Steinhauen im Maggiatal

Von Thomas Verbeck, April 2017

»Miteinander arbeiten – voneinander lernen«, das ist das Motto einer einwöchigen Fortbildungsveranstaltung des Arbeitskreises der Werklehrer im Bund der Freien Waldorfschulen. Sie findet in Form eines Symposiums jährlich im Herbst statt.

»Warum kommst du eigentlich noch hierher?« – diese Frage stellt mir ein angehender Lehrer. Wir sitzen beim Frühstück in der Casa Antica in Prato Sornico. Wir sind Werklehrer, geben künstlerischen Unterricht in der Oberstufe und arbeiten nebenher als Kunstschaffende. Einige haben Herbstferien, andere sind von ihren Schulen für diese Fortbildung beurlaubt worden. – »Du kannst das doch schon alles«, schiebt mein Gegenüber hinterher. Der zweite Teil der Frage verblüfft mich einigermaßen. Aber irgendwie hat er ja auch Recht.

Neben ihm, dem Frischling, einer, der sich eigentlich allmählich auf seine Pensionierung vorbereiten sollte – wir beide und alle anderen sitzen im selben Boot. Keiner ist Kursleiter oder Dozent. Alle wollen miteinander arbeiten und voneinander lernen. Eine zufriedenstellende Antwort bleibe ich für den Moment schuldig. Das Gespräch werden wir fortsetzen, so oder so. Die Form des Symposiums erfindet sich als soziale Lern- und Arbeitsform immer wieder neu. Initiative erwächst aus dem wachen Interesse für eine Sache, in diesem Fall das praktische Üben in der Steinbildhauerei. Ein paar Initiatoren stecken den organisatorischen Rahmen ab und geben Impulse, Tipps und praktische Hinweise, wenn nötig. Jeder geht seiner eigenen künstlerischen Arbeit nach. Der Ausgangspunkt ist für alle Teilnehmer gleich. Alle sind im besten Sinne des Wortes Anfänger. Jeder begibt sich auf seine Reise. Weder Weg noch Ziel sind bekannt. Es gibt keine Grenzen, außer denen, die das Material setzt. Die elementare Kraft des Maggiatales lässt eine intensive Arbeitsatmosphäre entstehen. Jeder geht – eingebettet in die Gemeinschaft – in die Auseinander­setzung mit seinem Stein, folgt seinen Impulsen. Die Woche mit gut sieben Arbeitsstunden pro Tag erscheint nur zu Beginn lang.

Hat man seinen Rhythmus gefunden, vergeht die Zeit manchmal schneller, als einem lieb ist. Man wünscht sich die üblichen zwei, drei zusätzlichen Tage, um das »angestrebte« Ziel zu erreichen.

Ein So-als-Ob gibt es nicht

Bei einer rückblickenden Werkbetrachtung am Ende der Arbeitswoche steht das Staunen im Vordergrund über die Qualität, die Vielgestaltigkeit und den individuellen Ausdruck. Jedes Werkstück hat seinen Platz in der Gesamtschau und erfährt seine Würdigung. Gelassene Zufriedenheit und ein bisschen Stolz machen sich breit. – Dann muss auf­geräumt werden.

Was haben wir eigentlich in den Tagen gelernt, jeder für sich und in der Gemeinschaft? Das möchte man vielleicht gar nicht veröffentlichen, weil es doch zu privat wäre. Ein paar Facetten lassen sich aber doch beleuchten.

Zunächst einmal haben wir uns interessiert auf den Weg ins Maggiatal gemacht, ohne genau zu wissen, was und wer kommen würden. Wir haben uns gegenseitig vertraut. Wir haben uns auf einen Arbeitsprozess eingelassen. Wir haben uns in unserer Arbeit gezeigt. Wir haben den Anderen wahrgenommen und sind wahrgenommen worden. Wir haben um Rat gebeten oder um Hilfe gefragt und kamen in ein Gespräch. Wir haben unsere Beobachtungen ausgetauscht. Wir haben Anregungen bekommen und aufgenommen. – Eines trat aber fast überhaupt nicht in Erscheinung: das vorschnelle, kritisierende Urteil. Jeder wurde für seinen Mut belohnt, sich aufgemacht zu haben. Freude über den Erfolg und das schmerzhafte Leiden an einem vorübergehenden Scheitern waren zu spüren.

Es war eine pädagogische Fortbildung. Wir haben uns selbst in die Lern- und Entwicklungssituation von Schülern im höheren Jugendalter begeben, sind vorbehaltlos in den Lernprozess eingestiegen, haben nie so getan als ob.

Auf diesem Weg konnten wir uns üben in der praktischen Arbeit im Sinne einer Fingerübung, durften aber auch erleben, etwas Neues zu schaffen, ohne es eigentlich beabsichtigt zu haben. An ein paar Abenden haben wir am wärmenden Kachelofen in großer Runde oder im Einzelgespräch didaktische und methodische Fragen aus dem Unterricht bewegt und dabei auch der ursprünglichen Bedeutung des »Symposiums« Rechnung getragen, dem gemeinsamen, geselligen Reden. Die eingangs gestellte Frühstücksfrage hatte sich wohl im Laufe der Zeit von selbst beantwortet. ‹›

Kontakt: Hans Hietel, Werklehrer an der Parzivalschule in Karlsruhe, dort auch Informationen und Anmeldung: h.hietel@gmx.at

Termin: Fortbildungsbroschüre des Bundes der Freien Waldorfschulen.

Link zur Unterkunft: www.casaantica.ch

Zum Autor: Thomas Verbeck ist Fachlehrer für Holzwerken in der Mittelstufe, Schmieden und Steinhauen in der Oberstufe und Englisch in der Unterstufe an der Freien Waldorfschule in Remscheid.

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