»Ist das Kunst, oder kann das weg?«

Von Siegmund Baldszun, Juli 2019

Es wird immer deutlicher: Was vor 100 Jahren den Waldorflehrern von Rudolf Steiner mitgegeben wurde, bekommt erst im 21. Jahr-hundert als pädagogisches Werkzeug langsam seinen wahren Sinn.

Foto: © Charlotte Fischer

»Ist das Kunst, oder kann das weg?« – in aller Radikalität verstanden, könnte man diese Frage auch so interpretieren, dass in Zukunft alles weggeräumt werden wird und allein die Kunst stehen bleiben darf. Bezogen auf den Unterricht der Waldorfschule – wohlgemerkt: auf jeden Unterricht, nicht nur auf die künstlerischen Fächer – erscheint das heute möglich. Denn: Was braucht der werdende Mensch, um die in ihm liegenden Zukunftsimpulse zur Erscheinung bringen zu können, in einer Welt, die wir, die Erwachsenen, geschaffen haben? Neugier, Empathie, Durchhaltekraft und eigenständiges Denken. Und wie könnte er diese Kräfte besser ausbilden, als in einem täglich neu geprobten Unterrichtskunstwerk, das er voller Begeisterung selbst in sein Leben einschreibt?

Kunst im Alltag

»Unterrichtskunstwerk« klingt vielleicht etwas vermessen. Sagen wir besser: Inszenierung. Wie sieht das im Alltag aus? Fachstunde Französisch, 8. Klasse. Der Lehrer begrüßt die einzelnen Schüler an der Tür. Als alle sitzen, werden in der Fremdsprache – eigentlich Freundsprache – Tag, Datum und Aktuelles aus Frankreich kurz angesprochen. Dann stehen alle auf, Begrüßung, Sprachübungen, Gedichtrezitation. Danach kurze Übung zur Wiederholung und Festigung der Grammatik. Jetzt hängt der Lehrer eine farbige Bildkopie zum Thema der Lektüre an die Tafel: Kinderarbeit in Burkina-Faso. Daran anknüpfend Fragen und methodisch geführter kleiner Gedankenaustausch: erst alleine nachdenken, dann mit dem Partner austauschen, schließlich in der Gesamtklasse teilen. Daraus ergibt sich eine schriftliche Aufgabe: Entwerft ein Filmskript zu dieser Szene oder ein Plakat zu diesem Dokufilm, die alleine oder in Partnerarbeit begonnen wird und zu Hause beendet werden soll. Ende der Stunde.

Digitale Ökologie als Notmaßnahmen 

War das Kunst, oder kann das weg? War das nicht ein ganz traditioneller Unterricht? Für den wachen Zeitgenossen ist deutlich, dass die Lebenswelt der Jugendlichen extrem interessante Spannungen in sich birgt. Die Industrialisierung und Kommerzialisierung der Intelligenz durch digitale Techniken, durch »social media«, der Sog der Bilder und Nachrichten, die geniale Verbindung von Neurowissenschaften und Computertechnologie, die ungeahnten Möglichkeiten der Wissensdarstellung und der Kommunikationsformen – all das konkurriert mit der Schule und lenkt ab. Nicht alle natürlich. Manche führt es zum Studienziel, manche steigen aber auch aus. Aber zur individuellen Förderung sind die auf Algorithmen gestützten persönlichen Coachingprogramme nach dem neuesten (behavioristischen) Lernmodell schon in Planung. Angesichts heutiger Verhältnisse wird man teilweise auch an Huxleys »Brave New World« aus dem Jahr 1931 erinnert – und das alles im Kontext der gesellschaft­­lichen Fragmentierung, der wirtschaftlichen Deregulierung, der »Externalisierungsgesellschaft« (Stephan Lessenich). Dagegen scheinen die aktuellen Forderungen nach »Medienkompetenz« geradezu niedlich, die nach einem zusätzlichen »Digitalpakt« für die Schule geradezu »faustisch« perfide, hingegen die nach dem Leitfach »Digitale Ökologie« (Bernhard Pörksen) eine interessante Notmaßnahme.

