Vom Immigranten zum Hochschulrektor

Juni 2013

Marcelo da Veiga, Professor für philosophische und ästhetische Bildung und Rektor der Alanus Hochschule in Alfter, über die Hochschule, sich selbst und die Anthroposophie.

Studenten der Alanus Hochschule verbinden Kunst und Wissenschaft miteinander. Foto: © Barbara Burg + Oliver Schuh, www.palladium.de

Sibylla Hesse | Wie verlief Ihr Weg vom brasilianischen Immigranten-Kind ohne Deutschkenntnisse zum Gründungsrektor einer Hochschule in Deutschland?

Marcelo da Veiga | In der Tat bin ich mit sechs Jahren hierher gekommen, ohne Deutsch zu können. Im Ruhrgebiet habe ich dann meine gesamte Schulzeit bis zum Abitur verbracht. Nach meiner Promotion gingen meine Frau und ich 1990 nach Brasilien und ich wurde zunächst Waldorflehrer in São Paulo, dann Professor an einer staatlichen Hochschule. Nach neun Jahren kamen wir mit unseren drei Kindern zurück und ich wurde Geschäftsführer und Lehrer in einer Steiner-Schule. Da ich viel Erfahrung mit Schulberatung und Hochschulentwicklung hatte, engagierte mich die Software AG-Stiftung als Projektleiter für den Bereich Schule und Hochschule.

Ich habe mich dann, neben anderen Projekten, zunächst um einige finanziell bedrohte Waldorfschulen gekümmert. Anfang 2002 wurde ich als externer Berater an die Alanus Hochschule eingeladen und gebeten, den Prozess der staatlichen Anerkennung und später der institutionellen Akkreditierung durchzuführen. Als dies gelang, wurde ich zum Teil des Systems und zum Professor für Bildungsphilosophie und Anthroposophie berufen. Zum Rektor wurde ich durch einen Akt der Selbstverwaltung: durch geheime Wahl des Senats der Hochschule. Die Amtszeit ist befristet und läuft automatisch ab und dann muss neu gewählt werden.

SH | Welches Ziel verfolgen Sie mit Ihrer Hochschule?

MdV | Mir geht es darum, einen akademischen Ort zu schaffen, an dem man mit voller akademischer Freiheit und Anerkennung Anthroposophie und Waldorfpädagogik betreiben kann. Gleichzeitig interessiert mich der interdisziplinäre Ansatz, der Kunst und Wissenschaft verbindet.

SH | Was ist besonders innovativ an der Alanus Hochschule?

MdV | Innovativ ist es, eine vom deutschen Wissenschaftsrat akkreditierte Hochschule zu betreiben, die sich in ihrem Leitbild nicht primär auf Humboldt, sondern ausdrücklich auf Rudolf Steiner beruft. Das zu erreichen war kein Kinderspiel und gelang sogar mit der höchstmöglichen Akkreditierungsstufe. Das ist eine gesellschaftliche Neuheit in Deutschland. Innovativ ist auch die Integration eines BWL-Studiums mit sozialen und ökologischen Schwerpunkten in den Kontext einer Kunsthochschule. Schließlich die Tatsache, dass wir Lehrerbildung mit waldorfpädagogischer Ausrichtung im Rahmen unserer BA- und MA-Studiengänge betreiben und trotzdem die volle Lehramtsbefähigung zurzeit für das Fach Kunst und in Zukunft auch für weitere Fächer, also ein Staatsexamen, vergeben können.

SH | Warum bieten Sie berufsbegleitende Studiengänge für Pädagogen an?

MdV | Weil wir praktizierenden Lehrern die Möglichkeit zur akademischen Weiterbildung geben und Menschen, die in anderen Berufen stehen, eine fundierte Weiterbildung zum Waldorflehrer, Forscher oder Berufspädagogen ermöglichen wollen.

SH | Warum halten Sie es für wichtig, dass Studierende ein Grundlagenstudium in Erkenntnistheorie absolvieren?

