper wieder neu aufbaut. Dagegen ist die Katze ein Bild für die Astralität. Der Hahn sieht das Licht, ruft alle wach, koordiniert, kommandiert und sitzt obendrauf.

Straube regte an, das Verständnis der vier Wesensglieder zu vertiefen und besser zugänglich zu machen, indem man statt vom physischen Leib vom Prinzip der »Stabilität« spricht, für den Ätherleib den Begriff »Integrität«, für den Astralleib die Begriffe »Diversität« und »Dynamik« verwendet und vom Ich als der »Identität« spricht. Es ist hilfreich, diesen vier Qualitäten nachzugehen und auf den vier Ebenen eine Mitte zwischen jeweiligen Extremen zu suchen: Die Stabilität steht zwischen Zwang und Labilität, die Integrität zwischen Harmoniesucht und Aufmerksamkeitsmangel-Syndrom. Die Dynamik steht zwischen Hysterie und Gleichgültigkeit, die Identität zwischen Egozentrik und Opportunismus. Im Umgang mit diesen Extremen gibt es auf den vier Ebenen die entsprechenden Tätigkeiten: Wenn die physische Organisation zu schwach ist, muss man stützen. Wenn die Aufmerksamkeit mangelt, muss man schützen. Gegen die Gleichgültigkeit gilt es, zu konfrontieren. Dem Opportunismus begegnet man fordernd und fördernd. Im Hinblick auf die Qualität, die über den Einzelnen hinausgeht, prägte Martin Straube das Bonmot »unser wichtigster Kollege ist das Kollegium«. Die Zusammenarbeit im Kollegium ist ein wesentlicher erzieherischer Faktor an der Waldorfschule!

Hier konnte der Vortrag von Valentin Wember weitere Anregungen geben: Die Hauptaufgabe der Schulleitung sei es, die Mission der Waldorfpädagogik möglichst gut zu erfüllen und weiter zu entwickeln. Was sind deren besondere Merkmale? Ist es das Klassenlehrerprinzip, die Wertschätzung der Schülerleistungen ohne Noten, der Epochenunterricht, der Unterricht in Fremdsprachen ab der ersten Klasse? Sind es die künstlerischen Fächer, die Eurythmie, ist es der altersgemäße Lehrplan? All das ist wichtig. Noch wesentlicher aber sollte der Blick auf Wachstums- und Lernkräfte sein, das Bemühen, das Seelische so zu fördern, dass die Lebensfunktionen unterstützt und gestärkt werden.

All dies, um langfristig die Gesundheit der Schüler und Schülerinnen bis in die Zeit des Erwachsenseins hinein zu fördern. Indem die Menschheit vom Baum der Erkenntnis aß, hat sie den Baum des Lebens verloren. Nun soll der

Unterrichtsstoff heilend wirken – das kann nur gelingen, wenn wir die Schulen in einen größeren geistigen Zusammenhang stellen. Das könnte auch eine wesentliche Aufgabe der Schulführung sein!

Die erste Waldorfschule in Stuttgart war nicht kollegial verwaltet. Rudolf Steiner war eindeutig ihr Direktor, er vertrat sie nach außen und leitete sie nach innen, er stellte Lehrer ein oder entließ sie. Trotzdem sagte er in öffentlichen Vorträgen, diese Schule sei »nicht direktorial« geführt. 14 Tage intensiver Menschenkunde-Kurs ersetze das Rektorat! Steiner verstand sich als Vermittler dieser Menschenkunde. Auch heute noch sei, so Wember, die Menschenkunde das Herz für die Zusammenarbeit im Kollegium. Für die Lehrer der ersten Waldorfschule war es wahrscheinlich selbstverständlich, an der gemeinsamen Grundlage der Menschenkunde täglich, individuell und meditativ zu arbeiten. Auf dieser Grundlage konnten auch die kollegialen Entscheidungen viele Jahre gut funktionieren. Wember betonte, auch heute komme es nicht in erster Linie auf die Verwaltungsform an, sondern darauf, die Menschenkunde als zentrales Anliegen aller Beteiligten in den Mittelpunkt zu stellen. Eine große Erleichterung sei es aber auch, wenn das Vertrauen, die Verträglichkeit und das Übergeben und Übernehmen von Verantwortung in den kollegialen Entscheidungen so geübt werde, dass sie auf die ganze Schule ausstrahlen können.

Es ist das wesentliche Anliegen der Hamburger Frühjahrstagung, auf der Grundlage der Vorträge und Schriften Rudolf Steiners die Mitarbeiter an den Waldorfschulen und Kindergärten für die Arbeit an den Quellen der Waldorf­­-pädagogik zu erwärmen und zu begeistern.

Hinweis: Termin der nächsten Frühjahrstagung: 13.02.–16.02.2015 (Faschingswochenende)

Folgen