Steiner wird jetzt erst aktuell

Es wird immer deutlicher: Was vor 100 Jahren den Waldorflehrern von Rudolf Steiner mitgegeben wurde, bekommt erst im 21. Jahrhundert als pädagogisches Werkzeug langsam seinen wahren Sinn. Früher konnte man in der Waldorfschule »angstfrei lernen – selbstbewusst handeln« (Christoph Lindenberg), dann war lange Zeit das Klischee »Namen tanzen« in aller Munde. Angesichts der oben angedeuteten Herausforderungen wird sich zeigen, dass es inzwischen doch um noch Grundlegenderes geht: um den werdenden Menschen, um die Menschlichkeit in allem. Hier liegt der Verlust, die Gefahr, die Herausforderung heute. 

Und man bräuchte nur an einige Grundimpulse der Waldorfpädagogik zu erinnern, um deren radikale Modernität zu bemerken: Der Unterricht baut auf die Individualität des Lehrers und des Schülers. Es wird von Seele zu Seele unterrichtet; es geht um altersgemäße Inhalte und Methoden; in allen Fächern wird das Wissen dynamisiert, rhythmisiert, menschlich gestaltet; die Wirkungen des Schlafs, der Nacht – und des Vergessens – werden einbezogen. Was bedeutet all dies in der kulturellen Lage des beginnenden 21. Jahrhunderts?

Unterricht, der ins Offene geht

Schauen wir nochmal auf den Alltagsunterricht der 8. Klasse: Noch bevor der Tag beginnt, sucht der Lehrer die Verbindung zu den Schülern (Rückblick, Vorblick) und bewegt methodische und inhaltliche Fragen. Er sucht die authentische, wertschätzende Begegnung mit jedem einzelnen, er verwandelt den alten Frontalunterricht in einen »Cordialunterricht« (Alain Denjean), der den Weg von Seele zu Seele sucht. Es geht nicht nur um Wissensvermittlung und Stoff, sondern um die Bildung von Beziehungen zwischen Schüler und Welt, Schüler und Schüler, Schüler und Lehrer. Gesucht ist die Wesensbegegnung mit dem Thema, die persönliche Beschäftigung, die Gestaltung in Schrift und Bild, so wie jeder das auf seinem Lernniveau vermag. Und das alles nicht als Anwendung eines – womöglich staatlich verordneten zentralen – Plans, sondern innerhalb einer täglich neu erprobten Inszenierung, die von den Schülern selbst in ihr Leben eingeschrieben wird.

In diesem Sinne könnte man sagen: Das ist Kunst, das ist performativ und das bleibt! Vielleicht hat Rudolf Steiner das mit »künstlerischem Unterricht« gemeint: einem Unterricht, der auf Individualität beruht, aus dem Gemeinschaft hervorgeht, der von der Zukunft herkommt, den es noch nie gab, der ins Offene geht, der vertiefend üben kann, Entwicklung anregt und damit bildend wirkt. Was natürlich auch bedeutet, dass er sich ständig metamorphosiert, weil er nur dann dem werdenden Menschen gerecht wird.

Siegmund Baldszun ist Französischlehrer an der Freien Waldorf­schule Uhlandshöhe; Lehrtätigkeit an der Freien Hochschule Stuttgart und Mannheim sowie an Fortbildungstagungen und an der »Semaine Française«.

Literatur: A. Denjean: Die Praxis des Fremdsprachenunterrichts an der Waldorfschule, Stuttgart 2000 | S. Lessenich: Neben uns die Sintflut: Wie wir auf Kosten anderer leben, München 2018 | C. Lindenberg: Angstfei lernen – selbstbewusst handeln. Reinbek 1975 | B. Pörksen: »Wir lernen Netz. Digitale Ökologie als Schulfach. Wie wir im Internet zu mündigen Bürgern werden können.« In: Die Zeit, 9/2016, 18.2.2016

Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

Folgen