Papierkrone überm Schottenthron. »Macbeth« im Sprechwerk Hamburg

Von Christiane Gerber-Freund, September 2016

Das »Sprechwerk« ist ein bekanntes Off-Theater in Hamburg. Es bot dem jungen Team mit dem geheimnisvollen Namen [frX] den Rahmen für ein kühnes Projekt: Macbeth als Kammertheater für nur sechs Spieler.

Hinter [frX] verbergen sich »Ehemalige« der Rudolf Steiner Schule Hamburg-Wandsbek, jetzt Studentinnen und Studenten mit Theaterpassion und theaternahen Berufszielen, und die Regisseurin Mona Doosry, die als Deutsch- und Kunstgeschichtslehrerin und Regie-Naturgewalt seit fast 30 Jahren an der Schule tätig ist.

Der Verzicht gehört zum Programm: Etwa die Hälfte der Figuren und erhebliche Teile des Textes, Gefolge, Boten, Krieger, Plüsch, Gold und royales Gemöbel sind entbehrlich. Die schottische Krone ist aus Papier, der Thron ein Holzstuhl mit Schottenmuster-Schal.

Auch das übrige Bühnenbild ist spartanisch karg: drei senkrecht aufgehängte Metallgitter unterschiedlicher Größe, fragile, manchmal hell aufglänzende, gelegentlich schwankende Gebilde, an denen an Fleischerhaken einige Accessoires befestigt sind: Haare aus Baumarkt-Hanf für drei Hexen, ein Trenchcoat alias Königsmantel samt Fellkragen für König Duncan, ein roter Pullover und ein grünes Jackett als Erkennungszeichen für Macduff und Lenox. Immerhin gilt es, 14 Rollen zu spielen.

Gitter teilen den Raum in ein Vorn und ein Hinten, einen Handlungs- und einen meist dunklen Hintergrund-Raum, in dem alle sechs Spieler durchgehend anwesend sind. Einige Stühle von strenger Bauhaus-Ästhetik, im Hintergrund ein paar Musikinstrumente, das ist und bleibt es. Bei so viel Sparta, was bleibt von dem großen Königsdrama übrig? – Das Wesentliche. Das, was uns heute noch etwas angeht.

Die Machtgier, der Männlichkeits- und Größenwahn, das Gewissensdrama. Die modernen Kostüme, die versteckten, damaligen Metaphern lassen die Ereignisse erscheinen, als könnten sie erst vor kurzem oder heute geschehen sein.

Wenn kein Blut fließt und es doch zu sehen ist

Man sieht kein Blut, aber Lady Macbeth wischt verzweifelt und wie rasend am Boden und an ihren Händen herum – man glaubt es und gruselt sich.

Es gibt auch keine Waffen bis auf zwei kleine Dolche. Dennoch: Es wird mächtig gekämpft. Alexander Windt in der Rolle des Macbeth, Alexander Repenning als Macduff. Die Stühle dienen sowohl als Befestigungsmauern – gestisch brillant imaginiert – als auch als Waffen und am Schluss vereinen sie als magischer Kreis alle Akteure, auch die Toten, Macbeths und Lady Macbeths Stühle aber abgewendet vom Kreis. Ein starkes, eindrückliches Schlussbild, während die Beleuchtung die vergängliche papierene Krone auf dem Schottenstuhl fokussiert.

Der Sprachstrom der Blankverse – in der Übertragung von Dorothea Tieck – fließt, keine stotternde Prosa ist zu hören, ein natürlich atmendes Pathos entsteht, begleitet von Akzenten und Pausen, von Abbrüchen, in denen das Herz fast stehenbleibt oder wie rasend klopft, die Stimme fast versagt, dünn wird vor Anspannung, zittert vor so viel schwarzen Gedanken – auf und vor der Bühne. Und der schauspielerische Einsatz, das ist es, was die Inszenierung trägt, unterstützt von der Regisseurin, die offensichtlich mit Leichtigkeit Idee auf Idee aus dem Hut gezaubert hat: Cello- und Gitarrenspiel, Tanz, eine exzellente Dramaturgie, hohe sprachliche Kultur, Gesang, Percussion. Man kann kaum glauben, was doch so ist: Es gab nur acht gemeinsame Probentage. Alles andere haben die Einzelnen geleistet.

Die Hexenszene am Anfang beginnt mit einem akustischen Ereignis, einem Klangteppich aus Gekicher, Zaubersprüchen, Tierrufen, Stöhnen, Gesang und ein paar Tönen von Instrumenten, sofort ist man entführt in eine magische Welt … Dieser Zauber wiederholt sich an anderer Stelle und ist dann noch irrsinniger, verruchter, verführerischer … Auch gibt es einen Tanz Macbeths auf einigen Stühlen, er tanzt die Hybris, die Machttrunkenheit und den beginnenden Wahnsinn, seine Lady – gespielt von Lila-Zoë Krauß, die auch für Bühne und Kostüme zeichnet – mit Gitarre und Gesang, der Tanz bricht ab, ein Straucheln, ein Fast-Stürzen …

Und was jede Tragödie braucht, den Gegenpol, Humor, das Komische: in der Pförtnerszene mit Janek Maudrich, der auch sein Cello phantasievoll traktiert, dann die Mörder, kaugummikauende Lederjackentypen, die ergrimmten Fürsten und Königssöhne – alles aus der Inszenierungsidee heraus gespielt, alles aus einem Guss, von Isabell Krabbe, Marie Simons und Alexander Repenning.

Passionierte, besessene junge Künstler mit beachtlichem Können, die auf Augenhöhe mit einer inspirierten Regisseurin gearbeitet haben und modernes, minimalistisches Theater spielten, in der Hamburger Öffentlichkeit, vor ausverkauftem Haus. ‹›

Zur Autorin: Christiane Gerber-Freund ist Eurythmiebegleiterin und Geigenlehrerin an der Hamburg-Wandsbeker Rudolf Steiner Schule und Gründerin des Odile-Verlages. Kontakt: m.doosry(at)t-online.de

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