MdV | Die Erkenntnistheorie führt bei Steiner dazu, zu zeigen, dass es ein Erkennen der Realität des Geistes und nicht bloß den Glauben daran gibt. Steiner hat den Geist nicht erfunden, aber er hat sehr wohl eine neuartige Methode gefunden, die bei der Selbstbeobachtung des erkennenden Bewusstseins ansetzt und erlaubt, die Dimension des Geistigen methodisch gesichert zu erkennen. Nach meiner Erfahrung hilft dieser Ansatz, den wesentlichen Kern der Anthroposophie zu begreifen und bietet zudem einen gewissen Schutz vor Dogmatismus.

SH | Aus der Perspektive der Studierenden: Wir erleben, dass sich an der Alanus Hochschule alle Mitarbeiter für unser Fortkommen interessieren. Warum kultivieren Sie diese Atmosphäre?

MdV | Weil die Qualität des Studiums vom menschlichen Miteinander abhängt. Pädagogik beruht auf einer personalen Beziehung. Der »Lehrende« muss vom Willen beseelt sein, den anderen in seiner Entwicklung zu fördern. Informationen kann man sich anlesen oder im Internet besorgen.

SH | Muss Rudolf Steiners Werk heute kontextualisiert werden, vielleicht sogar historisiert?

MdV | Es bedarf immer neuer und größerer hermeneutischer Anstrengungen, das Werk Steiners zeitgemäß zu erschließen und zugänglich zu machen. Das fängt schon bei der Sprache an, die für 19-Jährige von heute viele unbekannte Wörter und Redeweisen enthält. Das gilt übrigens für andere Philosophen auch. Die historische Verortung des Denkens war schon immer wichtig und ist es auch im Falle Steiners, sonst kann man seine Bedeutung nicht begreifen.

SH | Was sollte man tun mit Stellen im Werk Steiners, die heute als rassistisch beurteilt werden?

MdV | Es gibt bei Steiner eine aus der europäischen Geistesgeschichte (z.B. Linné) und der Theosophie (Blavatsky) von ihm zeitweise übernommene Rassenterminologie. Rassismus selbst gibt es meines Erachtens bei Steiner definitiv nicht. Steiner ging es im Gegenteil klar um die Überwindung des Rassedenkens, das zu seiner Zeit allerdings sehr verbreitet war. Es gibt jedoch einige wenige Textstellen, z.B. in den »Arbeitervorträgen«, die ich abwegig finde und von denen ich mich distanziere. Sie sind mir auch offen gestanden völlig unerklärlich, weil sie in einem so scharfen Kontrast zu Steiners wesentlichen Ideen stehen. Im Übrigen, wenn man Steiner wertschätzt, bedeutet das ja nicht, dass man seinen Verstand ausschalten soll und jede beliebige ihm zugeschriebene Aussage einfach übernimmt.

SH | Warum laden Sie Kritiker der Anthroposophie und Waldorfpädagogik zu Vorträgen ein?

MdV | Weil es Menschen sind, die sich zum Teil sehr umfassend mit dem Werk Steiners beschäftigt haben und man nicht ausschließen sollte, dass sie Dinge möglicherweise besser verstehen als man selbst. Kritik, wenn sie nicht auf persönliche Diffamierung aus ist, gehört im Übrigen zum normalen Geschäft der Wissenschaft. Die anthroposophische Bewegung hat die kritische Reflexion ihrer Literatur selber kaum ernstlich entwickelt. Dadurch hat sie sich den Vorwurf des Sektierertums zugezogen. Dass die Kritik dann vehement von außen kommt, ist eine Folge der eigenen Versäumnisse. Es gibt zwar auch unseriöse Kritiker, mit denen keine Auseinandersetzung möglich ist, aber es ist wenig hilfreich Kritiker schlechthin, wie es gelegentlich vorkommt, als »Gegner« abzustempeln.

Link: Studieren der anderen Art

Die Fragen stellte Sibylla Hesse, Geschichtslehrerin an der Freien Waldorfschule Potsdam, die in ihrem Freijahr an der Alanus Hochschule als Gasthörerin Bildungswissenschaften studiert.

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